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Wo kommen Sie her?
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Wo kommen Sie her?

Dr. Klaus Dorn
Ein Beitrag von

Dr. Klaus Dorn,

em. Dozent am Kath.-Theol. Seminar, Marburg
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„Where do you come from?“ – Wo kommen Sie her? rief mir der Händler im Basar von Istanbul zu. Ich hätte natürlich sagen können: Aus Bursa, der vorausgehenden Station meiner Reise, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er etwas anderes wissen wollte. Ich antwortete ihm, er solle doch mal raten. Die Herkunft aus den USA schloss er sofort aus. Wahrscheinlich klang mein Englisch nicht amerikanisch genug. Frankreich wäre auch in Betracht gekommen, aber er sagte zielsicher: Aus Deutschland und fügte gleich hinzu, München, Hamburg, Frankfurt? Marburg kannte er nicht, aber er war mit der Auskunft 100 km nördlich von Frankfurt auch zufrieden. So oder ähnlich fängt in einem Basar ein Verkaufsgespräch an. Wenige Meter weiter könnte das Gleiche passieren. Ich fragte einen Händler, woran er denn erkenne wer Deutscher sei, und er antwortete mir: Ich sehe das an den Schuhen. Bei Birkenstocksandalen mit weißen Tennissocken könnte ich seinen Scharfsinn ja noch nachvollziehen. Aber ich trug beides nicht. Und so bleibt es für mich ein Rätsel, woran man deutsche Schuhe erkennt.

Where do you come from? – Wo kommen Sie her? Das ist zurzeit in Deutschland eine ziemlich heikle Frage. Es ist damit zu rechnen, dass als Antwort folgt: aus Offenbach, Darmstadt oder Hanau. Und dann kann der Zusatz kommen: Dort bin ich nämlich geboren.

Solche Fragen werden natürlich nur jenen Menschen gestellt, die, wie es im amtsdeutsch heißt, einen Migrationshintergrund haben. Und viele werden es leid sein, diese Frage immer wieder gestellt zu bekommen. Aber heute kommt da noch etwas ganz anderes hinzu: Die Frage gilt als rassistisch, denn viele sagen oder denken zumindest: Du gehörst hier nicht hin. Du hast bei uns keinen Platz. Wir wollen dich nicht. Hier hast du nichts verloren. Du bist kein Deutscher oder keine Deutsche.

Wenn ich jemanden frage, so geschieht dies aus Interesse an dem Menschen, der vor mir steht. Wo kommt er her? Welche Sprache, die ich nicht verstehe, spricht er? Aus welchem Kulturkreis kommt er? Wie lebt man dort? Und schließlich auch die Frage: Was hat diesen Menschen oder schon seine Vorfahren dazu bewogen, aus der ursprünglichen Heimat auszuwandern? Wir können uns gar nicht vorstellen, wie schwierig das für jemanden ist, der in eine Clan- oder Sippenstruktur hineingeboren wurde und was es bedeutet, diese zu verlassen. Einerseits bewundere ich solche Menschen für ihren Mut, andererseits bedauere ich sie wegen ihrer Heimatlosigkeit. Und ich erinnere mich an das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, in dem das eine Tier zum nächsten sagt: Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden. Die Hoffnung auf das "Bessere" angesichts des bevorstehenden Elends bewegt wohl die Meisten dazu, ihre Heimat zu verlassen. "Wo kommen Sie her?" darf für unsere Gesellschaft nicht heißen: Sie haben hier nichts zu suchen, sondern vielmehr: Ich bewundere Sie und hoffe, dass Sie es hier schaffen.

 

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