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Kaffee mit Mehrwert
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Kaffee mit Mehrwert

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt
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Sie war nun schon den dritten Tag hier, aber von Ruhe keine Spur. Dabei hatte sie sich auf ihre freie Woche im „Haus der Stille“ so gefreut. Eine Woche Ruhe und zu sich selbst kommen, das klang so gut .Doch jetzt war ihr Herz unruhig, wirr tobten die Gedanken in ihrem Kopf. Am schlimmsten waren die Mahlzeiten. Da saßen die Gäste gemeinsam beim Essen, aber keiner sprach ein Wort. Sie hatten sich freundlich angelächelt, aber dann saßen alle schweigend über ihrer Mahlzeit. Kein Radio, kein Fernseher, nichts war zu hören außer dem leisen Klappern von Geschirr oder Besteck. Manchmal musste jemand husten oder sich räuspern. Sie versuchte das zu vermeiden.
Das Büffet war gut und reichlich. Immer wieder stand sie deshalb auf und holte sich noch etwas nach, schaute beim Kauen dann aus dem Fenster, wechselte den Blick zu der kleinen Blüte, die auf dem Tisch stand, entdeckte daneben den Salz- und Pfefferstreuer und überlegte, ob sie das Rührei nachwürzen sollte. Es schmeckte fade an diesem Morgen.
Ihr Alltag war laut, die Kinder in der Schule kosteten viel Kraft, die Konflikte im Kollegium waren ihr auf die Nerven gegangen und die Elterngespräche empfand sie als zunehmend belastend. Sie wollte einfach mal ihre Ruhe haben, abschalten, frei sein von all den Anforderungen, dem Termindruck, den Qualitätsdebatten und täglichen Auseinandersetzungen. Deshalb hatte sie sich angemeldet für eine Woche im „Haus der Stille“.
Der Seminarleiter hatte in einer ersten Einführung alle Teilnehmenden des Kurses mit den Regeln des Hauses vertraut gemacht. Bitte die Türen leise schließen zum Beispiel. „Hüten Sie die Stille“, hatte er gesagt. „Üben Sie sich ein im Schweigen und Hören“. Dann hatte er dazu ermutigt, einfach mal mit allen Sinnen die Welt wahrzunehmen.
Bei Spaziergängen draußen im Park ging es ihr gut damit. Aber was macht man ohne zu sprechen beim Essen? Da sitzen, kauen, unruhig den Blick schweifen lassen? Aus lauter Verlegenheit holte sie sich noch eine Tasse Kaffee.
Aber was dann passierte, empfand sie im Nachhinein als großes Geschenk. Sie war überrascht über diese Erfahrung. Als sie wieder zu Hause war, erzählte sie mir davon. Und ich erzähle Ihnen gleich mehr davon, nach der Musik. Denn diese Frau und ihre Geschichte hat mich begeistert. Seitdem trinke ich immer mal wieder eine Tasse Kaffee mit besonderem Genuss und mit ganz viel Zeit in aller Ruhe. Ich finde, das passt gut zum Erntedanksonntag, der heute oder am nächsten Sonntag in vielen Kirchengemeinden gefeiert wird.

Sie saß im Haus der Stille mit ihrer Tasse Kaffee beim Frühstück und blickte tief in die Tasse. Sie trank den Kaffee mit Milch, deshalb bekam er diese warme braune Farbe. Aus heiterem Himmel kam ihr dann die Frage: Wer sorgt eigentlich alles dafür, dass ich heute Morgen hier meine Tasse Kaffee trinken kann?
Zunächst dachte sie an die Damen in der Küche, die hier jeden Morgen alles liebevoll vorbereitet hatten. Dann sah sie in Gedanken den Fahrer des Lastwagens, der den Kaffee zusammen mit vielen anderen Lebensmitteln bei der Küche des Seminarhauses entladen hatte. Sie spekulierte, wo der Kaffee davor gelagert gewesen sein könnte. Sie ging davon aus, dass in einem christlich geführten Haus der Kaffee aus dem Fairen Handel kommt. Zuhause kaufte sie ihren Kaffee oft am Weltladenstand der Kirchengemeinde. Sie wusste, der kam aus Nicaragua. Da gab es also Leute, die Kaffeesäcke mit Gabelstablern in Container packten, die dann mit dem Schiff über den Atlantik kamen und in Bremerhaven zum Beispiel wieder entladen wurden. „Was für ein Aufwand betrieben werden muss, damit ich meine Tasse Kaffee trinken kann,“ dachte sie und merkte, dass ihr dieses Spiel der Gedanken Freude machte. Sie verfolgte den Weg der Kaffeebohnen zurück zu ihrem Ursprung und war nun gedanklich in Nicaragua auf einer Kaffeeplantage im Hochland des Nordens. Wie sieht wohl der Alltag dieser Kleinbauern dort aus? Hatte die Familie viele Kinder, die die Kaffeebohnen geerntet haben? War das Ernten der roten Kaffeekirschen Frauensache oder mussten sogar die Kinder mithelfen?
Sie hatte im Fernsehen mal gesehen, wie die Kaffeekirschen getrocknet wurden und dann die grünen Bohne herausgeschält werden konnten. Was für eine Arbeit, dachte sie, als sie noch einmal ganz bewusst einen Schluck Kaffee trank. Das feine Aroma und die braune Farbe bekam der Kaffee ja erst durchs Rösten. Auch dazu brauchte es wieder Menschen, Energie und Maschinen, damit sie an diesem Morgen den Kaffeeduft genießen konnte.
Sie lehnte sich entspannt zurück, schaute zum Fenster hinaus in den Himmel und dachte daran, dass ja die Kaffeepflanze auch erst mal gepflanzt, gegossen, gedüngt und gepflegt werden musste, bevor sie Früchte trägt. Wie viele Jahre es wohl dauert, bis erste Blüten wachsen? Gab es in der Familie der Kleinbauern in Nicaragua auch Großeltern, die vielleicht die Kaffeeplantage schon vor vielen Jahren angelegt hatten?
Sie trank noch einmal ganz bewusst den letzten Schluck und war überwältigt bei dem Gedanken: So viele Menschen geben weltweit ihr Wissen hinein, ihre Erfahrung, Lebens- und Arbeitszeit in diese eineTasse Kaffee. Dankbar merkte sie, wie sich eine innere Ruhe eingestellt hatte. Ihre Gedanken waren in Kontakt gekommen mit vielen Menschen, denen sie dankbar war. Wie gut, dass es diese Fairtrade Organisationen gibt, die dafür sorgen, dass Menschen mit dem Kaffeeanbau ihr Auskommen haben, dachte sie.
Aber wie sieht es eigentlich mit den Löhnen aus der LKW- und Staplerfahrer, der Schiffsbesatzung und Fabrikarbeiter in den Röstereien?
Mein Gott, warum weiß ich so wenig von all den Menschen, die mir diese Tasse Kaffee möglich machen? Sie nahm wahr, wie gedankenlos sie normalerweise Essen und Trinken zu sich nahm. Dabei hatten doch die meisten Lebensmittel schon einen langen und weiten Weg hinter sich, bevor sie auf ihren Tisch kamen. Sie bekam Lust, sich mehr damit zu beschäftigen.
Sie stellte die leere Tasse vorsichtig zurück. Die Frühstückszeit war längst vorüber. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkt hatte, wie die anderen nach und nach den Raum verlassen hatten.
Nun stand auch sie auf. Für den nächsten Morgen hatte sie sich vorgenommen, das Gedankenspiel fortzusetzten. Denn schließlich war ja auch noch die Milch im Kaffee und das Wasser. Alles nicht selbstverständlich, dachte sie und freute sich auf die nächste Mahlzeit im Haus der Stille.

Nach ihrer Auszeit trafen wir uns im Kirchen-Café nach dem Gottesdienst. Sie erzählte mir von den aufregenden Tagen im „Haus der Stille“. Ihre Augen leuchteten, sie sprach mit Energie und Freude. Sie schien sich gut erholt zu haben. Die Geschichte mit der Tasse Kaffee habe ich selber ausprobiert und war erstaunt, was passieren kann bei der Frage: Wer sorgt eigentlich alles dafür, dass ich heute Morgen hier meine Tasse Kaffee trinken kann oder in mein frisches Brot mit Butter und Käse beißen darf?
Das Ernte-Dank-Fest wird heute oder am nächsten Sonntag in vielen Kirchengemeinden gefeiert.
Dieses Fest lädt einmal im Jahr ein, sich Gedanken zu machen über das, was wir essen und trinken. Bunt und üppig werden Altäre geschmückt mit allem, was die Erde hervorbringt und die menschliche Arbeit. Kerzenlicht bescheint dann den dicken Kürbis, den saftigen Apfel und die frische Kartoffel. „Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott“, singt die Gemeinde im Gottesdienst.
Durch wieviel Hände eine Kaffeebohne geht, darüber hatte sie sich Gedanken gemacht im Haus der Stille. Dabei entdeckte sie eine Freude, die ihr gutgetan hatte. Sie war dankbar. Gleichzeit ist sie neugierig geworden, mehr zu erfahren über die Herkunft der Lebensmittel und die Menschen, die dafür verantwortlich sind.
Ich habe sie eingeladen, beim Ernte-Dank-Gottesdienst mitzuwirken bei den Fürbitten, dem Gebetsteil am Ende des Gottesdienstes. Da danken wir für all das, was gewachsen ist, was uns glücklich gemacht hat, was ein Segen war. Wir denken aber auch an Menschen, die unser Gebet brauchen, weil sie es schwer haben im Leben oder an Situationen, die nach Veränderung schreien. Wir bitten um Gerechtigkeit, weil wir erleben, wie ungerecht es in der Welt zugeht. Und am Ende sprechen wir mit allen Kindern und Erwachsenen dieses alte und immer wieder neue Gebet, in dem es heißt: „Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld“.
Gerade am Ernte-Dank-Fest wird mir immer wieder bewusst, wie eng das zusammenhängt, unser täglich Brot und unsere Schuld. Brot und Schuld liegen eng beieinander, weil es in unserer Welt immer noch Hunger und Unterernährung gibt, schlechte Arbeitsbedingungen in vielen Bereichen der Lebensmittelproduktion, Abholzung der Wälder für Monokulturen und unfaire Preise für kostbare Lebensmittel. All das kommt auch in unseren Gebeten vor und ist zusammengefasst in den Worten von Jesus im Vater Unser: Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld.
Bewusst genießen, was wir haben, ich glaube, das ist schon wie der Anfang eines Gebets. Im Gottesdienst geht das Gebet noch weiter. Zusammen mit anderen habe ich für meinen Dank eine Adresse: Gott, den Schöpfer dieser Welt. An Gott wenden wir uns dann auch, wenn wir uns als schuldig erleben, nach Vergebung suchen und Gott darum bitten. Denn oft merken wir, dass unsere vielfältigen und kostengünstigen Lebensmittel auf Kosten anderer Menschen und zu Lasten der Umwelt produziert werden. Und daraus entsteht dann der Wunsch, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie Verantwortung für diese Welt konkret werden kann.
Wenn wir im Gottesdienst beten, gibt es auch eine Zeit der Stille. Nämlich vor dem Vater Unser. Da ist Raum für eigene Gedanken und ganz persönliche Anliegen. Das ist vielen Menschen im Gottesdienst wichtig. So spüren sie, dass es auf jeden einzelnen und jede einzelne ankommt, alle ihren Teil dazu beitragen können, dass diese Welt ein bisschen mehr so wird, dass es allen gut geht.
Nach dem Gebet im Ernte-Dank-Gottesdienst kam die Frau, die im Haus der Stille gewesen war, noch einmal auf mich zu und bedankte sich. Der Gottesdienst hatte ihr gut gefallen. Sie wollte sich nun noch intensiver beschäftigen damit, was sie persönlich verändern kann, damit das Ernte-Dank-Fest, so hatte ich es vor dem Segen formuliert, hinausstrahlt in die Welt.

Sie hatte gerne mitgemacht beim Gebetsteil im Ernte-Dank-Gottesdienst und wollte nun mehr wissen über die Lebensmittel, die sie täglich zu sich nahm. Sie schaute beim Einkaufen genauer auf die Verpackungen, nahm sich Zeit, im Weltladen in Infobroschüren zu blättern und fragte ihren Metzger danach, wo denn die Tiere gelebt haben, die nun zur Wurst und zum Schnitzel verarbeitet worden waren.
Sie ärgerte sich über die Tatsache, dass in Afrika die Hühnerzüchter ihre Geschäftsgrundlage verloren, weil die EU subventionierte tiefgefrorene Hühnerteile billig nach Afrika exportierte. Darüber hatte sie einen Fernsehbericht gesehen. Nur weil hier bei uns die Leute am liebsten Hühnerbrust und Hühnerschenkel kaufen, werden mit den billigen Resten die Afrikanischen Märkte ruiniert. Sie beschloss, ab jetzt nur noch ganze Hühner zu kaufen, am besten von dem Bauern, bei dem sie auf dem Weg zur Arbeit immer vorbeikam.
Als wir wieder mal im Gespräch waren über die Zusammenhänge rund ums Essen, die Gerechtigkeit und unsere Verantwortung, erzählte ich ihr von einer Anregung von „Brot für die Welt“. Die Aktion hieß: Virtueller Gast. Die Idee dahinter war einfach: Wer sich an der Aktion beteiligen will, nimmt für einen bestimmten Zeitraum einen imaginären Gast auf. Einen Menschen, den man sich vorstellt. Der kommt aus einer Region dieser Welt, in der Menschen nicht so viel zu essen haben wie hier. Alle, die sich an dieser Aktion beteiligen, sollen sich vorstellen, der Gast würde bei ihnen essen, man nimmt ihn mit auf Ausflüge, zeigt ihm das Theater oder Kino oder unternimmt eine Fahrt ins Grüne mit Einkehr in ein Gasthaus. Und dann sollen alle, die an der Aktion teilnehmen, täglich berechnen, was sie für den Gast ausgegeben hätten: Was hätte das Essen gekostet, der Eintritt, die Fahrkarte? Dieses Geld kann dann täglich in die Pappschachtel gelegt werden, die als Spardose zum Selberbasteln für diese Aktion bereitgestellt wird.
Auch dieses Gedankenspiel machte ihr Spaß. Sie probierte es aus. Für 4 Wochen wollte sie eine Frau aus dem Sudan bei sich einladen. Sie hatte gelesen, dass der Sudan zu den ärmsten und dabei am höchsten verschuldeten Ländern der Welt gehört. Sie wollte dieser Not ein Gesicht geben und einen Namen. Noura hieß die Frau, die sie nun gedanklich an ihren Frühstückstisch einlud, mit in die Schule nahm, wo sie als Lehrerin arbeitet. Sie schlenderte in Gedanken mit Noura durch die Altstadt am Wochenende und trank immer mal wieder einen Kaffee mit ihrem imaginären Gast.
Nach vier Wochen hatte sie eine Menge Informationen über den Sudan gesammelt und Geld in die Spardose gelegt. Sie bedankte sich, als sie mir die volle Pappspardose überreichte. „Es hat mich verändert,“ erzählte sie. „Noura hat mich nachdenklich gemacht und ruhiger. Sie war ein bescheidener Gast. Zurückhaltend und mit staunenden Augen habe ich sie mir vorgestellt. Sie war dankbar für Essen und Trinken, aber noch mehr war sie dankbar für die Türen, die sie sorgfältig hinter sich zu machen konnte. Sie gaben ihr Sicherheit, Sicherheit für Leib und Leben, Sicherheit, die sie so gar nicht kannte aus ihrem Land.“
In diesem Gespräch wurde mir bewusst, dass das Ernte-Dank-Fest noch mehr sein kann, als ich bisher im Blick hatte. Sicherheit und Ruhe für Leib und Seele sind auch Früchte. Sie wachsen nicht auf Bäumen. Aber sie sind auch nicht selbstverständlich, genau wie das tägliche Brot.

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