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Keine Spuren hinterlassen
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Keine Spuren hinterlassen

Irmela Büttner
Ein Beitrag von

Irmela Büttner,

Evangelische Pfarrerin, Offenbach-Bieber

„Das Wichtigste ist, keine Spuren zu hinterlassen.“

Das sagt ein österreichischer Schnapsbrenner. Das sagt er nicht, weil er etwas Illegales macht. Er will keine Spuren hinterlassen, weil er die Natur möglichst wenig beschädigen will. Der Mann brennt auf seiner Alm den kostbaren Enzian-Schnaps. Enzian gibt es nur noch selten. Auf der Alm gibt es ihn noch. Er liebt diesen Ort.

Jedes Jahr im Frühsommer wandert er hoch zur Alm. Er sammelt die Enzianwurzeln, aber er ist dabei sehr vorsichtig. Er nimmt nur so viel, dass die Pflanzen auch im nächsten Jahr noch wachsen können. Dann destilliert er die Wurzeln. Am Ende des Sommers kommt ein Hubschrauber und holt die Enzian-Schnapsfässer ab. Bevor der Mann wieder ins Tal zurückkehrt, lässt er noch einmal in aller Ruhe seinen Blick über die Bergwiesen und die Hütte streifen. Er prüft, ob er alles so zurücklässt, wie er es im Frühjahr vorgefunden hat, denn er sagt: „Das Wichtigste ist, keine Spuren zu hinterlassen. Hier soll alles so sein, als ob ich nicht da gewesen wäre. Manche Orte machen Menschen glücklich. Die darf man nicht kaputt machen, sondern man muss sie bewahren.“
Wie schafft er das, so konsequent zu sein. Er könnte doch mehr von den Enzian-Wurzeln sammeln, dann hätte er auch mehr Schnaps. Er könnte vielleicht aus den Enzian-Pflanzen ein richtiges Beet machen, aber er tut es nicht. Er möchte, dass der Ort so bleibt, wie er ihn vorgefunden hat.

Keine Spuren hinterlassen, die Orte bewahren, die man liebt. Diese Worte berühren mich. Wie oft habe ich das schon gesehen, bei Burgen und anderen Sehenswürdigkeiten. In alten Holzbalken oder an Wänden sind Namen eingeritzt: „Wir waren hier: Sina und Markus“, „Felix, I love you“. Auf der einen Seite denke ich: Das ist irgendwie schön, denn hinter all diesen Inschriften stehen Menschen. Ich frage mich, wie sie wohl aussehen und was aus ihnen geworden ist? Manchmal bekomme ich sogar Lust, meinen eigenen Namen dazu zu schreiben. Wenn ich nochmal wiederkomme, würde er immer noch dort stehen. Auf der anderen Seite denke ich: Das ist ein historischer Ort, den noch viele nach mir besichtigen wollen. Je mehr sich verewigen, desto eher geht der Ort kaputt. Warum nicht einfach dankbar sein und wieder gehen?

Der Schnapsbrenner in Österreich will seine Alm mit den Enzian-Pflanzen bewahren. Er will keine Spuren hinterlassen. Ich frage mich, ob ihm bewusst ist, dass er trotzdem Spuren hinterlässt. Nicht nur, weil er etwas erntet, was erst wieder nachwachsen muss. Er hinterlässt auch noch andere Spuren: Bei den Menschen, die ihm begegnen. Er hinterlässt Spuren bei denen, die seinen Schnaps trinken. Er hat Spuren bei mir hinterlassen, weil er mich beeindruckt hat, und nun auch bei Ihnen, weil ich von ihm erzähle.
Auf Traueranzeigen steht manchmal dieser Satz: „Viele Menschen treten in unser Leben. Einige bleiben für immer, denn sie hinterlassen ihre Spuren in unseren Herzen.“ Der Mann, der so behutsam auf seiner Alm arbeitet, hinterlässt solche Spuren, gerade deshalb, weil er bewusst darauf verzichtet. Er lebt von seiner Liebe zu seinem Lieblingsort. Damit inspiriert er Menschen.
Für mich steckt in dieser Liebe zu einem Ort, zu einer Sache, zu Menschen ein Stück Ewigkeit.
Ich glaube: Viele Menschen, die berühmt geworden sind und große Spuren hinterlassen haben, haben solche Momente der Liebe erlebt. Sie sind nicht berühmt geworden, weil sie berühmt werden wollten. Sie sind berühmt geworden, weil sie das gesagt und getan haben, für das ihr Herz gebrannt hat. Weil sie es voller Liebe gesagt und getan haben. Martin Luther King, Nelson Mandela, Mahatma Gandhi und viele andere. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, da, wo ihr Herz schlug. Es gibt viele Menschen, die auf diese Weise im Kleinen und im Großen Spuren hinterlassen, obwohl oder gerade weil sie es nie wollten. Sie müssen nicht berühmt sein.

Ich denke da an viele Großmütter. Sie kochen für die Enkel ihre Lieblingsgerichte. Sie lesen vor. Sie sind da, auch wenn es mal Ärger mit den Eltern gibt. Ihre Enkel werden ihre Liebe im Herz behalten – selbst, wenn eines Tages die geliebte Oma nicht mehr da ist.
Ich denke an meine erste Grundschullehrerin, sie hat so eine Geborgenheit ausgestrahlt, sie hat mir Mut gemacht und mich aufgebaut, so dass ich gerne in die Schule gegangen bin. Außerdem hat sie mit uns kleine Theateraufführungen gemacht und dafür einen Teil ihrer Freizeit geopfert.
Ich denke an so viele andere, die Ähnliches leisten. Erzieherinnen, Musikschullehrer, Ehrenamtliche im Hospizdienst, die Liste könnte ich noch fortführen.
Menschen, die so selbstvergessen etwas Gutes bewirken – ich denke mir, da muss etwas sein, eine innere Gewissheit, die sie gelassen macht. Dem will ich auf die Spur kommen.

Wie schaffen es Menschen, gelassen zu sein, ihre Arbeit zu tun, ohne sich ein Denkmal setzen zu müssen? Ich weiß nicht, wie der Mann auf der Alm zu seiner Haltung gekommen ist, oder wie Menschen es schaffen einfach selbstlos für andere da zu sein. Mir selbst hilft es zu glauben: Gott kennt mich, bei Gott bin ich schon längst verewigt. Dafür gibt es in der Bibel viele Bilder. Zum Beispiel, dass Gott meinen Namen in sein Buch geschrieben hat. Oder mich liebevoll anschaut. So beschreibt es ein Gebet der Bibel. Es steht in Psalm 139:

Gott, Du erforschst mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Soweit die biblischen Worte, die mir gut tun. Mein Name, mein ganzes Leben steht in Gottes Buch. Gott liebt mich, egal ob ich in den Augen anderer groß oder klein bin. Das macht mich frei, zu überlegen, wie ich leben möchte. Es ist schön, wenn ich meine Gaben einsetzen kann, wenn ich dabei vielleicht sogar sehr viel erreichen kann. Aber ich muss mich dafür nicht unter Druck setzen. Vielmehr kann ich mir ein Beispiel dem Mann mit der Alm nehmen: Indem er achtsam mit den Enzianpflanzen umgeht, zeigt er seine Liebe zur Natur. Ich glaube: Wenn ich etwas mit Liebe tue, dann hinterlasse ich Spuren. Wenn ich etwas mit Liebe tue, kann ich vielleicht sogar andere Menschen damit anstecken. Dabei ist es egal, ob das im Kleinen oder im Großen passiert. Denn: Spuren der Liebe bleiben. Man kann sie vielleicht nicht sehen, aber sie machen Menschen glücklich.

Ich nehme mir vor. Ich will, mehr auf die Liebe achten, auf die Spuren, die Menschen in meinem Herzen hinterlassen. Sie verändern mein Leben. Ich nehme mir vor, mehr auf die Liebe zu achten bei den Dingen, die ich tue. Ich werde mich fragen: Wo kann ich diese Liebe spüren und wie kann ich sie weitertragen? Ich bin froh, dass ich nichts Großes erreichen muss. Klar, mein Name auf den Holzbalken berühmter Sehenswürdigkeiten wäre sichtbarer. Viel Geld und das, was ich damit kaufen könnte wären vielleicht beeindruckender. Doch das, was ich mit Liebe tue, hinterlässt Spuren, die bleiben.

Literatur
Angeregt von einem Gottesdienstentwurf von Natalie Ende: „Keine Spuren hinterlassen. Gottesdienst im Grünen an einem Spätsommerabend“, in: Zentrum Verkündigung (Hrsg.), „Im Grünen. Gottesdienste, Wege und Projekte in der Natur“, Frankfurt a. M. 2017, S. 113 ff.

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