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Wunden werden verwandelt

Wunden werden verwandelt

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Gottesdienstübertragung aus der evangelischen Erlöserkirche Frankfurt-Oberrad

Predigt Teil 1

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

Menschen sind gerne unter sich, wenn sie sich an einen lieben Verstorbenen erinnern. So auch bei der großen Familie mit mittlerweile erwachsenen Kindern. Sie trifft sich zum Todestag eines verstorbenen Bruders. Alle sind gekommen. Erst zum Gottesdienst, dann zu einem gemeinsamen Essen. Einer der Brüder hatte unangekündigt eine Bekannte mitgebracht. Sie war die einzige, die nicht zur Familie gehörte. „Bitte, nehmt sie nett auf!“ bat der Bruder. „Och nee!“ Aus der einen Schwester, sonst immer höflich, bricht es heraus. „Nicht schon wieder. Ich will mich einmal nicht auf fremde Leute einstellen. Ich weiß nicht, was ich mit der reden soll. Ich will mich nicht immer anstrengen müssen. Ich hatte mich so gefreut, dass wir unter uns sind! Gerade, wenn es um uns geht. Um unsere Trauer. Um unsere Erinnerung.“

Ich kann das verstehen: Nicht immer habe ich die Kraft und die Lust, mich auf unvertraute Menschen einzulassen. Sie zu integrieren. Mich für sie zu interessieren. Schon gar nicht, wenn ich mich nicht darauf eingestellt habe. Ich hab’s oft gern, wenn ich in meiner gewohnten Umgebung ungestört sein kann. Da sind die Felder abgesteckt, in denen ich mich bewege. Wir kennen uns und sind einander vertraut. Wie jemand redet. Was ihr wichtig ist. Was er mag und um welches Problem ich am besten einen großen Bogen mache. Das entlastet mich. Ich muss mich da nicht neu positionieren. Ich kann einfach so bleiben, wie ich bin.

Wenn dann so ein Fremder auftaucht, gerät das ins Wanken. Es verunsichert mich. Kann sein, dass es damals mit den Jüngern ganz ähnlich war. Hören wir den Bibeltext zur Osterpredigt aus dem Lukasevangelium, dem 24. Kapitel:

"Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße. Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm’s und aß vor ihnen."

Die Jünger saßen zusammen in geschlossener Runde und erzählten. Davon, wie sie mit Jesus durch das Land gezogen waren. Wie er von Gott erzählt und in dessen Namen Menschen gesund gemacht hat. Wie sie zusammen mit ihm zum Passahfest nach Jerusalem gekommen waren. Und dann die Katastrophe: Kaum hatten sie Worte dafür, wie schlimm das war, als Jesus verurteilt und ans Kreuz genagelt wurde. Dass dann aber die Frauen vom Grab kamen und sagten, er sei dort nicht mehr, konnten sie kaum glauben.

Nun saßen sie zusammen und waren froh, dass sie sich wenigstens gegenseitig hatten. Sie kannten ihre Hoffnungen und ihre Trauer. Sie wussten auch, was dem einen wichtig war und was der andere nicht ausstehen konnte. Mit dem Erzählen kommt ein bisschen Trost. Und sie fangen schon an, sich in der neuen Situation einzurichten und sich abzufinden mit dem, wie es ist.

Wir Menschen müssen das tun, anders halten wir dem Druck von schweren Schicksalsschlägen nicht stand. Wenn wir ganz traurig sind, suchen wir die Nähe von vertrauten Personen. In diese Vertrautheit kommt Jesus. Ganz plötzlich. Und so, dass sie ihn nicht gleich erkennen. Der tot Geglaubte fängt zu reden an: „Friede sei mit euch!“ Die Jünger sind entsetzt. Sie jubeln nicht etwa vor Begeisterung. Sie fallen ihm nicht um den Hals. Sie sind starr vor Schreck. Das gehört zur Ostergeschichte offenbar dazu. Da ist nicht nur Jubel, sondern sie verunsichert auch. Zu Ostern gehören diese gemischten Gefühle.

Predigt Teil 2

Die Jünger sind entsetzt. Sie antworten nicht. Jesus hätte enttäuscht reagieren können. Aber das tut er nicht. Er ist ja kein Fremder für sie. Aber, dass er bei ihnen ist, verwandelt und doch auch der Alte, das können sie nicht verstehen. Damit sie kapieren, dass er nicht nur als Gedanke oder als Sinnestäuschung da ist, zeigt er ihnen seine Hände und Füße. Jemanden mit Hand und Fuß kann man sich nicht einfach einbilden. Und um noch eins draufzusetzen, bittet er die Jünger um einen gebratenen Fisch. Ich stelle mir vor, wie er den Fisch mit seinen Fingern anfasst, ihn anschaut und ihn in seinem Mund verschwinden lässt. Ganz genüsslich und damit ganz menschlich. Jemand, der mit am Tisch sitzt und isst, der ist wirklich da. Auch wenn er mir fremd vorkommt, tut er doch etwas, was mir vertraut ist.

Allmählich verändert sich bei den Jüngern etwas. Da ist nicht nur ein Fremder, eingebrochen in ihren Kreis. Da ist auch der, der ihnen vertraut ist wie kein anderer: Jesus. Wie oft haben sie mit ihm zusammen gesessen und gegessen! Ich glaube, dass Jesus durch die Auferstehung verwandelt wurde. Aber seine Verletzungen sind noch sichtbar. Das alte Leben ist nicht einfach weg. Jesu Wunden zeigen das.

Ich schaue aber jetzt mal nicht nur auf Jesus. Ich schaue auch auf unsere Wunden. Sie gehören zu vielen von uns, bestimmten Wunden, oder Narben. Sie prägen die Persönlichkeit. Sie erzählen etwas von der Würde des gelebten Lebens. Ich kann nur jemand meine Wunden zeigen, dem oder der ich vertraue. Wenn schon eine Nähe da ist. Menschen, mit denen ich vertraut bin, mute ich zu, meine Verletzungen zu sehen. Dadurch kann die Nähe zwischen uns sogar noch größer werden.

Am Ostermorgen irritiert und verunsichert Jesus die Jünger zuerst einmal. Aber er kommt ihnen auch auf eine besondere und neue Weise ganz nah. Die Jünger sind hin- und hergerissen. Der Evangelist Lukas beschreibt das so: Sie können noch nicht glauben vor Freude. Sie können noch nicht glauben vor Freude. Das gefällt mir: sie freuen sich, obwohl sie nicht sicher sind. Wissen sie denn schon, was seine Auferstehung für sie bedeutet? Aber sie freuen sich, dass er bei ihnen ist, auch wenn sie es nicht ganz verstehen können.

Österliche Unsicherheit braucht niemand zu verleugnen, denn der Auferstandene ist nicht einfach der wiederbelebte Leichnam Jesu. Die Auferstehung führt nicht zurück ins alte Leben, sondern nach vorne. Jesus lebt. Aber sein Leben kommt von jenseits des Todes. Deshalb sind seine Wunden zwar da, aber sie schmerzen ihn nicht mehr.

Mit Jesus kommt Zuversicht in mein Leben: auch meine Wunden werden verwandelt werden. Was jetzt in mir schmerzt, wird irgendwann nicht mehr weh tun. Ganz sicher, wenn ich bei Gott bin. Aber auch schon jetzt gibt es immer wieder Momente, in denen Gott mein Leben heil macht. Trotz der Wunden, die mir andere oder ich mir selbst zugefügt habe. Da gelingt es, trotz der Trauer wieder fröhlich zu sein und Vertrauen zu können. Da kann es geschehen, dass ich weit von Zuhause weg bin und doch in der neuen Umgebung Heimat finde. Da kann es geschehen, dass ich Menschen verliere, bei denen ich zu Hause war, und dann in einer neuen Liebe ganz daheim bin. So kommt Zuversicht in mein Herz: der Glaube, dass mein Leben sich zum Guten wendet. Aber sicher bin ich nicht. Ich zweifele auch. Wer glaubt, sieht das Leben wie es ist. Und sieht doch darüber hinaus. Ich habe eine neue Perspektive. Von so einem neuen Blickwinkel hören wir nach der Musik im letzten Teil der Predigt

Predigt Teil 3

„Du musst immer damit rechnen, dass jemand in den Kreis tritt und es ist Jesus!“ Ich konnte damals nichts damit anfangen, als mir das jemand vor vielen Jahren gesagt hat. Jesus kommt ja nicht wirklich zu mir, setzt sich an den Tisch und verlangt gar nach gebratenem Fisch. Aber es wird immer wieder passieren, dass andere kommen. Sie brechen ein in den gewohnten Kreis von Freunden und Familie. Als Christin habe ich einen besonderen Beweggrund, mich auf den Fremden einzulassen: in ihm könnte mir Jesus begegnen. Der ja von sich gesagt hat: Was ihr einem von diesen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.

Wenn ich mich so für den Anderen öffnen kann, merke ich: Mit ihm kommt nicht nur Fremdes ins Haus. Er oder sie bereichert mich auch. Fremde können mir viel Neues geben und sagen, auch über mich selbst, weil sie einen eigenen, für mich ungewohnten Blick auf mein Leben haben. Sie kommen mit dem, was sie prägt, mit ihrem ganzen Erfahrungsschatz. Auch mit Wunden und dem, was sie beeinträchtigt. Mit dem, was sie hoffen, mit dem, worin sie stark sind. So kann in der Gemeinschaft mit dem Anderen in mir etwas heil werden.

Wenn ich mit mir selber allein bleibe, dann bleibt eben alles so, wie es ist. Dann richte ich mich ein. Auch mit dem, was traurig und schmerzlich ist. Aber wenn der Andere kommen darf, dann zeigt er mir, dass das nicht so bleiben muss. Vielleicht hat das auch die Schwester gemerkt. Sie wollte, dass bei dem Jahresgedenken an ihren Bruder keine Fremde mit am Tisch sitzt. Aber die fremde Frau war auf einmal eine Bereicherung und nicht nur fremd. Sie erzählte nämlich Geschichten vom verstorbenen Bruder, die aus der Familie niemand kannte. Mit Zuversicht im Herzen würde die Schwester jetzt vielleicht sagen: „Komm in unsere Runde, setz dich mit an unseren Tisch!“
Amen.

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