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Ich weine dem Lager von Moria keine Träne nach
picture alliance/dpa | Socrates Baltagiannis

Ich weine dem Lager von Moria keine Träne nach

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Seit mehr als zehn Jahren habe ich ein Urlaubs-Lieblingsziel: die Insel Lesbos in Griechenland. Ich mag die gelassene Art der Menschen und das Licht der Ägäis. Über die Jahre sind so etwas wie Freundschaften entstanden: zum Hotelier, zur Olivenholzschnitzerin, zum Schafskäsebauern.

Das Lager Moria wurde immer größer

Und über die Jahre sind immer mehr Flüchtlinge übers Meer nach Lesbos gekommen. Das Lager Moria kenne ich noch als überschaubare Einheit für einige hundert Menschen. Ich habe gesehen, wie es immer größer wurde, für immer mehr Menschen reichen sollte. Es reichte nicht. Es fehlte an vielem: an Platz, an Essen, an Duschen, an politischem Willen für ein menschenwürdiges Willkommen. Ich habe bei jedem Besuch Kontakt geknüpft und Kontakt gehalten mit Initiativen und Hilfsorganisationen, die versuchen, für das Notwendige zu sorgen.

"Ich weine dem Lager keine Träne nach"

Nun ist Moria vor drei Wochen abgebrannt. Ich weine dem Lager keine Träne nach. Die Lebensumstände waren für die Bewohner unerträglich. Seit dem Brand habe ich oft telefoniert mit meinen Freundinnen und Freunden auf der Insel Lesbos. Der Hotelier hat Wasser verteilt an obdachlos gewordene Menschen. Obwohl seine Saison wegen Corona wirklich keine gute war.

Ein Telefonat mit der Olivenholzschnitzerin bringt einen anderen Eindruck. Sie wohnt in der Nähe des abgebrannten Lagers und sagt: „So viele Menschen lagern in den Feldern und Wäldern. Ich halte das nicht mehr aus. Es ist genug. Es ist doch unsere Insel.“  Die Stimme meiner Freundin verliert sich.

Die Stimmung ist aufgeheizt

Helferinnen und Helfer auf Lesbos erzählen mir, wie aufgeheizt die Stimmung bei den Einheimischen ist. Menschen, die Flüchtlingen Wasser geben, werden attackiert. Es gibt demolierte Autos von Menschenrechtlern. Eine Hilfsinitiative betreibt ein kleines Camp in der Inselhauptstadt Mytilini für Menschen, die besonders Schutz brauchen. Sie musste einen Sicherheitsdienst anstellen, um das Camp vor Angriffen zu bewahren.

Ich verstehe die Wut der Einheimischen. Sie machen einiges mit: Wirtschaftskrise in Griechenland. Flüchtlinge Und dann noch Corona. Die Leute fühlen sich mit der Situation alleingelassen.

Einheimische und Geflüchtete dürsten nach Gerechtigkeit

Jesus hat einmal gesagt: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Matthäus 5,6) Auf Lesbos hungern und dürsten beide nach Gerechtigkeit – Einheimische und Geflüchtete. 

Geld spenden hilft

Was kann ich von Frankfurt aus tun? Ich sehe meine tapferen und verzweifelten Freunde auf Lesbos vor mir. Ich bin weit weg. Aber ich kann Geld spenden, das ist mein Beitrag. Ich unterstütze eine kleine lokale Initiative, in der Menschen von der Insel die Menschlichkeit hochhalten: Sie bieten einen sicheren Ort für Kranke, Mütter mit Kindern, für Minderjährige, die allein auf der Flucht unterwegs sind.

Die Initiative Lesvossolidarity

Lesvossolidarity heißt die Initiative, ein passender Name. Die Menschen auf Lesbos brauchen Solidarität. „Sie sollen satt werden“, hat Jesus gesagt. Satt von Brot und dem, was sie zum Leben brauchen. Satt von Gerechtigkeit.

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