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Mauern überwinden - das geht
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Mauern überwinden - das geht

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim

Manchmal reicht ein Lied, ein Gebet oder der Kuss der Fingerspitzen. Mein Lieblingscafé befindet sich in einer alten Villa am Main. Zu diesem Café gehört ein wunderschöner Außenhof. Umgeben von hohen, mit Wein bewachsenen Bruchstein-Mauern. Schon früh im Jahr entfaltet die Sonne in diesem Hof ihre ganze Kraft. Dank der Mauern können wir schon im Februar unseren ersten Kaffee und Kuchen draußen genießen.

Eine Mauer bietet Geborgenheit. „My home is my Castle“, sagen die Engländer. Mein Zuhause ist meine Burg. Das gilt auch für mich. Ich möchte einen sicheren Ort zum Leben haben. Einen Ort, an dem ich auch mal die Tür hinter mir zu machen kann. Wo ich mich zurückziehe und in Ruhe gelassen werde. Und wo sich niemand daran stört, wenn ich meinen freien Tag zusammen mit meinen Kindern im Schlafanzug verbringe. Oder mit ihnen Pizza vor dem Fernseher esse. Meine vier Wände sind mir wichtig.

Aber so eine Mauer hat immer zwei Seiten, sie trenn zwischen Drinnen und Draußen, zwischen „ihr“ und „wir“. Viele Mauern wurden im Laufe der Menschheitsgeschichte errichtet, weil sie trennen sollten. Auch in Deutschland gab es jahrzehntelang eine Mauer. Sie teilte unser Land in zwei Hälften. Sperrte Menschen ein und aus. Meine Familien, meine Kinder, die gäbe es gar nicht, wenn 1989 nicht die Grenze zwischen der BRD und der DDR gefallen wäre.

Manchmal erzähle ich meinen Töchtern aus meiner Kindheit in einem geteilten Land. Wie es war, als es noch die DDR und die BRD gab. Jeden Sommer habe ich meinen Patenonkel in der Nähe von Berlin besucht. Aber er durfte niemals zu mir kommen. Zwei Länder und doch beide Deutschland. Mit einer Grenze, die niemand so einfach überschreiten konnte und die über Jahrzehnte hinweg Familien und Freunde getrennt hat. Das klingt für die Mädchen, die regelmäßig und gerne ihre Verwandtschaft in Thüringen und Leipzig besuchen, wie ein böses Märchen. Für die Generation meiner Kinder ist das vereinte Deutschland ohne Mauern und Grenzzäune selbstverständlich. Und das ist auch gut so.

Mauern können beschützen, und sie können trennen. Mauern die nur trennen sollen, sind bei aller Stärke immer auch Zeichen der Schwäche. Sie zeigen, dass Menschen aufgehört haben miteinander zu reden. Dass sie nicht nach Lösungen suchen. Dass sie nicht in Frieden zusammenleben können oder wollen.

Deshalb erschreckt es mich auch so, dass neuerdings wieder Menschen solche Mauern fordern. Und bauen. So wie Donald Trump. Aber auch bei uns in Europa. Ich frage mich, was kann ich dagegen tun?

Wie kann ich Mauern überwinden? Ich suche eine Antwort in der Bibel und finde folgenden Satz: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen." Ich finde, das ist erstmal ein schöner Satz. Er ist kurz und kraftvoll. Er gibt Mut. Trotzdem habe ich Fragen. Denn das ist leichter gesagt, als getan. Wie soll das gehen? Es ist schon schwer genug, über den eigenen Schatten zu springen. Wie soll ich da gleich über eine ganze Mauer kommen?

Ich glaube, es hilft zu schauen, wer das in der Bibel sagt und warum. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen, stammt aus einem alten Dankgebet. Der Beter jubelt. Er hat eine wichtige Erfahrung gemacht. Sein Glaube an Gott hat ihm geholfen, scheinbar über sich selbst hinauszuwachsen. Dafür findet er dieses Bild: Mit Gott kann ich über Mauern springen.

Er sagt nicht, mit Gott gibt es keine Mauern. Er sagt auch nicht, wie lange es gedauert hat, bis er drüben war. Das finde ich, ist wichtig und ehrlich. Denn Hindernisse, Hürden und Mauern gibt es in jedem Leben. Auch privat. Der Glaube an Gott kann helfen damit umzugehen. Lösungen für scheinbar unlösbare Aufgaben zu finden. Im Gespräch zu bleiben. Sich nicht abschotten. Und nicht aufzugeben. So wie Gott es vorgemacht hat. Er hat sich auch nicht hinter Mauern versteckt. In Jesus ist er den Menschen von Ansicht zu Angesicht begegnen. Den Reichen genauso wie den Armen. Den Geachteten genauso wie den Ausgestoßenen. Er hat mit ihnen gelebt, gefeiert und gestritten und dabei so manche Mauer überwunden.

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Das gelingt mir vielleicht nicht an einem Tag. Aber es gibt mir Hoffnung. Die Berliner Mauer wurde auch nicht an einem Tag überwunden. Monatelang sind Menschen in der DDR jeden Montag auf die Straße gegangen. Beharrlich, friedlich, ohne jede Gewalt. Und sie waren erfolgreich. Weil sie daran geglaubt haben, dass es anders sein kann.

Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, hat einmal gesagt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Wer so redet, hat den Sprung bereits hinter sich.“ Ich verstehe das so: Der erste Schritt ist schon getan, wenn Menschen daran glauben, dass sie Mauern friedlich und gemeinsam überwinden können. Denn dann gibt es Hoffnung. So wie bei Daniel und seine Familie. Ihre Geschichte habe ich im Radio gehört. Es war eigentlich eine Reportage über Donald Trump. Und über die Mauer, die er zwischen den USA und Mexiko baut. Aber es war auch eine Reportage über die Menschen, die mit dieser Mauer leben müssen. Jeden Sonntag überwinden sie für einen kurzen Augenblick die Mauer, die sie trennt. Davon möchte ich erzählen.

Daniel sitzt in einem Campingstuhl. Er hat den Oberkörper weit vorgebeugt und presst das rechte Ohr gegen den Zaun. Hinter dem Zaun ist seine Familie: seine Frau und seine beiden Kinder. Seit acht Monaten kommt er hierher. Jeden Sonntag. In den „Friendship-Park“: den Park der Freundschaft. Er liegt an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. In der Nähe von San Diego. Er wurde 1971 eröffnet. Damals gab es keinen Zaun. Die Familien kamen an der Grenze zusammen. Sie verbrachten den Nachmittag Seite an Seite. Picknickten, hielten sich in den Armen und tauschten Geschenke und Neuigkeiten aus.

Mit den Jahren wurde die Grenze mehr und mehr befestigt. Immer höhere Zäune wurden errichtet. Lichtmasten und Wärmebildkameras aufgestellt. Seit 2012 ist der „Friendship-Park“ abgeriegelt. An den Wochenenden wird er für jeweils vier Stunden geöffnet. Es dürfen sich nie mehr als 25 Personen gleichzeitig im Park aufhalten. Trotzdem treffen sich bis heute jedes Wochenende Familien und Freunde im Park. Es ist für viele von ihnen die einzige Möglichkeit, sich nahe zu sein. So geht es auch Daniel. Er ist in Mexiko geboren, amerikanischer Staatsbürger und hat eine feste Anstellung. Es gibt zurzeit Probleme mit seinen Papieren. Deswegen darf er nicht ausreisen. Und seine Frau und seine Kinder haben nicht die nötigen Dokumente, um ihn zu besuchen. So bleiben der Familie jede Woche nur die wenigen Stunden im „Friendship-Park“. „Ich freue mich, sie zu sehen“, sagt Daniel, „aber es ist anders, als ich erwartet habe. Ich dachte, ich könnte sie anfassen oder meiner Frau einen Kuss geben. Aber der Zaun ist so engmaschig, dass das alles nicht geht, keine Umarmung, kein Kuss.“

Daniel kann seine Frau und seine Kinder nur mit den Fingern berühren. Die Menschen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko haben ein Wort dafür gefunden. Sie nennen es „PinkyKiss“, den „Kuss der Fingerspitzen“.

Es werden sogar Gottesdienste am Zaun im Friendship-Park gefeiert. Die Gemeinde findet sich auf beiden Seiten zusammen. Der Pfarrer sagt: „Viele Familien beschreiben ihre Zeit hier als bittersüß: Es ist sehr traurig, aber auch schön, endlich wiedervereint zu sein. Manche sind weitgereist, oft sind viele Jahre vergangenen, bis sie die Möglichkeit fanden, sich hier wiederzusehen.“ Und dann: Für eine kurze Zeit, einen Gottesdienst lang, überspringen die Menschen die Mauer, die sie trennt. Mit einem Lied, mit einem Gebet und mit dem Kuss ihrer Fingerspitzen.

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