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Murmeln tags und nachts
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Murmeln tags und nachts

Ein Beitrag von Sabine Müller-Langsdorf, Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Auf langen Autofahrten vertreibe ich mir manchmal die Zeit, indem ich Liedzeilen und Gedichte vor mich hinmurmle oder singe. Niemand hört das, nur ich höre mich und die schönen Worte. Komme so der tiefen Wahrheit und zeitlosen Schönheit eines Lieds oder eines Gedichts auf die Spur.

Eine Anleitung zum Auswendiglernen in der Bibel

Groß und schön sind für mich die Gedichte der Bibel, die Psalmen. Der erste Psalm gibt eine Anleitung zum Auswendig-Lernen. „Vor sich hinmurmeln“ sollen Menschen die Weisheiten der Bibel.  Die beiden jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig übersetzten das hebräische Wort dafür in Psalm 1 treffend:

„…Lust haben an GOTTES Weisung, über sie murmeln tags und nachts!“

Vor sich hin murmeln - eine Übung für den Kopf

Murmeln. Hin und herschieben, im Mund. Bis ich die Worte verstehe. Sie verinnerlichen. Der erste Psalm sagt: Glücklich der Mensch, der das tut. Auswendig lernen. "Murmeln tags und nachts“ ist eher eine kleine Übung. Mit mir allein. In meinem Kopf.

Den Kopf fit halten mit dem Auswendiglernen von Gedichten

Ein Soldat der Bundeswehr erzählte mir einmal von seinem Auslandseinsatz in Afghanistan. Dort hat er erstmals Gedichte auswendig gelernt. Um seinen Kopf fit zu halten, sagte er. In den langen Tagen und Nächten. Die Worte, die der Soldat dann rezitierte, waren aus einem Gedicht von Theodor Fontane. Es heißt: „Das Trauerspiel von Afghanistan“. Es beschreibt die erste Eroberung Afghanistans durch Briten und Russen im 19. Jahrhundert. Es redet davon, dass fremde Eroberungen dieses weiten Landes unmöglich sind, dass die ausländischen Besatzer scheitern und vom Leid, das Krieg über die Bevölkerung bringt. Das Gedicht endet mit den Zeilen:

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

Manch auswendiggelerntes Gedicht begleitet einen ein Leben lang

Gedichte sind verdichtete Wahrheit. In ihrer kurzen Form bringen sie Gedanken zusammen, die in meinem kleinen Kopf oft wirr nebeneinander her wabern. Mit ihrer poetischen Sprache geben Gedichte meinem begrenzten Denken eine weite Richtung. Manch auswendig gelernte Zeile hat mich begleitet, wenn mir die Worte fehlten. Zum Beispiel diese: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Gedichte regen zum Weiterdenken an

Vielleicht hat das Fontane-Gedicht dem Soldaten im Auslandseinsatz auch Richtung gegeben. Seine Erfahrungen in Worte gefasst. Ihm Raum zum eigenen Denken jenseits von Befehl und Gehorsam gegeben. Ihn zum Weiterdenken angeregt.

Der Psalm mit seiner Ermunterung zum Auswendig-Lernen nennt das Murmel-Prinzip jedenfalls eine nachhaltige Übung. Wer es praktiziert, „der wird sein wie ein Baum, an Wassergräben verpflanzt, der zu seiner Zeit gibt seine Frucht und sein Laub welkt nicht.“

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