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Vertrauen
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Vertrauen

Andrea Seeger
Ein Beitrag von Andrea Seeger, Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Eine Kneipe in Budapest. Vor mir stehen zwei junge Männer und bitten um 50 Mark. Ihre Geldbörse sei abhandengekommen, ein Freund mache sich morgen auf den Weg, um sie mit Bargeld zu versorgen.

Als Studentin war das damals für mich viel Geld. Aber die beiden wirken sympathisch. Kurz überlege ich, dann gebe ihnen den gewünschten Betrag. Wir vereinbaren, dass wir uns zur Rückgabe am nächsten Tag zur selben Zeit am selben Ort treffen.

Vertrauen ist der Klebstoff, der die Welt zusammenhält

Kann ein Trick sein, klar. Manche mögen jetzt denken, ich war naiv. Ich nenne es Gottvertrauen. Ich denke daran, wie es mir ergehen würde, wäre ich in dergleichen Lage.

Wir vertrauen dem KFZ-Mechatroniker, der unseren Wagen repariert, der Ärztin, die uns operiert, den Feuerwehrleuten, die den Brand löschen. Vertrauen – das ist der Klebstoff, der die Welt zusammenhält. Ohne Vertrauen würde keine Gesellschaft gut funktionieren. Ohne Vertrauen hätten wir längst den Glauben aufgegeben.

Was wäre, wenn ich allem und jedem misstrauen würde?

Vertrauen ist also überhaupt nicht unvernünftig. Vertrauen ist eine Voraussetzung für das Zusammenleben. Wie wäre es denn, allem und jedem zu misstrauen, überall schlechte Absichten zu wittern. Mit Sicherheit nicht schön.

Vertrauen lässt sich einüben. So, wie in einer fremden Stadt losgehen, ohne Stadtplan und Ziel. Sich treiben lassen voller Vertrauen darauf, dass sich der eigene Weg als gut erweisen wird. Das Leben ist ja auch oft ein Drauflosgehen, bei dem Pläne durchkreuzt oder über Bord geworfen werden.

Sackgassen und Irrwege inbegriffen

Es ergibt sich Neues, Unbekanntes, man nimmt eine Abzweigung, die gar nicht vorgesehen war. Dann heißt es weitergehen voller Vertrauen, dass der eigene Weg sich als gut erweisen wird. Manchmal landet man in einer Sackgasse, manchmal ist es ein Irrweg. Oft birgt es aber auch ungeahnte Chancen.

Loslaufen und Vertrauen, das ist auch ein sehr starkes biblisches Motiv. Mose macht sich auf den Weg, Abraham, der Stammvater Israels, verlässt auf Gottes Geheiß seine Verwandten und zieht in ein Land, das er nicht kennt. Welch ein Gottvertrauen! Am Ende geht alles gut.

Happy End

Und wie endet die Geschichte mit den 50 Mark? Die beiden jungen Männer sind pünktlich am verabredeten Ort, überreichen mir das Geld und laden mich auf ein Glas Wein ein. Der Abend ist mir als sehr vergnüglich in Erinnerung.      

 

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