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Aufbrechen – um anzukommen
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Aufbrechen – um anzukommen

Dr. Wolfgang Hartmann
Ein Beitrag von

Dr. Wolfgang Hartmann,

Spiritual im Priesterseminar, Fulda
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„Brügge sehen … und sterben?“ – Das Filmdrama aus dem Jahr 2008 war für mich der Anlass, mir selbst einmal dieses historisch so besondere Städtchen anzusehen. Der Film spielt in der mittelalterlichen Kulisse der Innenstadt von Brügge. Es sind grandiose Bilder. Geheimnisvoll erinnern sie an längst vergangene Zeiten. Da Brügge im Krieg nicht zerstört worden ist, blieb sein altbekanntes Gesicht vollständig erhalten. Bei meinem Besuch in Brügge wurde mir erneut bewusst, dass Kathedralen und Kirchen von jeher die Stadtbilder Europas prägen. Sie sind Zeugen christlichen Glaubens, der sich über die Jahrhunderte hinweg zumindest im Mittelalter im Leben der Menschen widerspiegelte. Hier kam man zusammen, um zu beten, einander zu begegnen und dadurch gestärkt in das Grau und die Eintönigkeit des Alltags zurückzukehren. Der Alltag fand früher noch mehr in den Städten statt, die um die Kirchen herum gebaut waren. In der Regel wurden sie von einer Stadtmauer umgeben, die ihrerseits Sicherheit gab, Rechtsbereiche abgrenzte und nicht selten auch die heiligen Orte von den unheiligen Orten trennte. Die Gottesdienste, die in den Kirchen gefeiert wurden, waren ein Zeichen dafür, dass das Heilige einerseits selbst ein Teil der Stadt war und andererseits wiederum an einem besonderen Ort gefeiert wurde. Wer zu diesem wollte, musste aus der Welt des Unreinen aufbrechen. Nur hier konnte man jene Gnade erlangen, die ewiges Seelenheil verhieß. In unserem Zeitalter machen Fernsehgottesdienste, religiöse Internetportale, Radioübertragungen von Andachten und vieles mehr deutlich, dass sich das Heilige nicht durch Mauern aus Stein einengen lässt. Gotteserfahrung findet immer schon auch außerhalb der Kirche statt. Daran mögen die vielen Prozessionen am heutigen Fronleichnamstag erinnern, an dem katholische Christen mit dem geweihten Brot, der Heiligen Eucharistie, durch die Städte ziehen und dabei singen und beten. Es ist ein schönes Zeichen: Gott selbst geht die Wege des Menschen in dieser Welt mit.

Musik: Wolfgang Öxler, „Gottvoll und den Menschen nah“, CD: Capriccioso – Musik für Trompete und Orgel, Dauer: 03:53

Gott sei Dank, so ist unsere Erfahrung, kann der Geist Gottes nicht eingesperrt werden. Er weht, wo er will. Keine Schranke der Welt kann ihn kontrollieren und aufhalten. Das kann verunsichern. Eine solche Erfahrung machen heute viele Menschen in der Kirche. Da ist auf einmal nichts mehr so wie es war, denn kleine Gemeinden werden auf einmal zu einer großen Pfarrei zusammengelegt. Aber die Lebendigkeit unserer Gemeinden und Gemeinschaften kommt nicht aus den sicheren Strukturen, um deren Erhalt sich viele Kirchenbehörden bemühen. Die Strukturen verändern sich sehr stark und stehen oft im Gegensatz zum herkömmlichen Denken, können dadurch aber in neuer Weise auf Gott aufmerksam machen und neue Wege in der Kirche eröffnen. An Fronleichnam gehen wir solch neue Wege, wenn wir die Kirchenräume verlassen. Ich denke dabei auch an die biblische Gestalt des Mose, der das Volk Israel aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt hat und mit den Israeliten durch die Wüste wanderte. Aber die anfängliche Euphorie schlägt allmählich in Zorn um. Die Israeliten sind das Manna satt, das Gott ihnen gegeben hat. Sie beginnen zu murren und sehnen sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Mose fühlt sich verlassen, einsam und überfordert. In diesem Augenblick erfährt er, dass er nicht allein ist. Es werden ihm siebzig Männer an die Seite gestellt, die mit ihm Verantwortung übernehmen. Auf sie alle kommt der Geist Gottes herab. Das entlastet Mose. Gemeinsamkeit ist Stärke. Bereits beim Aufbruch ins gelobte Land ereignet sich die Zuwendung Gottes. Für mich ist das eine wichtige Inspiration für die Kirche in unserer Zeit. Es braucht das Wagnis von Aufbruch wie an Fronleichnam. Und zwar auch dann, wenn wir nicht genau wissen, wie alles im Einzelnen gelingen kann. Wo wir aber im Vertrauen auf Gottes Gegenwart aufbrechen, da werden wir seine Zuwendung erfahren, und zwar auch dort und in einer Weise, wo und wie wir es vielleicht nicht vermutet haben. Schon der hl. Augustinus schreibt: „Wie man in der ‚Catholica‘ – das heißt, in der Kirche – finden kann, was nicht katholisch ist, so kann es außerhalb der ‚Catholica‘ etwas Katholisches geben“. Von der Erfahrung, den Aufbruch zu wagen, weil Gott auch im Fremden und Ungewohnten da ist, spricht ein Lied im Gotteslob, dem Gesangbuch der katholischen Kirche. In einer Liedstrophe heißt es dort: „Wir ziehen vor die Tore der Stadt. Der Herr ist nicht mehr fern. (…) Er wird zu den Verstoßenen stehn, wird nicht nach anderer Urteil sehn. Er ist entschlossen Wege zu gehn, vor denen allen graut“.

Musik: Robert Jones, „Gottes grenzenlose Liebe“, CD: Geistliche Chorwerke – Jones/Trambling, Dauer: 03:54 

Mir kommt ein Wort des Dichters Reinhold Schneider in den Sinn: „Der Weg wächst im Gehen unter deinen Füßen -  wie durch ein Wunder“. Ich habe gelesen, dass dieser Satz deshalb vielen Menschen Trost und Hoffnung gegeben hat, weil er so zutiefst menschlich ist. Um den Weg des Lebens zu gehen, braucht es den Aufbruch und damit die bewusste Entscheidung, zu leben. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Viele Menschen haben Angst davor, das Leben anzunehmen. Vielleicht liegt es daran, weil ihnen der Standpunkt, die Mitte ihres Lebens fehlt. Am Beginn der Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, mit deren Hilfe der Mensch den Weg seines Lebens erkennen soll, steht daher ein prägnanter Satz, der das Programm des menschlichen Daseins beschreibt: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, ihn zu verehren und ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten.“ Dieser sperrige Satz braucht in seiner zugespitzten Form eine Auslegung. Ich denke, vor dem Hintergrund der Geistlichen Übungen das Wort „geschaffen“ so auszudrücken, dass der Mensch als Geschöpft Gottes von ihm ausdrücklich gewollt und geliebt ist. Wenn das der Standpunkt meines Lebens ist, dann kann ich aufbrechen. Nach den Worten von Reinhold Schneider wächst der Weg des Lebens im Gehen – wie durch ein Wunder. Es sind wohl die vielen kleinen Augenblicke gemeint, in denen sich etwas fügt, was zuvor nicht gelingen wollte. Immer wieder machen wir alle damit unsere Erfahrungen. Dies sollte uns Mut geben. Denn ohne Aufbruch kommen wir nicht an und wie durch ein Wunder wächst der Weg während wir ihn gehen.

Musik: Christopher Tambling, „Panis angelicus“, CD: Geistliche Chorwerke – Jones/Trambling, Dauer: 02:28 

Noch einmal denke ich an die mittelalterlichen Mauern, Häuser und vielen Kirchen von Brügge. Sie schaffen Geborgenheit. Die Absicherung von allem Fremden kann aber auch das Leben verhindern. Als zum Ende des 15. Jahrhunderts der Zwin versandete, war Brügge von der Nordsee abgeschnitten. Deshalb war der Seehandel unmöglich. Brügge verarmte. Erst als 1907 ein Anschluss an den Seehafen Zeebrügge geschaffen wurde, erlebten die Bürger der Stadt einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung. Es müssen also manchmal Mauern, die wir aufgebaut haben, um unseren Bestand zu sichern, abgerissen werden. Auch die in der Kirche. Der Verfasser des Hebräerbriefes formuliert ganz in diesem Sinne: „Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13,14).
Da ist es wieder, das Bild des Aufbruchs. Das Bild von Fronleichnam. Auch der Christ ist ein Mensch, der bereit ist, aufzubrechen und ins Ungewisse der Fremde zu gehen. Im Urlaub machen wir das gern. Wer von uns geht nicht gern auf Reisen. Dabei ist das nicht immer ganz leicht. Denn Reisen ist ja auch Arbeit: Es bedeutet Fremdsprache, ungewohnte Betten, Essen, „was der Bauer nicht kennt“, andere Sitten und vieles mehr. Diese vielen Eindrücke wollen verarbeitet werden. Und die Frage, die immer mitgeht, ist: Werde ich alles bekommen, was ich brauche? Werden meine Erwartungen in Erfüllung gehen, werde ich enttäuscht, verunsichert oder gestärkt und erholt zurückkommen? Die Fragen bleiben, aber es bleiben immer auch die Hoffnung und die Freude auf das unbekannte Neue.
„Wieder ist Gott reisefertig“ heißt der letzte Satz aus einem Gedicht von Nelly Sachs. In diesem Text drückt die Dichterin aus, dass der überraschende Gott auch in der letzten „Immobilie“, der letzten Unbeweglichkeit, dem Tod, noch auf die Reise ruft. Gott ruft hinaus. Er ruft immer neu ins Leben, und zwar in ein Leben jenseits sicherer Stadttore.
Auch Jesus handelt häufig außerhalb des heiligen Bezirks. Er spricht vor den Toren der Stadt mit der andersgläubigen Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-21). Ebenso wird er vor den Toren der Stadt gekreuzigt (Hebr 13,12) und begegnet den Emmausjüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24,13-35), also draußen und nicht drinnen! Und auch für die Kirche öffnen sich immer wieder Orte, an denen Heil geschieht. Stadt- und Kirchengrenzen werden gesprengt und überschritten. Sie sind für Gott kein Hindernis, um uns seine Gegenwart zu schenken, das zeigt auch der Fronleichnamstag, wenn wir mit Gott durch unsere Städte ziehen. Im Aufbruch liegt daher immer die Möglichkeit einer neuen Sendung. Denn wenn auch wir bereit sind, Sicherheiten aufzugeben, können wir denen neu begegnen, die durch die Not- und Ortlosigkeit unserer Zeit geprägt sind und sich nach Heimat und Geborgenheit sehnen. Für sie sollen wir Christen da sein. Denn wir begegnen doch auch Christus außerhalb des heiligen Bezirks, dort, wo wir nicht von schützenden Mauern umgeben sind. Er macht uns Mut, mit ihm auch dahin zu gehen. In dem bereits erwähnten Lied aus dem Gotteslob heißt es am Ende: „Er ruft uns vor die Tore der Welt. Denn draußen wird er sein. (…) er ruft uns vor die Tore der Welt: Steht für die draußen ein“.

Musik: Rudolf Mauersberger, „Es ist ein köstlich Ding“, CD: Komponisten Portrait – Rudolf Mauersberger CD 2, Dauer: 01:58

Musikauswahl: Regionalkantor Armin Press, Hanau

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