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Feindesliebe im Praxistest
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Feindesliebe im Praxistest

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Religion ist Lisa Kaufmann nicht in die Wiege gelegt. In ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis sind die meisten Atheisten. Trotzdem sucht die 26-Jährige nach Gott. Die Sehnsucht kam von alleine. Sie will an etwas glauben, das ihr eigenes Leben und die Welt übersteigt. Lisa geht die Suche praktisch an. Sie hat darüber ein Buch geschrieben, wie sie ausprobiert, was die Religionen anbieten. Beim Christentum stößt sie auf Jesus Christus und auf seine Feindesliebe. (Matthäus 5,44) Meine Feinde lieben, sie sogar segnen, kann ich das?, fragt sich Lisa. Und: Wer kommt in meinem Leben als Feind in Frage?

Sie muss nicht lange auf eine Gelegenheit für ihren Praxistest in Feindesliebe warten. Mit ihrem Mischlingshund Ari geht sie in die Hundeschule. Zur Gruppe gehört ein Staffordshire Bullterrier mit seinem Herrchen, ein Mann mit kahl geschorenem Kopf und einem Pulli mit Emblemen, den Neonazis gerne anhaben. So ein Pulli ist kein Versehen. Der Träger sagt damit: Ich bin extrem rechts, und das zeige ich auch. Lisa überwindet ihre Abneigung gegen Herr und Hund und sagt freundlich Hallo. Die beiden unterhalten sich: Woher sie ihre Hunde haben, was die schon gelernt haben und wo es bei der Erziehung noch hakt. Der Mann mit dem Neonazipulli dreht sich am Ende des Gesprächs um und geht weiter. Lisa raunt ihm hinterher: „Ich segne dich.“ „Was?“, fragt der Mann und schaut nochmal zurück. „Nichts“, sagt Lisa. „Bis zum nächsten Hundetraining.“

Eigentlich hat Lisa erwartet, dass sie sich nach diesem Akt der Feindesliebe großherzig und gut fühlt. Sie hatte dem Mann doch mit dem Segen alles Gute gewünscht. Aber sie kommt sich feige vor. Wie weit geht Feindesliebe? Bis zur Selbstverleugnung? Vielleicht bedeutet Feindesliebe, ehrlich mit dem anderen zu sein. Also den Mann zu fragen, warum er diesen Neonazi-Pulli trägt und sich dann mit seinen Ansichten auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich wird Lisa dann mit ihm streiten. Aber damit schreibt sie ihn nicht völlig ab, auch wenn sie seine Einstellung schrecklich findet. Feindesliebe kostet noch mehr Überwindung und kann auch manchmal Streit sein.

Literatur:
Kaufmann, Lisa, Warum ich für Gott backe und was mein Hund mit Hoffnung zu tun hat, edition chrismon 2016

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