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Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin!

Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin!

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

„Aus Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin.“ Dieser Satz stand im Predigttext des Ostersonntags in diesem Jahr. Seitdem habe ich ihn im Ohr. Er stammt aus dem Ersten Korintherbrief. Dieser Brief wurde von Paulus verfasst. Paulus machte im Laufe seines Lebens eine große Veränderung durch. Er wurde von Christenverfolger zu einem Anhänger des christlichen Glaubens. Er gründet mehrere christliche Gemeinden, mit denen er später in intensivem Briefwechsel stand – so auch die Gemeinde in Korinth.

„Aus Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin“. Das klingt ziemlich veraltet. Gnade ist ein Wort, das höchstens noch in alten Kirchenliedern vorkommt, aber nicht in der modernen Welt. Auch aus der Rechtssprache ist das Wort „Gnade“ seit langem verwunden. Wer möchte schon von einer Richterin aus „Gnade“ freigesprochen werden, also in der Gnade anderer stehen

Rechtsverfahren regeln heute unsere Ansprüche. Und Freisprüche erfolgen in einem unabhängigen Rechtstaat auf der Grundlage geordneter Verfahren und nicht nachdem doch meistens willkürlichen Urteil einzelner. Als Kinder, da haben wir „Gnade“ geschrien! Wenn wir in wilde Auseinandersetzungen mit den Geschwistern verwickelt waren, uns gegenseitig die Arme verdreht und die Köpfe auf den Boden gedrückt haben. Mitten im großen Knäuel auf dem Boden dann schrie einer von uns plötzlich: „Gnade, Gnade!“ – Das hieß dann einfach: Hör auf, Hör auf! Oft wussten wir in solchen Momenten im Innersten genau: Gerecht war es nicht, denn wir hatten den Kampf angefangen!

Hier leuchtete auf, was „Gnade“ sein könnte: Wenn ein Knäuel der gegenseitigen Verletzungen gelöst werden kann und einfach etwas aufhört. Wenn offene Rechnungen geschlossen werden, ohne auf Heller und Pfennig bezahlt worden zu sein. Damit sind lange noch nicht alle Forderungen getilgt, alle Konflikte gelöst, aber der Teufelskreis von: Wie Du mir, so ich Dir, wird durchbrochen.

Was mir als Kind, so leicht über die Lippen ging, fällt mir heute als Erwachsene sehr schwer. Kränkungen durch Menschen nicht immer wieder aufzurufen. Verletzungen zu den Akten zu legen, das ist ein großer innerer Schritt. Umso dankbarer bin ich, wenn andere diese Kraft mir gegenüber aufbringen, mit mir „gnädig“ sind. Das ist dann fast wie eine kleine Auferstehung!

Wenn Menschen „gnädig“ mit anderen sind, sehen sie den Menschen und nicht seine Worte oder Taten. Gnade ist niemals logisch und konsequent, sie fragt nicht, was rechtens ist. Gnade wird aus der Liebe geboren – als ein „dennoch“. „Aus Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin“. Paulus hat genau das erlebt: Gott hat an ihm festgehalten, obwohl Paulus Menschen verletzt und getötet hat, und hat ihn zum Gründer christlicher Gemeinden gemacht. Paulus wird zu einem Beispiel dafür: Die Erfahrung, dass jemand mit mir gnädig umgeht, verändert mich. In jedem von Paulus‘ Briefen scheint das große Staunen über die Gnade auf.

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