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Zusammen durchhalten
Bild: Natalie Faulk/Pixabay

Zusammen durchhalten

Helmut Wöllenstein
Ein Beitrag von Helmut Wöllenstein, Evangelischer Propst i. R., Sprengel Marburg
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Heute ist Palmsonntag. Die Woche läuft auf Ostern zu. Bald gibt es Ferien. Wie wird das Wetter? Das weiß man für Ostern nie genau. Doch die dunklen Wolken, die überm Land hängen, wollen nicht aufreißen. Wir dürfen kaum Familienbesuche machen, nur kleine Urlaubsreisen, immer noch keinen richtigen Einkaufsbummel. Was einen sonst nur genervt hat, würde man jetzt sogar gerne in Kauf nehmen: Im Stau stehen oder einen Parkplatz suchen. "Wir müssen Geduld haben", heißt es immer wieder von der Regierung und den Fachleuten. Man kann es bald nicht mehr hören. Ist schon schwer genug, geduldig zu sein, auch ohne dass es einem ständig gesagt wird. Nach 13 Monaten Pandemie sind viele einfach am Ende ihrer Kraft. Oder auch wütend: Wann ist es endlich mal vorbei! Wann kann man wieder raus, durchatmen und sich frei bewegen?

Jesu Einzug in Jerusalem

Die biblische Geschichte für diesen Sonntag erzählt von einer ähnlichen Situation, auch wenn sich das zunächst anders anhört: Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Leute, die sich dort zum Passahfest versammelt haben, gehen ihm entgegen. Sie stehen an der Straße winken und rufen "Hosianna! Willkommen!". Manche legen Palmzweige auf den Weg, so wie man das damals gemacht hat, wenn man einen Feldherrn empfangen wollte, der als Sieger nach Hause kam. Und das ist es, was die Leute von Jesus erwarten. Die hier am Straßenrand stehen, stehen auch sonst im Leben am Rand. Sie hoffen, das könnte mit ihm anders werden. Wenn Jesus ins Zentrum rückt, dann wollen auch sie mit ihm nach vorn rücken.

"Das ist unser Mann"

Manche kennen den jungen Rabbi aus Nazareth auch schon länger. Sie haben genau diesen Moment abgepasst. "Los komm", sagt einer zum anderen, "mach auch mit. Das ist unser Mann. Hast du nicht gehört, dass er Kranke heilen kann? Neulich soll er sogar einen Toten auferweckt haben. Und wenn er redet, hören alle zu. Der kann Leute mitreißen. Das Reich Gottes soll kommen", sagt er immer wieder. "Das ist seine Botschaft: Lahme gehen, Blinde sehen, Aussätzige werden rein. Er hat übrigens auch keine Angst, sich anzustecken bei den Leprakranken, um die sonst alle einen großen Bogen machen. –

Worauf wir warten

Und das ist doch genau, worauf wir warten: Gottes Reich. Schluss mit der Fremdherrschaft der Römer über unser Land. Der wird sie wegjagen. Schluss mit unserer eignen korrupten Elite. Mit Herodes, dem Möchtegernkönig, der doch nur katzbuckelt vor den Römern. Da kommt Jesus. Hosianna! Das ist echt einer von uns. Zimmermannssohn. Der weiß, was das Volk will. Komm schon, mach mit. Wir sind ganz vorne dabei."

Musik:  John Harle, RANT! für Sopransaxofon und Orchester

Was damals in Jerusalem am Passafest passiert, sieht aus wie eine echte Volksbewegung. Wie eine Wende zum Guten. Die Leute fühlen sich angesprochen. Sie gehen raus und machen den Mund auf. Sie vertrauen diesem Jesus und wissen offenbar in welche Richtung er geht.

Die Bilder vom Einzug in Jerusalem ähneln Nachrichten unserer Zeit.

Die Bilder ähneln denen aus den Nachrichten in der heutigen Zeit. Hunderte oder Tausende versammeln sich in manchen Städten auf der Straße. Sie wollen nicht hinnehmen, was da passiert, ausgelöst von der Corona-Pandemie. Viele von ihnen fühlen sich an den Rand gedrängt, bevormundet von den sogenannten Eliten, nicht wahrgenommen von den Medien.

Die Stimmen der Querdenker

Querdenker zum Beispiel, die lautstark ihre Sicht der Dinge vortragen: Corona gibt es nicht, ist nur ausgedacht, sagen sie. Mit dieser Erfindung soll das Volk gefügig gemacht werden, um es dann bald absolut zu beherrschen. Corona ist nicht mehr als eine Grippe, wissen manche und geben sich als Fachleute aus. Impfen ist unnötig oder sogar ganz falsch, denn da wird dir ein Chip eingepflanzt, mit dem sie dich dann weltweit verfolgen können. Manche sagen auch: Lass doch die paar Alten sterben. Wir anderen werden dann irgendwann alle immun. So hört man den Chor der Stimmen oder die verschiedenen Chöre mit unterschiedlichen Stimmen. Und nicht nur auf der Straße, sondern noch mehr sind im Internet unterwegs, in sozialen Netzwerken, millionenfach angeklickt, gelikt und weiterverbreitet. Und je öfter eine Botschaft wiederholt wird, desto mehr halten sie für richtig. Fühlen sich persönlich bestätigt. Das ist das uralte Gesetz der Masse: je größer sie wird, desto mehr zieht sie an. Sie gibt einem das Gefühl, du gehörst dazu, bist nicht allein mit deinen Ideen, deinen Zweifeln und deiner Wut.

Was Menschen bedrückt, muss ernstgenommen werden

Ich sehe eine verblüffende Nähe dieser Szenen zu der biblischen Geschichte: Die Leute jubeln einem zu, von dem sie denken, der weiß wirklich Bescheid in dem ganzen Chaos, das wir gerade erleben. Und wir wissen wirklich Bescheid, wenn wir uns ihm anschließen. Der schafft den Durchbruch.  - Was sollte falsch sein an solch einer Zustimmung, an solch einem lauten Eintreten für andere Verhältnisse? Was Menschen bedrückt, muss ernstgenommen werden.

Von Politikern, in den Medien, von uns als Kirche. Von allen. Ich denke, es ist wirklich im Sinne von Jesus, die Ursachen für das Starkwerden von Populismus oder Verschwörungstheorien ernst zu nehmen. Er hat gesehen, was Menschen bedrückt und Sorgen macht. Unabhängig davon, ob jemand arm oder reich ist.  Er hat sich allen zugewendet, denen am Rande und denen in der Mitte der Gesellschaft.

Wie geht man mit Verschwörungstheoretikern um?

Wie verhält man sich zu Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen? – Zuhören ist das erste, lese ich in einem Ratgeber, den meine evangelische Kirche aktuell herausgibt. Zusammen die Fakten prüfen. Auch klarstellen was falsch ist. Die Pandemie ganz zu leugnen ist etwas anderes, als Kritik an bestimmten Corona-Maßnahmen zu äußern. In Sachen Kritik kann man gemeinsam durchspielen, was dort an Strategien unterwegs ist. Man kann sehen, wohin sie jeweils führen.

Zuhören heißt nicht abnicken-verstehen heißt nicht gutheißen

Doch zuhören heißt nicht abnicken. Und verstehen heißt noch lange nicht, einverstanden sein. Es ist ebenso nötig, klare Kante zu zeigen. Was sich da manchmal zusammenbraut, diese Mischung aus Protest und Existenzangst, die sich noch einmal mischen kann mit Rassismus, Fremdenhass und Rechtfertigung von Gewalt – Dem kann man nur deutlich widersprechen. Klare Kante. Das geht nicht mit uns, nicht mit mir. Denn aus Reden werden Taten. Ein Shit-Storm kann die Bereitschaft zu Gewalttaten anfachen. Die Täter von Halle und Hanau sind in solchen Netzwerken zuhause gewesen. Und gerade die Menschen in Deutschland wissen: Wenn die Welle aus Populismus und Nationalismus richtig rollt, ist sie kaum zu brechen.

Musik: Philipp Glass, String Quartet No. 3 "Mishima" (arr. Für Saxofon-Quartett)

Die Stimmung kippt beim Einzug in Jerusalem

Als Jesus in Jerusalem einzieht, bereiten ihm viele Leute einen begeisterten Empfang. Wenige Tage danach wird die Menge brüllen: „Kreuzige ihn!“. Was ist passiert? Die Menschen sind enttäuscht und wütend, denn Jesus erfüllt ihre Hoffnungen nicht. Daran kippt die Stimmung. Nicht ihr Weltbild kippt. Sie halten fest an ihrer Vorstellung: Derjenige, den sie unterstützen, muss die Herrschaft an sich reißen und durchregieren. Doch genau das tut Jesus nicht. Das ist es gerade nicht, was Jesus unter der Herrschaft Gottes zum Wohl der Menschen versteht. Und deshalb lassen die Leute ihn mit der gleichen Begeisterung ans Kreuz nageln, mit der sie ihn vorher willkommen hießen.

Einige halten aber zu Jesus

Alle? – Nein nicht alle. Einige halten zu ihm. Einige sind bei ihm als er am Kreuz stirbt. Einige wissen, dass er die Herrschaft nie mit Gewalt an sich reißen wird. – Sie konnten es sofort sehen, als er in die Stadt einzog, dieses auffällige Zeichen: Er reitet auf einem Esel. Da kam schon der erste Spott auf:

Wie kommt der denn daher? Er reitet ja auf einem Esel. Und der soll unser Anführer sein! Warum hat er denn kein Pferd? So wird er nie ein König werden. Wie peinlich. Hat er sich das nicht vorher klar gemacht?

Der Esel ist sein Zeichen

Doch, das hat er sich klar gemacht. Der Esel ist sein Zeichen. Jesus wählt bewusst das Reittier der kleinen Leute. Es geht ihm nicht um Glanz, nicht um eine Herrschaft, von oben runter, vom hohen Ross aus. Die ihn schon lange kennen, sagen: So ist er. Das schätzen wir an ihm. Jesus will dienen. Er will tragen, so wie das Lasttier, auf dem er sitzt. Er nimmt Verantwortung auf sich. Und wenn ihm dabei Opfer zugemutet werden, wälzt er sie nicht auf andere ab. Er stellt sich der Realität, mit der wir alle umgehen müssen. Menschen haben immer eine Last zu tragen. Kein einziges Leben ist möglich ohne Schmerz, ohne dass man auf etwas verzichten oder Durststrecken aushalten muss. Das zeigt Jesus, wenn er auf dem Esel einzieht. Man kann sagen, der Esel ist sein Wappentier. Wie andere Herrscher einen Löwen haben oder einen Adler, um vorzuführen, wie stark sie sind, wie stolz und wie wehrhaft, so ist seine Botschaft mit dem Esel: Ich komme, um mit euch die Lasten zu teilen.

Musik: Philipp Glass, Melody for Saxophone  No. 10

Nur gemeinsam durch die Krise

Ich bin immer wieder überrascht von uns als Gesellschaft, jetzt in der Krise. Dass viele Menschen so lange Ausdauer haben und zusammen durchhalten. Dabei wird viel gestritten unter Wissenschaftlerinnen und Politikern, in Talkshows, in Zeitungsdebatten. Das ist unverzichtbar. Wer kann schon allein diese komplexen Dinge durchschauen, Ursachen erkennen und Wirkungen sehen, Lösungen finden? Das ist nur gemeinsam möglich, mit Schwarmintelligenz – aber nicht in einer dumpfen, gleichgeschalteten Herde. Ein Schwarm braucht interne Vielfalt und Lebendigkeit, ein ständiges Vibrieren und Summen. Und dann bewegt er sich doch eine Richtung.

Abstand halten, Maske tragen- das gilt auch weiter

Auch wenn ich es leid bin, Abstand zu halten und Masken zu tragen. Wenn ich im Zug viel lieber in die Gesichter sehen würden, wie sie lachen, erzählen, auf etwas reagieren beim WhatsApp-Lesen – ich halte mich an die Regeln wie die allermeisten es tun. Mein Eindruck ist sogar, es wird immer genauer beachtet. Plötzlich waren die Stoffmasken nicht mehr genug. Die modischen, die selbstgenähten, die künstlerischen mussten durch medizinische ersetzt werden, und in zwei Tagen hatten es alle kapiert. Und das sogar aus Rücksicht, nicht weil man sich selbst schützen kann, sondern um nicht andere zu infizieren. Ist das nicht eine großartige Kleinigkeit, diese lästige Alltags Sache, die fast alle mitmachen, damit möglichst alle gesund bleiben? Ganz sicher ist Geduld keine unendliche Ressource.

Impfpraxis stellt unsere Geduld auf die Probe

Beim Thema Impfen wird sie strapaziert wie lange nicht. Viele hatten so sehr darauf gewartet. Die Lockerungen hängen davon ab. Und es hätte wirklich zügiger gehen können. Wo muss ich hin mit meinen Eltern? Ach so, in die nächste Stadt, 30 Kilometer entfernt. Man muss vorher anrufen und hängt stundenlang in der Telefonschleife. – Wann bin ich selbst an der Reihe? Ich verstehe, es muss eine Reihenfolge geben. Und es ist zu wenig Impfstoff da. Obwohl es andere Länder schaffen, mehr bereitzustellen. Welcher Stoff ist der beste für mich als Mann mit 65 – alles nicht so ganz klar. Was wird mit den Resten von angebrochenen Packungen? Vernichten, oder an die verimpfen, die nah dran sind, gute Beziehungen haben? Andere rasseln in einen Skandal, weil sie sich trickreich vordrängeln mit ihrer Familie. Und doch wird bei uns auf einem hohen Niveau geklagt. In einem Land, das zu den am besten versorgten in der Welt gehört. Sehr viele andere Staaten, zumeist auf der Südhalbkugel, werden bis zum Jahresende, wenn sie Glück haben, 20 % der Bevölkerung impfen können. Und das nicht nur zu ihrem Schaden, sondern bei dieser globalen Pandemie auch mit dem Risiko, dass von dort neue, gefährliche Mutationen des Virus zu uns kommen.

Musik: John Dowland, Lacrimae Antiquae (arr. für Saxofon-Quartett)

Wir schaffen es nur, wenn wir durchhalten

Ich denke, wir schaffen es nur, wenn wir durchhalten. Und wir halten nur durch, wenn wir zusammenhalten. Dazu gehört auch, dass wir uns selbst und andere wertschätzen. Auch Esel haben ihren Stolz. Sie sind nämlich keine dummen Esel. Sie haben ein gutes Näschen und wache Ohren. Sie haben einen Instinkt, der das Überleben unter schwierigen Bedingungen möglich macht. Nicht Streitrösser sind jetzt gefragt, die mit ihren Scheuklappen nach vorne stürmen und andere niedertrampeln. Nicht Turnierpferde, die auf Show dressiert sind.

Esel sind gefragt, besonders ihr Charakter

Esel sind gefragt, ihr Charakter: Sich nicht aus dem Tritt bringen lassen, bergauf und bergab, immer einen Fuß vor den anderen, Routinen durchhalten. Ausgetretene Pfade gehen wie im Schlaf. Und wenn es sein muss, auch völlig quer durch die Landschaft, schmale, steinige schräge Partien, wo du auf jeden Fußtritt achten musst. So wir es aus dem Corona-Chaos kennen. Esel können das wie kaum andere Tiere. Den grauen Alltag durchalten. Und wenn’s gar nicht mehr geht, auch mal stehen bleiben. Völlig bockig, stur wie ein Esel, sich von keinem mehr antreiben lassen. Einfach verschnaufen. Und dann immer noch zusammenhalten. Esel sind nämlich auch sehr soziale Tiere. Allein geht gar nichts. Am liebsten stehen sie zusammen. Was der eine wittert an frischem Gras, das schmeckt auch dem anderen. Wo der eine den Löwen kommen sieht, ergreift auch der andere die Flucht und beide retten ihr Leben.

Willkommen du Lastenträger

So hat sich Jesus den Esel zu seinem Wappentier gemacht am Palmsonntag. So will er bei uns einziehen. So will er mit uns tragen und stützen. So geht er in diese Woche. Menschen stehen am Wegrand und heißen ihn willkommen. Sie legen Palmen auf den steinigen Weg und manche sogar ihren Mantel. Sie sagen: Willkommen du Lastenträger. Dein Weg ist der Königsweg. Du bist an unserer Seite. Wir halten zu dir. Wir halten zusammen durch.

Musik: Jess Gillam, Suspirium (arr. Rimmer)

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