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Gegen den Nationalismus
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Gegen den Nationalismus

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Jedes Mal, wenn ich in ein Nachbarland fahre, denke ich dasselbe. Egal, ob es nach Österreich oder Dänemark, nach Holland oder nach Polen geht. Jedes Mal versuche ich herauszufinden, was sich an der Grenze ändert. Die Landschaft, Menschen und Häuser sind es oft nicht.

Unterschiedlich sind Kleinigkeiten wie etwa die Ortschilder und die Nummernschilder der Autos. Der bedeutsamste Unterschied ist womöglich die Sprache der Leute. Aber auch die ist nicht immer ganz trennscharf. Die meisten Grenzen sind nur gedachte Linien, die in den Köpfen der Leute stattfinden.

Wie wichtig ist da der Unterschied zwischen hüben und drüben? Gar nicht, sagt der Apostel Paulus. Für ihn spielen Grenzen zwischen Ländern keine Rolle mehr. Für Paulus zählt der einzelne Mensch, was er glaubt, was er denkt und was er tut. Natürlich weiß Paulus nur zu gut um verschiedene Sprachen, Kulturen und Mentalitäten. Aber unter seiner Fragestellung tritt das alles zurück. Entscheidend ist: Wer findet Zugang zu dem Gott, der sich in Jesus Christus ganz menschlich gezeigt hat? Und wer macht mit, wenn Gott die Welt durch seine Liebe verändern will? Wer darauf antwortet: Ich! Der ist Paulus Recht.

Was damit konkret gemeint ist, deutet Paulus in einem seiner Briefe an. Er schreibt von Freundlichkeit, Erbarmen und Geduld. Zusammengefasst sagt er: Der Friede Christi regiere eure Herzen. (Kolosser 3,11 ff)

Bereits der Apostel Paulus hat sich also vom Thema Nationalismus verabschiedet. Für ihn sind die Christen von Anfang an eine globalisierte Bewegung. Dem sind im Laufe der Geschichte allerdings längst nicht alle gefolgt. Das ist traurig, aber auch nicht überraschend, denn die gesellschaftliche Realität war immer eine andere.
Herkunft und Nationalität spielen ein große Rolle und werden auch immer wieder inszeniert. Beispiel Sport: Etwa im Fußball oder im Handball. Auf großen Turnieren treten Nationalmannschaften gegeneinander an. Dabei werden patriotische Gefühle beschworen und ausgelebt.

Ich bin skeptisch gegenüber diesen Inszenierungen. Ich fürchte, sie werden benutzt um zu verdecken, wie die Welt eigentlich tickt. Wie, das kann man gerade am Profi-Sport sehr gut sehen. Da ist der Patriotismus schnell vergessen, wenn es ums Geld geht. Viele, die gut verdienen, ziehen weg – zumindest auf dem Papier. Sie ziehen in Länder wie Monaco und die Schweiz, wo sie weniger Steuern zahlen. Bejubeln lassen sie sich in Deutschland trotzdem gerne. Und eigenartig: Die Fans bejubeln sie auch gerne weiter – als Deutsche. Dabei haben sich solche Sportler der Solidargemeinschaft Deutschland schlicht entzogen.

Das gilt nicht nur für den Sport. Das gilt für vieles, was mit Geld zu tun hat. Besonders traurig erleidet das immer noch Griechenland. Während das Land unter der Schuldenlast ächzt und weite Teile der Bevölkerung verarmen, wissen die reichen Griechen ihr Geld in Finanzasylen wie London sicher. Sie denken gar nicht daran, ihr Heimatland mit Steuern mitzutragen.

Längst hat sich eine globale Finanzoberschicht gebildet, die Nationalismen nur noch belächelt. Aber für die Bevölkerung werden patriotische Gefühle immer noch gerne genutzt. Sie sind nützlich, denn sie verschleiern die Verhältnisse.
Da war der Apostel Paulus schon weiter. Er hatte verstanden: Es kommt nicht auf die Nationalität an, sondern darauf, wie jemand als Mensch ist, was er glaubt, was er denkt und was er tut. Auch für andere, weltweit und daheim.
 

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