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Tag der Verschwundenen
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Tag der Verschwundenen

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz

Plötzlich ist jemand verschwunden – einfach so. Wie schlimm muss das für die Angehörigen sein, wenn jemand spurlos verschwindet. Heute am Tag der Verschwundenen gelten weltweit mehrere 10.000 Menschen als „verschwunden“. Das bedeutet, sie wurden entführt oder willkürlich verhaftet, ohne dass ihre Familien über ihren Aufenthaltsort informiert wurden. Meist geschieht das in totalitären oder diktatorischen Regimen in Mittel- oder Südamerika, in Zentralafrika oder China.

Im Jahr 2010 wurde eine UN-Konvention zum Schutz von Personen vor dem Verschwindenlassen beschlossen, trotzdem verschwinden jeden Tag auf der Welt Menschen. Dieser jährliche Gedenktag will an sie und an das Leid ihrer Familien erinnern. Gleichzeitig soll er alle Staaten mahnen, diese unmenschliche Praxis zu bekämpfen.

Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen, als über den Verbleib eines mir nahestehenden Menschen nichts zu wissen. Und dennoch gibt es auch in Deutschland viele Menschen, die verzweifelt nach Angehörigen suchen. Noch in den 50er und 60er Jahren wurden Kinder von so genannten „ledigen Müttern“ gegen deren Willen zur Adoption frei gegeben. In der DDR wurden Kinder politisch unliebsamer Eltern zum Teil gleich nach der Geburt in andere Familien gegeben. Den Eltern erzählte man, ihr Kind sei gestorben. Das stelle ich mir so schrecklich vor!

In der Bibel gibt es eine Geschichte über einen Verschwundenen, der zwar freiwillig sein Zuhause verlässt, aber dessen ungewisses Schicksal seinen Vater sicher sehr belastet hat. Umso größer ist seine Freude, als der „verlorene Sohn“ wieder nach Hause kommt: „Mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“ ruft er aus und lässt ein großes Fest feiern. (Lk 15, 24)

Diese Geschichte steht als Gleichnis in der Bibel. Sie ist also ein Beispiel dafür, wie Gott ist. Gott lässt niemanden verschwinden. Für Gott geht niemand verloren, denn wie es an vielen Stellen der Bibel heißt: Der Name jedes Menschen ist im Himmel verzeichnet. Das bedeutet auch: Gott kennt jedes einzelne Schicksal.

Mein Glaube lässt mich sicher sein: Gott lässt niemanden verloren sein. Er lässt den Menschen nicht allein, der verschleppt wurde, und er bleibt bei denen, die verzweifelt nach jemandem suchen.

In vielen Ländern haben sich Vereine und Verbände gegründet, in denen sich Angehörige bei der Suche unterstützen. Diese Vereinigungen leisten wertvolle Hilfe bei der Bewältigung dieses schweren Schicksals.

Trotzdem bleibt dieser Tag ein Stachel in meinem Gewissen: Auch ich kann die Verschwundenen nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen. Das Mindeste, was ich für sie tun kann ist, an sie zu erinnern.

Heute werde ich eine Kerze anzünden und ins Fenster stellen für alle, die nach Hause kommen möchten und für alle, die dort auf sie warten. Mit mir tun das viele Betroffene.

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