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Butterhörnchen und Bibel
Bildquelle: Free Photo/Pixabay

Butterhörnchen und Bibel

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Um neun Uhr morgens sitzt er im Schnellimbiss. Jeden Sonntag.

Es muss anders werden mit mir, hatte Frank zu sich gesagt. Herumhängen als Frührentner geht nicht. So fing es an, vor sechs Monaten. Er war sich selbst leid. Und packt es neu an, sein Leben. Meldet sich freiwillig und fährt Essen aus für die Tafel. Dreimal die Woche einen Tag.

Der Sonntag aber gehört ihm. Auch den packt er neu an. Will nicht durch den Tag fallen, ohne Sinn und Verstand. Pünktlich um neun sitzt er im Schnellimbiss. Die Bibel in der Hand. Erst Kaffee mit Milch und viel Zucker, dazu Butterhörnchen und Bibel. Es ist nicht viel los im Lokal. Frank sitzt alleine, isst und liest. Er ist nicht bibelfest, wie man so sagt; liest einfach drauflos. Meistens bei Markus oder Lukas im Neuen Testament. Liest Jesussätze und -geschichten. Vom Hoffen und Lieben, von Leben und Tod. Rechts Kaffee, links das Hörnchen, in der Mitte die Bibel. Frank liest langsam und versteht vieles nicht. Er weiß aber: Es muss mehr geben als Aufwachen und Schlafen. Es genügt nicht zu leben; ich will auch wissen, warum.

Das will Frank wissen: warum lebe ich. Die Bibel vor ihm ist etwas zerfleddert. Es gibt viele Sonntage. Und wenig Antworten. Das macht ihm nichts, solange er hoffen kann. Hoffen ist Gott näherkommen, denkt Frank. Und fühlt sich wohl in den Buchstaben der Bibel. Man muss nur losgehen, denkt er. Dann kommen die Antworten entgegen. Eine kennt er schon: Er ist kein Niemand. Gott kennt ihn. Wer Gott sucht, den findet er. Auch bei Kaffee und Butterhörnchen.

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