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Glaube, der trägt
Bildquelle: Gerd Alrmann/Pixabay

Glaube, der trägt

Maike Westhelle
Ein Beitrag von Maike Westhelle, Evangelische Pfarrerin, Schulseelsorgerin, Kassel
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Mitten auf der Straße steht eine große, sportliche Frau mit strahlend-weißen Haaren. Suchend blickt sie sich um. Gut geht es ihr offenbar nicht. Ein Glück, dass hier gerade kein Auto fährt!

Ich gehe zu ihr und führe sie auf den Bürgersteig. Sie erinnert sich nicht an mich. „Hallo Frau Liese! Ich bin ihre Nachbarin. Ich bringe sie jetzt nach Hause.“

Das Haus ist keine 100m entfernt. Sie war so nah dran und wusste trotzdem nicht, wohin. Meine Nachbarin ist an Demenz erkrankt und vergisst jeden Tag ein Stück ihres Lebens. Das ist schwer für alle Beteiligten, für sie selbst und ihre Angehörigen. Oft werden ihre Liebsten traurig, weil sie nur noch selten jemanden erkennt. Manchmal wird es sogar gefährlich, z.B. wenn Frau Liese wieder auf eigene Faust Ausflüge unternimmt.

Inzwischen ist sie in der Tagespflege. Das ist ein Segen für alle! Es entlastet die Angehörigen und sie ist gern dort. Wenn sie morgens um kurz nach Sieben abgeholt wird, schlurft sie eher widerwillig zum Bus. Aber wenn sie am Nachmittag wiederkommt, dann strahlt sie meistens. Manchmal hat sie etwas gebastelt, was sie stolz vorzeigt. Und ganz oft singt sie. Dann kann man Frau Liese durchs ganze Treppenhaus hören. Ihre Stimme ist hell und klar, der Gesang kräftig und fröhlich. Meistens singt sie christliche Lieder. Sie war ihr ganzes Leben in der Kirchengemeinde engagiert und geht auch jetzt noch mit ihrer Familie oft in den Gottesdienst.

Wenn Frau Liese im Treppenhaus so fröhlich von der Liebe Gottes singt, dann macht das die schwere Krankheit ein wenig leichter. Ihr Glaube sitzt so tief in ihrem Herzen, dass er sie weiterhin trägt. Er bewährt sich gerade in der schwierigen Zeit. Und ich freue mich daran, wenn es im schönsten Sopran durchs Haus klingt: „Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn. Drum dankt ihm; dankt und hofft auf ihn! (EG 508)“

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