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Das höchste Gut
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Das höchste Gut

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von Dr. Paul Lang, Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Eine ganze Reihe von Jubiläen, besondere Geburtstage und Feiern stehen in meinem Kalender für die kommenden Wochen. Viele Gratulanten werden dort zu Wort kommen. Alle werden mit guten Wünschen aufwarten.
„Vor allem Gesundheit“, höre ich einen Laudator in Gedanken sagen. „Das ist das höchste Gut“, bekräftigt er. Ich muss bei diesen Worten stutzen. Mir fallen etliche Gesunde, und zwar junge und alte, ein. Die sind gesund, aber trotzdem nicht zufrieden. Wie kann das sein? Fehlt ihnen denn etwas? Wissen wir Menschen Gesundheit nicht genügend zu schätzen?
„Omnes homines beate vivere volunt“, schreibt der römische Philosoph Seneca. „Alle Menschen wollen glücklich leben.“ Gerade habe ich mit einem Lateinkurs der Oberstufe eine Klausur über diesen Textauszug geschrieben.
Für Seneca ist nicht Gesundheit das höchste Gut, sondern Glück. Und er behauptet, dass das für alle Menschen zutrifft. Hat er damit Recht? Ich war gespannt, was die Schüler sagen würden. „Zuerst aber“, fährt Seneca fort, „muss geklärt werden, was wir da eigentlich anstreben.“ Was ist Glück? Für Seneca hängt es wesentlich an der Geisteskraft, am Verstand. Der muss nämlich, seiner Meinung nach, gesund sein und durchsetzungsfähig. „Und“, ergänzt der Philosoph schließlich, „nicht ängstlich um den Körper besorgt.“
Viele Schüler widersprechen. Spätestens als er in guter Manier der stoischen Philosophie verlangt, die Lust zu verachten.„Der Körper ist doch wichtig. Und auf Spaß möchte ich auch nicht verzichten“,schreibt ein Schüler. Einige andere äußern sich ähnlich.
Dabei übersehen die jungen Kritiker einen wichtigen Gedanken Senecas. „Leben muss der eigenen Natur folgen. Dann kann es glücklich sein.“ Die eigene Natur zu kennen, ist, denke ich, die eigentliche Schwierigkeit beim Glück. Wer bin ich? Was macht mich aus? Was sind meine Stärken, wo liegen meine Schwächen? Was also ist mein Weg?
Gerade ist ein Oberstufenjahrgang meiner Schule in ein zweiwöchiges Sozialpraktikum gestartet. „Compassio“ nennen wir es. Mit „Mitgefühl“ kann man das übersetzen. „Die wenigsten von Euch“, erläutere ich den Schülern, „werden in diesen Tagen eine Tätigkeit ausüben, die später ihr Beruf werden wird. Insofern ist diese Zeit zwecklos. Mitgefühl aber ist etwas, was Menschen wesentlich ausmacht. Das kann man nur im Tun lernen.“
Ein paarmal haben mir ehemalige Schüler berichtet, dass sie trotzdem den entscheidenden Impuls zu ihrem heutigen Beruf in diesem Sozialpraktikum bekommen haben.„Ich habe da zum ersten Mal erfahren, dass mich etwas wirklich erfüllt“, schreibt eine heutige Sozialarbeiterin.
Die eigene Natur erkennen und entsprechend leben: Ein Psalm bringt das ins Gebet. „Lass mich den Weg erkennen, den ich gehen soll. Lehre mich tun, was dir gefällt, denn bist bist mein Gott. Du wirst mich herausführen aus aller Bedrängnis meiner Seele.“ Glaube vertraut über Philosophie hinaus, dass Gott mir zu meinem Glück verhelfen will und wird.

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