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Haus aus Stein
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Haus aus Stein

Anke Jarzina
Ein Beitrag von

Anke Jarzina,

Katholische Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Peter und Paul in Wiesbaden

Neulich war ich mit meinen Kindern im Kindertheater. Gespielt wurde „Die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen“. Die Kinder waren begeistert – vor allem vom Wolf, der hustet und prustet und nur die ersten beiden Häuser aus Stroh und aus Holz umblasen kann. Beim Steinhaus bleibt ihm ja dann die Puste weg: ein Haus aus Stein ist eben ziemlich stabil.

Das Stück war lustig und hat meine Kinder noch tagelang beschäftigt. Aber wie bei den meisten Märchen gibt es noch eine Moral von der Geschicht‘, und die lautet hier: Wer nur bequem ist, schlampig und leichtsinnig, für den kann es gefährlich werden. Nur das dritte Schweinchen plant klug voraus, scheut keine Mühen - und kann so sich und seine Geschwister vor dem bösen Wolf retten.

Ehrlich gesagt: Ich denke bei dieser Fabel an etwas ganz anderes als an Moral. Mir kommt dabei eher eine Geschichte aus der Bibel in den Sinn. Jesus erzählt da, wie ein törichter Mann sein Haus auf Sand baut und ein kluger auf einen Felsen. Natürlich hat das Haus auf dem Felsen eine längere Lebensdauer, weil sein Fundament sicher und fest ist. Jesus sagt: Wer auf seine Botschaft hört und danach handelt, der ist wie der kluge Mann mit dem Haus auf dem Felsen.

Ich mag dieses Bild. Vielleicht, weil ich immer den etwas spießigen Wunsch hatte, in einem schönen „Haus aus Stein“ zu wohnen. Wenn es draußen stürmt, fühl ich mich drin sicher und geborgen und gut aufgehoben.

Vielleicht sind die meisten Kirchen auch deshalb aus massivem Stein gemacht. Zumindest in der Hochzeit des Kirchenbaus, im Mittelalter, war ganz klar: nur die robustesten Steine sind eines Gotteshauses würdig. Ein bekanntes Gebet aus der Bibel lautet ja: „Mein Gott ist mein Fels, meine Burg, mein Retter.“ Eine Kirche soll diesen Fels, diese Burg, diese Rettung abbilden. In einer Kirche sollen sich die Menschen vor allem sicher, geborgen und gut aufgehoben wissen.

Eine große Kirche aus Stein kann schon sehr beeindruckend sein, man denke nur an den Dom von Köln oder die Kathedrale von Chartres. Ein anderes, wenn auch etwas kleineres Beispiel, ist der Dom von Worms. Er wird in diesem Jahr tausend Jahre alt. Allein diese Zahl klingt schon imposant, finde ich: Eintausend Jahre! Vor eintausend Jahren wurde er geweiht, und seitdem fanden dort schon viele kirchengeschichtlich bedeutende Ereignisse statt, zum Beispiel eine Papstwahl – und auch Martin Luther war hier schon einmal zu Besuch.

Wenn ich dort im Wormser Dom oder in einem anderen alten kirchlichen Gemäuer sitze, dann frag ich mich schon mal: Was haben diese Steine in all der Zeit wohl schon erlebt? Wie viele Menschen haben über die Jahrhunderte in dieser Kirche gebetet, Sicherheit und Geborgenheit gefunden? Wenn die Steine sprechen könnten, was würden sie wohl erzählen?

Na klar, Steine können mir nichts erzählen. Trotzdem ist so ein historischer Bau etwas Besonderes. Das tausendjährige Bestehen des Wormser Doms wird mit einem Jubiläumsjahr gefeiert. Ein festlicher Gottesdienst bildet dafür heute Morgen den Auftakt, ab halb zehn wird er auch im Fernsehen übertragen.

Mindestens so wichtig wie die Steine, aus der eine Kirche gebaut ist, sind doch die Menschen, die innerhalb ihrer Mauern Schutz, Erholung und Einkehr gefunden haben. Ich glaube deshalb: die Menschen, die in einer Kirche beten, Gottesdienst feiern oder auch nur eine Kerze anzünden: Das sind die eigentlichen Steine, aus der die Kirche gebaut ist.

Christen versammeln sich immer wieder in einem Haus aus Stein, in dem sie sich sicher, geborgen und gut aufgehoben wissen. Ich mache da auch mit, fast jeden Sonntag – aber eben nicht nur deshalb, weil die Bausubstanz des Gebäudes so stabil ist, sondern weil ich nicht alleine dort bin. Das, was mir Geborgenheit und Sicherheit schenkt, ist die Gemeinschaft, die ich dort erlebe. Und weil diese Gemeinschaft nun einmal in einem Haus aus Stein, einer Kirche, zusammenkommt, ist sie das Symbol für diese Gemeinschaft, den Zusammenhalt.

Christen sind natürlich nicht die einzige Gemeinschaft, die das so empfindet. Die meisten Religionsgemeinschaften treffen sich regelmäßig, um gemeinsam ihren Glauben zu feiern – und zwar in Räumen, die besonders stabil errichtet und schön hergerichtet sind: mit Kunst, mit Symbolen und Kultgegenständen. Es sind heilige, also vom Alltag unterschiedene Räume. Das werden sie aber nicht automatisch durch ihre Ausstattung, sondern vor allem durch die Begegnungen, die unter ihrem Dach stattfinden: Begegnungen zwischen Menschen - und die Begegnungen zwischen Menschen und Gott – wie auch immer er genannt wird.

Lebendiger Stein einer Gemeinschaft kann ich auch außerhalb der Kirche sein. Es gibt einige Gruppen, in denen ich mich sicher, geborgen und gut aufgehoben fühle: Von der Familie angefangen über den Sportverein bis hin zum Kollegium auf der Arbeit. Wenn ich Teil so eines „Hauses“ bin, dann ist das ein gutes Gefühl: ich bin ein wichtiger Teil eines größeren Ganzen, ich gehöre dazu - und ohne mich würde etwas fehlen.

Ich frage mich manchmal:

  • Wie heißt mein wichtigstes Haus: Familie, Kirche, Firma, Dorf?

  • Wo ist mein Platz als Baustein: unten oder oben? In einer dunklen Ecke oder an prominenter Stelle?

  • Säße ich als Stein vielleicht lieber woanders?

  • Was wäre, wenn mein Haus plötzlich ohne mich auskommen müsste? Würde alles einstürzen? Oder wäre ich ersetzbar?

  • Wie trage ich als lebendiger Baustein eigentlich dazu bei, dass man sich in mit mir sicher, geborgen und gut aufgehoben fühlt?

  • Und: Auf welchem Fundament steht mein Haus eigentlich? Habe ich auf Felsen oder auf Sand gebaut? Könnte ein Sturm oder ein böser Wolf das Haus leicht umpusten – oder hält es auch Unwettern stand?

Die Antworten fallen unterschiedlich aus, je nachdem, an welches „Haus“ ich denke: meine Ehe zum Beispiel hat ein anderes Fundament als meine Mitgliedschaft im Sportverein.

Ich glaube, die Frage danach, in welchem „Lebenshaus“ ich mich wirklich sicher, geborgen und gut aufgehoben fühle, sollte ich mir öfter stellen. Sie kann mir helfen, Prioritäten zu setzen. Vielleicht gibt es Häuser in meinem Leben, die gut ohne mich als Baustein auskommen würden. Oder andere, die eh bald zusammenstürzen und mich nicht mehr brauchen. Oder wieder andere, auf deren Fundament ich felsenfest stehen und zusammen mit anderen den Stürmen des Lebens trotzen kann. Ein lebendiger Baustein eines solchen Hauses zu sein: das kann mich froh und stolz und glücklich machen.

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