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Wortlos
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Wortlos

Jens Haupt
Ein Beitrag von

Jens Haupt,

Evangelischer Diakoniepfarrer, Bad Hersfeld
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Das fällt mir schon auf: Man spricht nicht mehr, man drängelt lieber wortlos. Ich meine nicht die Schüler im Zug, die einen Vierersitz suchen. Sie wollen schließlich alle das neue Spiel auf dem kleinen Smartphone sehen. Ich meine meinesgleichen, Menschen um die sechzig. Schieben sich ohne ein Wort in eine Schlange, drängeln an der Kasse, schieben sich in den Bus, bevor die Aussteigenden Platz gemacht haben. Haben wir die Höflichkeit verlernt? Wenigstens ein „Entschuldigen Sie bitte“  oder:  „Darf ich mal vorbei?“ Wortlos einfach durch. Wortlos. Das ist es, was mich ärgert. Dass jemand aus dem Bus austeigen will und ich dafür aufstehe, kein Problem. Gern. Aber wenigstens mit mir sprechen, das wäre es. Bin ich es nicht wert, dass man mich anspricht? Ausländer beschreiben ja häufig, dass sie sich wundern, dass man in unserem Land schweigt, wenn viele Menschen zusammenkommen. Wegschubsen, nicht hinschauen, so tun als sei der andere unsichtbar. Es ist erschreckend, wie unser Verhalten dem entspricht, was viele Menschen tagtäglich erleben. Sie werden nicht gesehen, haben keinen Platz, sind der Rede nicht wert. Gesellschaftliche Verdrängung nennt man das, Ignoranz und Ausgrenzung. Wir klären in der Diakonie gerade die Frage, in welchem Teil der Stadt wir die Beratungsstelle für Wohnungslose neu beheimaten können, welcher Vermieter uns aufnimmt. Menschen mit Rucksack, Einkaufstaschen, Einkaufswagen, bisweilen mit ansehnlichem Hund. Interessante Gestalten, beeindruckende Menschen, die keine feste Bleibe haben, oft aber eine sehr bewegende Geschichte. Wer mag sie in der Nachbarschaft haben? Wen interessiert es, was sie erleben? Wenn ich ehrlich bin: Ich mache auch einen Bogen um Menschen, die schwierig aussehen, nur ja keinen Blickkontakt, um nicht angesprochen zu werden. Ich bleibe stumm und wortlos. Und auch beim Drängeln habe ich mich erwischt. Mir geht immer noch die Kirchentagslosung vom Wochenende durch den Kopf: Du siehst mich. Das könnte auf dem Weg zur Arbeit auch meine Augen, meinen Mund öffnen. Dann wird‘s ein guter Tag.

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