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Du bist gesegnet
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Du bist gesegnet

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Gisela Weber ist Religionslehrerin. An diesem Morgen denkt sie an die erste Stunde, die sie gleich zu geben hat. Das Thema lautet: „Du bist gesegnet“. In Gedanken sieht sie die Klasse vor sich.

Eine ihrer Schülerinnen ist Meike. Sie ist sechzehn. Sie guckt Casting Shows und möchte gerne genauso schön sein wie die Menschen da. Aber das ist sie nicht. Meike ist ziemlich dick. Auch ihre dünnen braunen Haare und ihre Haut entsprechen nicht gerade dem Schönheitsideal. Das wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn Meike ein besonderes Talent hätte. Aber auch das hat sie nicht. Sie ist einfach nur ein mittelmäßig begabtes und unscheinbares Mädchen.

Meike macht sich nichts vor. Sie weiß: Es hilft nicht, unerreichbaren Idealen nach zu träumen. Ihre Chance ist nicht, ein bildhübsches Mädchen zu sein. Ihre Chance ist es, Meike zu sein. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan.

Die Religionsstunde beginnt. Lehrerin Gisela Weber stellt das Thema vor: „Du bist gesegnet“. Darüber forschen die Schülerinnen und Schüler in der Bibel. Sie finden heraus: Segen, das ist die Kraft Gottes, die Menschen bestärkt. Segen, das ist ein Geschenk Gottes, das allen Menschen gilt. „Ich bin gesegnet“. Zu dieser Erkenntnis will die Lehrerin die Jugendlichen führen.

Plötzlich sagt Meike – laut und quer durch die Klasse: „Ich bin nicht gesegnet!“ Der Satz hallt nach wie ein Donner. Ein paar Schüler kichern. Doch dann sind auch sie still, denn alle haben verstanden: Das war kein frecher Spruch. Meike lässt sie gerade tief in ihre traurige Seele blicken. Knisternde Spannung liegt in der Luft. Alle schauen erwartungsvoll auf die Lehrerin. Gisela Weber steht vorne – genauso betroffen von Meikes Satz wie die anderen auch. In ihrem Kopf arbeitet es fieberhaft.

Sie denkt: Genau dafür gibt es dieses Fach. Für Momente wie diesen. Für solche Fragen, die so wichtig sind und auf die es keine einfachen Antworten gibt. Was kann sie Meike jetzt sagen? Gerade sie würde den Segen Gottes doch dringend benötigen! Gerade Meike, die nach Anerkennung und Liebe hungert, sie müsste doch zu allererst Gottes Liebe spüren! Aber so erlebt sie es offenbar nicht!

Gisela Weber hört sich sagen: „Meike. Es ist großartig, dass du deine Meinung so klar und mutig sagst. Ich möchte gerne besser verstehen, warum du dich nicht für gesegnet hältst?“ Meikes Antwort: „Weil niemand mich mag, nicht einmal Gott! Sonst hätte er mich anders gemacht. Am besten gar nicht.“

Die Lehrerin entgegnet: „Oh, das war schon eine gute Idee von Gott, dich werden zu lassen, Meike. Zwar bist du anders, als dir jetzt lieb ist. Aber trotzdem bestimmt gesegnet. Das spürt man nicht immer so, wie man es gerne hätte. Da lässt sich Gott zu nichts zwingen. Aber Segen kann auch das sein: Durchhalten können, wenn man durch ein dunkles Tal geht. Und dann den Ausgang finden.“

Meike sagt nichts mehr. Die Lehrerin hätte sie gern in den Arm genommen. Aber das geht nicht. Sie sind in der Schule. Also leitet sie über zur nächsten Aufgabe, die Stunde geht weiter.

Die Situation geht Gisela Weber noch lange nach. Abends zu Hause hadert sie: „Gott, warum spüren oft gerade die nichts von deinem Segen, die ihn am nötigsten haben?“ Und dann betet sie für Meike, dass sie etwas entdeckt, was sie gut kann. Nicht nur der Lehrerin geht diese Religionsstunde nach. Ein paar Mitschülern geht es genauso. Sie sind beeindruckt von Meike. Von ihrem Mut. Zum ersten Mal haben sie bei ihr etwas entdeckt, das sie bewundern. Jetzt sehen sie sie mit anderen Augen. Ob Meike das merkt? Das wäre ein Segen.

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