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Das Machtwort "Ich will"

Das Machtwort "Ich will"

Stefanie Sehr
Ein Beitrag von

Stefanie Sehr,

Katholische Pastoralreferentin, Darmstadt
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Beim Aufräumen und Aussortieren ist mir im April wieder mein Poesiealbum aus Kindheitstagen in die Hand gefallen – natürlich habe ich es nicht aussortiert. Stattdessen habe ich es in Ruhe durchgeblättert und an die vielen Personen gedacht, die einen Spruch für mich hinterlassen haben. Einige von ihnen leben schon nicht mehr, und ich frage mich manchmal, wie sie diese Zeit der Einschränkungen und Unsicherheiten durch den COVID-19-Virus erlebt hätten. Zum Beispiel mein Opa. Er hat mir folgenden Spruch ins Poesiealbum geschrieben: „‘Ich will‘. Dies Wort ist mächtig, sagst du es ernst und still. Alles kannst du erreichen mit dem einen Wort ‚Ich will‘.“

Ich entscheide

Ich erinnere mich noch, dass ich das als 11-Jährige nicht verstehen konnte. Jetzt 2020 habe ich immer mal wieder an diesen Spruch damals denken müssen, an dieses „Ich will“ – weil ich gemerkt habe: bei mir im Kopf arbeitet vor allem das: Ich muss! Ich muss noch die Mail schreiben, ich muss noch die Steuer machen. Und ich habe mich dann gefragt: Will ich das denn auch?

Klar, bei einigen Sachen werde ich nicht gefragt und habe auch keine Entscheidungsmöglichkeit, manches muss getan werden wie z.B. die Steuererklärung. Bei anderem kann ich mich aber durchaus fragen: Möchte ich das auch?

Wer nicht will, den kann ich auch nicht motivieren

Das ist mir in den Wochen vor den Schulferien besonders aufgefallen, als die Meldung kam: Die Zeit des Homeschooling wird nicht benotet. Ich bin Relilehrerin und hatte natürlich auch das Problem: Wie soll ich überhaupt Noten auf eingeschickte Aufgaben geben, die auch von jemand anderem gemacht worden sein könnten? In manchen Klassen fehlte im Präsenzunterricht die Zeit, genug zu wiederholen und eben dann noch eine Klausur schreiben zu lassen. Also blieben März bis Juni ohne Noten. Ich war dann ganz froh, keine Noten geben zu müssen. Für manche Themen war das dann auch sehr gut: Mit einigen Klassen habe ich zum Thema Krisenbewältigung und Umgang mit Tod und Trauer gearbeitet. Da hätte ich nicht gerne Noten auf doch sehr persönliche Beiträge und Engagement gegeben. Andererseits hatten sich schon einige Studierende in der Homeschooling-Zeit in große Ferien verabschiedet. Und waren in den letzten Wochen Präsenzunterricht ohne Noten nicht mehr motiviert, sich zu beteiligen. Ich habe mich schon gefragt: Wieso sind sie überhaupt morgens um 8 Uhr erschienen? Womöglich stand da eher ein Müssen als ein Wollen im Hintergrund, vielleicht ein Pflichtgefühl. Ich fand es jedenfalls sehr anstrengend, weil ich von außen natürlich niemanden motivieren kann, der sich nicht motivieren lassen möchte.

Ein ehrliches "Ich will" kann mehr erreichen

In solchen Situationen im Klassenraum kam ich jedenfalls mit einem zaghaften oder trotzigen „Ich will“ nicht weiter. Stattdessen hilft es mir jetzt in den Ferien, auch bei mir selbst genauer zu entdecken, was mich eigentlich in der Schule motiviert. Ich weiß ja: Eine, motivierte Lehrkraft bewegt auch anders als eine erschöpfte und müde gewordene. Ob ich dann statt eines trotzigen „Ich will aber, dass ihr jetzt mitmacht!“ ein anderes „Ich will“ zum Vorschein kommt?

Ich glaube tatsächlich: Es ist wichtig, nicht immer zu denken: Ich muss das jetzt! Oder auch: Ihr müsst das jetzt! Sondern eben auch in mir zu entdecken: Ich will das jetzt! Ich mache das, weil ich motiviert dazu bin, weil es einen Sinn hat, weil ich Lust dazu habe. Ich glaube: Mit einem ehrlichen „ich will“ kann man wirklich viel erreichen.

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