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Liebe braucht keine Verpackung
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Liebe braucht keine Verpackung

Ein Beitrag von

Janine Knoop-Bauer,

Evangelische Pfarrerin, Darmstadt

Neulich beim Aufräumen fand ich die Tüte mit den Tüten. Das ist eine Tasche bei mir in der Küche, in die ich alle Tüten stecke, die ich in Einkaufsläden gratis bekomme. Die Tasche war voll. Niemals werde ich all diese Plastikbeutel brauchen. Ich frage mich: Wie konnten sich diese vielen Tüten bei mir ansammeln?

Ungefähr sechs Milliarden Plastiktüten werden jedes Jahr in Deutschland benutzt. Jede einzelne im Schnitt ungefähr fünfundzwanzig Minuten lang. Das hat das Umweltbundesamt ausgerechnet. Weil ich mir diese Zahl nicht richtig vorstellen kann, habe ich überlegt: Wie lang wäre eine Schnur, wenn man diese Tüten alle aneinander knotet? Sie wäre sehr lang. Man könnte sie sechzigmal um die Erde wickeln. Eine verrückte Vorstellung.

Nach wie vor ist Plastik das am häufigsten genutzte Material für Verpackungen. Dabei sind die Folgen dieser Vorliebe für die Gesundheit und die Umwelt kaum absehbar. Riesige Teppiche aus Plastikmüll schwimmen in den Ozeanen und die winzigen Rückstände des Kunststoffs finden sich in unserem Essen wieder.

Wir verpacken gern. Das hat viele, manchmal sogar gute Gründe. Ich frage mich, ob ich dem Inhalt zu wenig vertraue, wenn ich so großen Wert auf seine Verpackung lege. Viele Lebensmittel werden verpackt in Hüllen, auf denen Fotos von eben diesem Lebensmittel abgedruckt sind. Verpackungen sollen Sachen schöner machen als sie sind. In der Mode nennt man das Kaschieren. Auch im Umgang mit dem eigenen Körper gibt es diesen Hang zur Verpackung.

Für Gott spielt diese Oberflächenbehandlung jedoch keine Rolle. Gott, so erzählt die Bibel, hat mehr Vertrauen in seine Schöpfung. Von Gott können wir lernen: Die wirklich wichtigen Dinge im Leben kommen ganz ohne Verpackung aus. Die Liebe zum Beispiel. Adam und Eva, Gottes erste Menschen, waren im Paradies noch unverpackt. Sie liebten einander so wie sie waren, nackt. So wie Gott sie geschaffen hatte.

Gott konzentriert sich bei seiner Schöpfung ganz auf das Wesentliche. Wer das macht, lässt alles Überflüssige weg. Das finde ich einen guten Ansatz auch für den Umgang mit der Schöpfung heute. Alles Überflüssige wegzulassen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren heißt auch sparsamer zu verpacken. In Deutschland entstehen in vielen Städten Supermärkte, in denen ich diesen Gedanken toll umgesetzt finde. Dort gibt es keine Einweg-Verpackungen. Wer dort einkauft, bringt Behälter, Dosen und Taschen von zu Hause mit und kauft die Produkte nach Gewicht. So kann man genau so viel kaufen, wie man braucht. Und bezahlt auch weniger, weil man ja die Verpackung nicht mitbezahlt. Auch in Hessen, in Wiesbaden, soll es bald so einen Supermarkt geben.

Und bis dahin gibt es viele Orte, an denen man schon jetzt unverpackt einkaufen kann. Auf Märkten zum Beispiel und beim Bäcker. Und ich kann auch nein sagen, wenn der Verkäufer eine Tüte anbietet. Dann quillt meine Tasche mit Plastiktüten zu Hause nicht über, sondern ich habe so viele Einkaufsbeutel vorrätig, wie ich brauche. Liebe braucht keine Verpackung. Auf das Drumherum zu verzichten, kann ein Liebesdienst sein – an uns und an Gottes Schöpfung.

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