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Gott in der Krise
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Gott in der Krise

Dr. Klaus Dorn
Ein Beitrag von

Dr. Klaus Dorn,

em. Dozent am Kath.-Theol. Seminar, Marburg
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Damals, am 26. Dezember des Jahres 2004, als der bislang größte Tsunami über Thailand und die indonesische Inselwelt hinwegfegte, starben etwa eine viertel Million Menschen. Das sind so viele, wie Kassel Einwohner hat! Schnell fanden manche Menschen Gründe für die Katastrophe: Die These, es handele sich um eine Strafe Gottes an all jenen, die sich im Urlaub vergnügten, anstatt zu Hause die Weihnachtsgottesdienste mitzufeiern, war weit verbreitet. Und diese Ansicht wurde von so manchem Kirchenmann heftig befeuert. Das scheinbar alttestamentliche Gottesbild mit einem plumpen Tun-Ergehen-Zusammenhang wurde bemüht, um die dortigen Urlauber für ein Naturereignis haftbar zu machen. Dabei hat sich das Alte Testament doch selbst schon an den verschiedensten Stellen von dieser Lehre abgewandt.

Heute, 16 Jahre später, geschieht aber scheinbar das Gleiche wieder. Offensichtlich haben viele nichts dazugelernt. Corona sei eine Strafe Gottes heißt es auf so manchen streng religiös geprägten Internetplattformen. Schuldige hat man auch schnell bei der Hand: Homosexuelle, Lesben und Abtreibungsbefürworter sind schuld. Aber auch die üblichen Verdächtigen, die Sündenböcke seit tausenden von Jahren, werden wieder einmal aus dem Hut gezaubert: Es waren die Juden, heißt es. Und gleich wird dazu passend eine Verschwörungstheorie geliefert: Die Firma Microsoft wolle eine Weltherrschaft aufbauen. Im Zuge der kommenden Impfungen würden den Menschen Chips implantiert, um sie zu einer manipulierbaren Masse zu machen.

Eine Institution meldet sich allerdings nicht zu Wort. Es ist die Kirche – oder richtiger: Es sind die Kirchen. Während sie in früheren Jahrhunderten ganz schnell Erklärungen bereit hielten – richtige wie auch falsche – äußern sie sich jetzt gar nicht. Man macht Gott nicht mehr dafür verantwortlich. Vielleicht ist das sogar in Ordnung. Gott hat mit dieser Pandemie nichts zu tun – oder vielleicht doch? Hat derjenige, der gesund bleibt oder wieder gesund wird, einfach Glück gehabt, oder hat da Gott doch nachgeholfen? Wie auch immer: Die Kirche liefert keine Erklärung, die Trost oder Halt bieten könnte. Das "Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit" hat Risse bekommen. Das kann nur insoweit stimmen, dass Gott schon immer der Wandelbare war und ist. Er begegnet uns heute nicht mehr als der Gott, der einst das Meer gespalten hat, sondern in ganz anderer Weise. Vielleicht haben wir die Botschaft Jesu viel zu wenig beachtet. Gott begegnet einfach im Nächsten, in jedem, der uns begegnet und besonders in den Menschen, die ganz aktuell unsere Hilfe oder auch unsere Rücksichtnahme brauchen. Oder ganz einfach gesagt: in den Menschen, die versuchen, Andere vor Unheil zu bewahren. Und davon gibt es in Zeiten der Pandemie doch recht viele.

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