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Der Stein ist weg
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Der Stein ist weg

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg

Sie sind früh aufgestanden, die Frauen, von denen die Ostergeschichte erzählt.
Die schreckliche Erfahrung, dass sie nichts, aber auch gar nichts tun konnten, sitzt ihnen in allen Gliedern. Zwei Tage sind inzwischen vergangen – und immer wieder kommen die gleichen Fragen: „Warum?  Warum musste er sterben? Warum konnte keiner helfen? Und: Wie soll es jetzt weitergehen?“

Da tut es gut, aufzustehen. Die ungelösten Fragen zurücklassen und etwas Praktisches tun.

Wer ähnliche Situationen kennt, weiß, wie hilfreich das sein kann: Aufstehen aus dem Grübeln, raus aus der Lähmung und in Bewegung kommen. Aus dem Haus gehen. Etwas Handfestes tun. Erledigen, was zu erledigen ist. Sehen, dass das Leben weitergeht.

Die Frauen der Ostergeschichte haben Salböle  für den Toten zubereitet. Aber kaum haben sie sich aufgemacht, kommen neue Fragen: „Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?“ Sie haben den Brocken gesehen, den die Soldaten vor das Grab gerollt haben, aus Angst, jemand könnte den Leichnam stehlen. Wie ein Berg liegt diese Aufgabe nun  vor ihnen. „Wie sollen wir das schaffen, alleine?“

Ich kenne solche Situationen. Wenn sich Probleme vor mir auftürmen. Wenn ich nicht weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um meine Arbeit zu schaffen. Wenn Sorgen schwer auf der Seele lasten. Mit dem Aufstehen allein ist es noch nicht getan. Ein neuer Morgen macht noch kein neues Leben.

Aber während die Frauen auf dem Weg zum Grab noch grübeln und sich den Kopf zerbrechen, sehen sie auf einmal: Der Stein ist weg! Und die Sorgen, die sie bedrückt haben, fallen ihnen buchstäblich wie ein Stein vom Herzen.

Der Stein ist weg, ohne dass sie etwas dazu getan haben. Ihr Sorgen war umsonst. Gott hat ihnen den Weg gebahnt, noch bevor sie an dem vermeintlichen Hindernis angekommen sind. Sie haben ihre Salböle vorbereitet und sich in der Frühe aufgemacht – aber das Wichtigste ist ihnen geschenkt worden. Längst bevor sie aufgestanden sind, ist Christus auferstanden.
Eine Erfahrung, die auch zu unserem Leben gehört: Das Wesentliche bekommen wir geschenkt. Ob das die Freundschaft eines Menschen ist, die gute Laune, mit der ich am Morgen aufwache, Trost und Zuspruch in Zeiten der Trauer …  Ich kann aufstehen, mich bemühen und auf den Weg machen. Aber das Wesentliche im Leben kann ich nicht machen. Es ist nicht Ergebnis meiner Bemühungen. Es wird mir geschenkt. 

Die Ostergeschichte lädt auch uns ein, aufzustehen. In Bewegung kommen, ins Leben und in den neuen Tag hineingehen. Nicht mit Sorgen und mit der Frage: „Wie soll ich das schaffen?“ Sondern mit der Erwartung, dass einer schon vor mir aufgestanden ist und mir den Weg bahnt. So dass ich gespannt sein und beten kann:  „Danke für das Gute, das du mir heute schenkst!“

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