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Christopher Street Day
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Christopher Street Day

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Christian liebt einen Mann. Einmal gehen sie Arm in Arm spazieren. Und da passiert es: Eine Gruppe Jugendlicher pöbelt sie an, beschimpft sie und wird schließlich handgreiflich. Ein junges Paar verhindert Schlimmeres.

Leider müssen gleichgeschlechtlich empfindende Menschen auch hier bei uns noch immer damit rechnen, dass ihnen Feindseligkeit entgegenschlägt, obwohl sie gesetzlich längst so geschützt sind wie alle anderen. Nicht zu fassen, dass ihnen in fünfzehn Ländern der Erde bis heute die Todesstrafe droht. Im 21. Jahrhundert!

Menschen müssen um ihr Leben fürchten, weil sie sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Das ist grausam und würdelos.

Liebe hat 1000 Gesichter. Gleichgeschlechtliche Liebe scheint für viele nicht dazu zu gehören. Noch immer ist sie etlichen Menschen irgendwie fremd.

Auch ich habe es im Laufe meines Lebens erst nach und nach erkannt: Es gibt unterschiedliche Formen von Liebe. Sie unterscheiden sich aber nicht in ihrem Wert. Auch, wenn ich es mir für mich nicht vorstellen kann, eine Frau so zu lieben, wie ich meinen Mann liebe: Liebe ist für mich Liebe schlechthin. Liebe - in welcher Form auch immer – ist das Größte, was wir Menschen einander zu geben haben. Sie ereignet sich. Ungeplant. Immer dann, wenn sie dran ist. –

Wir meinen oft, andere müssten so denken und fühlen wie wir. Aber wir Menschen sind nun einmal alle anders. Immer wird uns irgendetwas fremd und unverständlich sein. Ungewohntes und Fremdes aber nicht abstempeln oder gar bekämpfen, sondern: Es tolerieren und entdecken, das ist wohl die Herausforderung schlechthin. Sie bleibt ein lebenslanger Prozess. Und ganz besonders dann, wenn Liebe im Spiel ist.

Die aber lässt sich nicht begrenzen auf die Form, die ich selbst kenne. Jeder Versuch, es doch zu tun und womöglich nur bestimmte Formen von Partnerschaft und Liebe gesellschaftlich zu legitimieren, führt irgendwann zu Ausgrenzung und Diskriminierung.

Das zeigt ein Blick auf ein bedeutendes Ereignis. Auch mich beeindruckt es noch immer:

Als im Jahr 1969 wieder einmal eine Razzia in einer szenebekannten New Yorker Bar stattfand, geschah etwas, das die Polizisten nicht erwartet hatten: Diesmal leisteten die dort anwesenden Gäste vehement Widerstand.

Da war plötzlich eine große Solidarität unter und mit den Betroffenen. Das Ganze wurde öffentlich und zog größere Kreise. Es folgten tagelange Aufstände derer, die sich nun massiv zu wehren begannen. Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Und das, was damals in der New Yorker Christopher Street geschah, hat zu einer riesigen Emanzipationsbewegung geführt, die bis heute anhält. Und gäbe es die Pandemie nicht, würden in diesen Tagen in vielen Städten der Welt wieder Abertausende auf die Straße gehen und mit ihren ausgelassen fröhlichen Paraden auf ihre Rechte aufmerksam machen. Obwohl sie inzwischen längst auch gesetzlich anerkannt sind, werden sie leider immer noch von vielen mit Argwohn betrachtet und ausgegrenzt. Das ist für mich – und nicht nur für mich – sehr bedrückend.

Denn wenn die Liebe eines Menschen auf einen Menschen gleichen Geschlechts trifft, ist und bleibt sie doch Liebe. Eine Liebe, wie Gott sie meint. Für ihn hat sie keine Grenzen. Die Menschen haben sie gezogen. Nicht Gott.

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