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Ein Stück Himmel
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Ein Stück Himmel

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt
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Wenn ich Freunde zum Flughafen bringe, die ich auf unbestimmte Zeit nicht sehen werde, dann habe ich ein Ziehen im Herzen. Ich begleite sie zum Check-in und warte, bis sie ihr Gepäck aufgegeben haben. Ich will die Zeit mit ihnen noch bis zum letzten Moment auskosten und den Abschied so lange wie möglich hinauszögern. Ich gehe noch mit bis zu der Schranke, die die Reisenden von denen trennt, die dableiben. Wir umarmen uns und versichern einander: „Es war schön!“ – „Wir sehen uns wieder!“ Ich winke noch einmal, bevor sie hinter den Sicherheitskontrollen verschwinden. Seltsames Gefühl: Sie sind noch da und doch schon weg. Wir bewegen uns noch auf demselben Stück Erde, aber sie sind schon wie in eine andere Welt entrückt. Nur noch kurze Zeit, und sie werden in die Wolken aufsteigen und ich bleibe am Boden zurück.

Ich stelle mir vor, solche Gefühle und noch viel mehr hatten die Jünger von Jesus in der Geschichte, die dem Feiertag heute seinen Namen gibt: Christi Himmelfahrt. Die Jünger haben mit Jesus Ungeheures erlebt. Schon die erste Begegnung mit ihm war unglaublich. Da kommt dieser Mensch zu ihnen mitten bei ihrer Arbeit und sagt: Folgt mir nach. Er hatte so eine Ausstrahlung, dass sie das tun. Sie lassen alles stehen und liegen, ihren Beruf, ihre Familie, und ziehen mit Jesus durchs Land. Statt gesicherter Existenz ein Leben unter freiem Himmel. Von Ort zu Ort, kein Tag wie der andere. Warum? Weil sie mit Jesus den Himmel auf Erden erleben. Wie er von Gott spricht, wie er auf Menschen wirkt, wie er ihnen zeigt, dass die Welt von Liebe erfüllt ist – das alles ist mehr, als sie sich jemals vorstellen konnten.

Dann der Schock. Jesus wird verhaftet und angeklagt. Er soll das Volk aufgehetzt und Gott gelästert haben. Er wird zum Tod verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Für die, die an ihn geglaubt haben, stürzt der Himmel ein.

Aber dann berichten erst einzelne, nach und nach immer mehr Jüngerinnen und Jünger: Sie haben Jesus gesehen. Er lebt. Mehr und mehr glauben sie: Gott hat ihn vom Tod auferweckt. Die Bibel erzählt: Es beginnt eine Zeit, in der ihnen der auferstandene Jesus immer wieder begegnet. Kein Gespenst, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Jesus spricht mit ihnen. Er isst mit ihnen. Er ist ganz nahe. Seine Jüngerinnen und Jünger können es kaum glauben: Der Himmel auf Erden geht weiter.

In der Bibel steht: 40 Tage lang haben sie solche Ostererlebnisse, dass der auferstandene Jesus plötzlich bei ihnen ist. Bis Christi Himmelfahrt, heute 40 Tage nach Ostern. Jesus ist noch einmal mit seinen Freunden zusammen. Er sagt ihnen: Ihr selbst bekommt den Geist Gottes, und ihr werdet meine Zeugen sein. Danach, so erzählt die Apostelgeschichte in der Bibel:

Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. (Apostelgeschichte 1,9-11)

Musik: Johann Sebastian Bach, Bourée aus der Französischen Suite (Frankfurter Guitarrenduo)

Das ist die Geschichte aus der Bibel zum heutigen Feiertag Christi Himmelfahrt: Der auferstandene Jesus wird vor den Augen seiner Jünger vom Erdboden emporgehoben. Eine Wolke nimmt ihn auf und Jesus verschwindet in den Himmel. Abgefahren. Wer glaubt denn so was?

Nun, für die Menschen zur Zeit Jesu war die Erzählung von Himmelfahrten nicht so ungewöhnlich. Der Prophet Elia fährt in einem feurigen Wagen in den Himmel, so steht es im hebräischen Teil der Bibel (2. Könige 2,11). Darum halten Juden bis heute an ihrem hohen Feiertag, beim Pessach-Essen einen Stuhl frei für den Propheten Elia – er kann ja jederzeit wiederkommen und die Ankunft des Messias ankündigen. Himmelfahrten gibt es auch außerhalb der Bibel. Griechen und Römer kennen die Entrückung von Herakles und Romulus, dem Gründer der Stadt Rom. Später dann im Koran gibt es die Überlieferung, dass Mohammed vom Tempelberg in Jerusalem aus in den Himmel aufgestiegen ist. Dort habe er von Gott das Gebot der fünf täglichen Pflichtgebete erhalten. Wegen dieser Himmelfahrt ist Jerusalem für Muslime nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte.

Man kann den Eindruck bekommen: Wer etwas in der Religionsgeschichte gelten will, sollte einmal in den Himmel aufgefahren sein. Ist ja nur ein Mythos, könnte man sagen und die Geschichte von Christi Himmelfahrt abtun. Aber damit legt man auch eine Lebenswahrheit beiseite, die in der biblischen Geschichte steckt. Jenseits von der Frage, ob sie historisch so passiert ist. Christi Himmelfahrt, das erzählt von der Sehnsucht nach Himmel, nach dem, was die Grenzen aufhebt. Die Grenze zwischen oben und unten, zwischen mir kleinem Einzelnen hier und dem großen Ganzen dort. Die Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit, Tod und Leben.

Das, was wir Himmel nennen, der physikalische Raum zwischen Erde und All, hat immer schon als Bild gedient für das Unbeschreibliche, für all das, was Menschen hinter den eigenen Beschränkungen vermuten oder erhoffen. Meine Nachbarin sagt spontan: „Himmel, das ist Unendlichkeit.“ Eine junge Mutter erzählt mir im Taufgespräch von der Geburt ihres Kindes. Um 5 Uhr früh setzten die Wehen ein. Der werdende Vater fährt sie in die Klinik. Auf dem Weg dorthin sieht sie den Himmel sanft rot im Sonnenaufgang. Die Ungewissheit vor der Geburt ist für einen Moment weg, und sie denkt: „Ein guter Tag.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker hat gedichtet:

„Dass der Himmel heut so hoch steht, kann doch wirklich kein Versehen sein. Und es ist bestimmt kein Zufall, dass die Lichter sich vom Dunst befrein.“

Himmel ist die Sehnsucht, Erdenschwere hinter sich zu lassen und himmlische Leichtigkeit zu gewinnen. Man träumt sich weg von dem, was gerade das Leben beschwerlich macht. Ein Mädchen mit zwei Zöpfen und im karierten Schürzenkleid lehnt an einem Strohballen. Sie schaut in die Wolken und träumt davon, dass das Leben noch mehr für sie bereit hält als das, was sie bisher erlebt hat. Ein Hund springt auf den Sitz des Traktors neben ihr. Er hebt die Pfote, als wollte er sagen: „He, nicht da irgendwo in den Wolken, hier bin ich! Streichel mich!“ Das Mädchen streicht ihm über den Kopf, aber hat ansonsten nur Augen für den Himmel. Sie singt. Diese Szene und das Lied des Mädchens sind der Klassiker aus dem Musicalfilm „Der Zauberer von Oz“. Somewhere over the rainbow.

Musik: Judy Garland: „Somewhere over the rainbow“

Irgendwo über dem Regenbogen, ganz weit oben,
gibt es ein Land, von dem ich einst gehört habe in einem Gute-Nacht-Lied,
wo die Himmel blau sind und die Wolken weit hinter mir liegen,
wo Probleme wie zarte Zitronenbonbons schmecken und die Träume wahr werden,
die du dich traust zu träumen,
dort wirst du mich finden.


Wunderschön. Fast zu schön und trotz der sauren Zitronenbonbons süß. Aber jetzt kommt ein Scratch, so wie wenn jemand bei einem Plattenspieler den Tonarm über eine Schaltplatte zieht. Oder so wie wenn man aus seinen Tagträumen gerissen und abrupt geerdet wird. Und diese Erdung nach dem Gedankenflug in himmlische Sphären steht ausgerechnet in der Bibel, in der Geschichte von Christi Himmelfahrt. Da stehen die Jünger da und starren in den Himmel Jesus hinterher, der gerade auf einer Wolke entrückt wurde. Auf einmal tauchen zwei Männer auf in weißen Gewändern. Die sagen zu den Jüngern:

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Frei nach Bertolt Brecht: Glotzt nicht so himmlisch! Hier auf der Erde spielt die Musik! Die beiden Männer ganz in Weiß erinnern die Jünger an die Botschaft von Jesus: Ja, der Himmel steht euch offen, damit ihr ihn hier auf der Erde entdeckt und anderen zeigt. So erzählt die Bibel von Jesus: Er war ein Augen- und Ohrenöffner für den Himmel auf Erden. Er hat vorgelebt, wie Menschen aufeinander zugehen können, sich nicht ewig spalten und getrennt voneinander sind, sondern himmlische Gemeinschaft miteinander leben.

Jesus hat vorgelebt, wie Menschen die vorhandenen Lebensmittel so miteinander teilen, dass es für alle reicht, dass alle satt werden. Jesus hat gezeigt: Mit Einschränkungen leben, Sorgen haben, Fehler machen, das alles ist kein Hinderungsgrund für den Himmel. Der steht euch offen. Und den könnt Ihr miteinander leben. Wie im Himmel, so auf Erden. Das ist eine Bitte im Vater unser, dem Gebet, das Jesus selbst gebetet hat. Himmel und Erde sind nicht getrennt. Sie sind miteinander verbunden. Himmel und Erde berühren sich.

Musik: Sigi Schwab, Toscana

Himmel und Erde sind nicht getrennt. Sie berühren sich. So erzählt die Bibel von Jesus Christus. Er ist der Wegbahner für die Menschen. Er kommt aus der Höhe von Gott auf die Erde - Weihnachten. Er stirbt und geht in die tiefste Tiefe des Todes - Karfreitag. Gott weckt ihn auf vom Tod - Ostern. Der auferstandene Jesus Christus fährt auf in den Himmel – Christi Himmelfahrt heute. Das tut er nicht für sich, damit er selbstherrlich über allem thront. Er bahnt den Weg in den Himmel für die Menschen, für die gesamte Schöpfung. Vom Himmel zur Erde und wieder zurück. Keine Tiefe ist zu tief, keine Höhe zu hoch, als dass Jesus Christus nicht gezeigt hätte: Auch da ist Gott bei euch. Nichts muss euch schrecken. Es gibt keinen Ort, der gottlos ist. Wo ihr auch seid im Universum, wo ihr auch seid in der Höhe oder in der Tiefe eures Lebens, überall ist Gott bereits. Darauf könnt ihr euch verlassen.

Mich tröstet das an trostlosen Orten hier auf der Erde. Und mir macht das Mut, wenn ich bei klarem Nachthimmel in die unendlichen Weiten des Universums schaue. Der Blick ins Firmament lässt staunen. Man kann sich dabei aber auch sehr klein und verloren fühlen. Im April haben Astrophysiker eine Sensation vorgestellt: Es ist ihnen gelungen, ein Bild von einem Schwarzen Loch zu machen. Man sieht einen verschwommenen gelb-orangenen Ring, in der Mitte eiförmig nichts als Schwarz. Schwarze Löcher faszinieren und erschrecken. Sie haben keine Ausdehnung im Raum, aber immense Masse und damit immense Schwerkraft. Sie verschlucken alles, was in ihre Nähe kommt, jede Materie und sogar das Licht. Schwupp, weg. Nichtsiger als Nichts. Ich binde mal Astrophysik zusammen mit dem christlichen Glauben. Der sagt mir: Selbst in diesem nichtsigen Nichts ist Gott. Selbst durch dieses schwarze Nichts hat Christus den Weg gebahnt. Auch dafür steht für mich die Geschichte von Christi Himmelfahrt.

Musik: Sigi Schwab, Wolkenflug

In der biblischen Erzählung von Christi Himmelfahrt sagen zwei Männer in weißen Gewändern zu den Jüngern von Jesus: „Was steht ihr da und seht gen Himmel?“ Und ich höre das wie die Aufforderung: Los, sucht den Himmel auf Erden, so wie Jesus ihn euch gezeigt hat! Wo finde ich den Himmel auf Erden?

Die Hölle auf Erden ist oft leichter zu finden. Vieles macht mir zurzeit Angst. Es gab schon einmal mehr Hoffnung, dass Menschen die Grenzen untereinander überwinden und weltweit zusammenfinden. Es gab schon einmal mehr Hoffnung auf Frieden. Es gab schon einmal mehr Zusammenhalt in Europa und mehr Einheit in Deutschland. Wir sind gut darin, uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen.

Der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre lässt in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ eine seiner Figuren sagen: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Das stimmt oft. Aber darüber darf man nicht vergessen, dass auch das Gegenteil stimmt: Der Himmel, das sind die anderen. So beschreiben die heiligen Schriften der Juden und der Christen den Himmel. Er ist in der Bibel kein Ort. Der Himmel ist Beziehung. Die Bibel schildert ihn gern als ein Fest, vorzugsweise als eine große Hochzeit. Da wird das Leben und die Liebe gefeiert und alles, was Menschen verbindet. Und es stimmt ja: eine große Tafel mit Freunden und Familie in einer lauen Juni-Nacht unter freiem Himmel oder zu zweit mit Essen und Trinken auf dem Balkon, das kann ein Stück Himmel sein. Wenn man die Nähe untereinander spürt, Anteil nimmt an dem, was den anderen bewegt, und von sich erzählen kann.

Der Himmel, das ist in der Bibel ein Fest und Tanz, bei dem man sich ein bisschen schwerelos im Raum fühlt und die Zeit aufgehoben zu sein scheint. Ein Stück Himmel kann der freie Tag heute sein mit Hinausziehen in die Natur zusammen mit anderen oder ganz bei sich Bleiben, das Alleinsein genießen ohne Angst vor Verlust. Ein Stück Himmel ist, wo Menschen sich gegenseitig nicht niedermachen, sondern schauen: Wo und wie kann ich dem anderen weiterhelfen? Ein Stück Himmel gibt es in der Liebe und in Freundschaften. Da gibt es die Zeiten, in denen man nebeneinander her lebt, genervt von sich selbst und dem anderen. Aber dann stellt sich ein Moment ein, ein unbeschwerter Tag, ein schöner Abend, an dem man wieder die Verbindung zum anderen spürt und miteinander selig ist. Ein Stück Himmel, das kann ein Gottesdienst sein, eine Meditation oder ein Moment der Stille, der das Herz stärkt und den Glauben an das Gute in der Welt. Beziehungen können ein Stück Himmel sein, aber auch
Orte. I

ch habe in verschiedenen Städten und Orten gewohnt. Überall hatte ich eine Stelle, die für mich ein Stück Himmel auf Erden zeigt. Ich habe ein Jahr in Istanbul gelebt. Da war es eine Straße, an der sich das Häusermeer öffnet, und man schaut auf das Goldene Horn und den Himmel über der Stadt. In Rheinhessen, wo ich jetzt oft bin,  ist es ein Weg, links ein Weinberg, rechts ein Getreidefeld und darüber der Himmel über der Rheinebene. In Frankfurt ist es ein Herzöffner, wenn ich über eine der Mainbrücken fahre und auf die alten und neuen Türme Frankfurts schaue. Kratzen die Hochhäuser heute an den Wolken, sieht man sie im Morgennebel kaum oder ragen sie frei in den Himmel hinein?

Himmlische Orte, himmlische Beziehungen – ich kann sie nicht herstellen. Man kann himmlische Momente nicht festhalten. Im Vaterunser heißt es: Wie im Himmel, so auf Erden. Das ist eine Bitte. Eine Bitte mit der Sehnsucht, dass sich löst, was trennt, und dass, was schwer fällt, leicht wird.

Ich bringe Freunde zum Flughafen. Ich werde sie lange nicht sehen. Da ist es, dieses Ziehen im Herzen. Aber auch das ist ein Stück Himmel. Der Abschied lässt mich spüren, wie schön die gemeinsame Zeit war, was mir die Freunde bedeuten und wie sehr ich mich über den Satz freue: „Wir sehen uns wieder!“

Musik: Pete Rose, Tall P. 1990 (Flautando Köln)

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