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Den eigenen Sarg selbst bauen?

Den eigenen Sarg selbst bauen?

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Vor kurzem habe ich von einem Workshop gelesen, den ein evangelisches Hospiz anbietet: den eigenen Sarg selbst bauen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bauen an mehreren Tagen ihren eigenen Sarg, den sie dann mit zu sich nach Hause nehmen können.

Bau dein letztes Haus selbst: Die Idee stammt aus Neuseeland und hat sich in der ganzen Welt verbreitet.

Unterschiedliche Menschen - unterschiedliche Särge

Die Menschen, die sich bei dem Workshop jetzt angemeldet haben, sind sehr unterschiedlich: Männer und Frauen, Berufstätige und Rentner, Junge und Alte. Der jüngste Teilnehmer ist dieses Mal 19 Jahre alt, der älteste über 80.

Klaus zum Beispiel ist 77 Jahre alt und schnitzt eine Engel-Figur auf seinen Sargdeckel. Früher ist er als Kapitän zur See gefahren. Dabei hat er einige See-Bestattungen miterlebt. So richtig würdevoll hat er das nicht gefunden. Jetzt nimmt er das lieber selbst in die Hand. Klaus erzählt: „Mein Sohn hält mich für gaga.“

Maria findet: „Die letzte Behausung selbst zu bauen, ist eine gute Möglichkeit, sich auf das Sterben einzurichten.“ Sie beizt ihren Sarg rot und will ihn später ins Wohnzimmer stellen und Aktenordner reinstellen. Susanne wäre das eher unheimlich. Sie will ein Polster für ihren Sarg nähen, ihn imprägnieren und ihn draußen als Bank aufstellen.

Offensiver Umgang mit Tod und Sterben

Bau dein letztes Haus selbst – auf den ersten Blick finde ich die Idee befremdlich. Das ist doch ein sehr offensiver Umgang mit dem Tod.

Auf der anderen Seite: Mutig sind die Menschen schon, die das machen. Sie setzen sich mit ihrem eigenen Tod ganz konkret auseinander und klammern dieses unangenehme Thema nicht aus.

Michael beschreibt das so: „Ich bin überzeugt, dass Gott mich fragen wird: Was hast du aus den Möglichkeiten gemacht, die ich dir gegeben habe?“ Deshalb hat Michael auf die eine Seite seines Sarges einen Bibelvers eingefräst: „Herr, lehre mich bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Der Sarg im eigenen Wohnzimmer?

Ich frage mich, was anders ist, wenn ich den eigenen Tod immer vor Augen habe. Auch ganz plastisch mit einem Sarg in der eigenen Wohnung.

Vielleicht wird mir dann ganz bewusst: Mein Leben ist endlich. Nicht alle meine Pläne und Wünsche werde ich verwirklichen. Vieles wird unvollendet sein, wenn ich gehe. Gott hat mir nur eine bestimmte Zeit auf der Erde zugeteilt und ich bin eigentlich ein Gast hier.

Sich der eigenen Endlichkeit bewußt werden

Anders ausgedrückt: Ich gehe eben nur einmal durch diese Welt. Deshalb muss ich mich entscheiden, was mir wichtig ist in der knappen Zeit.

Vor allem will ich Zeit haben für die Menschen, die mir wichtig sind. Vielleicht gibt es keine zweite Gelegenheit. Manchmal ist es hart zu wissen: Die Chance, die vertan ist, kommt nicht wieder. Die Verletzung, die ich zugefügt habe, lässt sich nicht zurücknehmen. Oft genug aber ist es auch gut zu wissen: Kein Augenblick kommt noch einmal. Jeder Augenblick ist ganz besonders. Deshalb will ich den Moment bewusst erleben: den Schmerz genauso wie die Freude oder die Nähe mit einem Menschen. Sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu werden, das hat auch gute Seiten. Und das geht natürlich auch ohne selbst gestalteten Sarg im Zimmer.

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