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Vielfältig glauben in einem demokratischen Land
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Vielfältig glauben in einem demokratischen Land

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Manche fürchten sich vor dem Islam. Auch ich möchte nicht, dass Europa islamisiert wird. Ich bin Christ und möchte es bleiben. Dennoch möchte ich nicht zum christlichen Abendland zurückkehren, wie es war, als dieser Begriff geprägt wurde.

Damals zwangen autoritäre Herrscher ihren Untertanen ihren Glauben auf. Sie entschieden nach Gutdünken, ob sie Andersgläubige duldeten, ausbeuteten oder töten ließen. Das finde ich furchtbar, denn das nahm den Menschen damals die Freiheit. Man kann seinen Glauben nur dann aus innerer Überzeugung leben, wenn man sich dafür frei entschieden hat.

Umso mehr betrübt mich, dass es diese Freiheit heute in vielen Regionen der Welt nicht gibt. In manchen Ländern wird jede Religion verfolgt. In anderen nur eine Religion zugelassen. Das beklage ich sehr. Zugleich sehe ich, dass dies auch im christlich-abendländischen Europa lange so war.

Die Freiheit, die ich meine, gewährt ein anderes Gesellschaftssystem, und zwar jenes, das es heute in Deutschland gibt. Es gewährt allen Freiheit: den Christen, Muslimen, Leuten mit anderen Religionen und solchen, die gar keine haben wollen. Es ist ein pluralistischer Staat. Der macht keine religiösen Vorschriften, aber er sichert allen Gläubigen und auch den Nicht-Gläubigen ihre Freiheit. Die Regeln des Staats gelten für alle und alle müssen sich daran halten. Das schafft die Grundlage dafür, dass unsere Gesellschaft Platz hat für viele.

Wenn heute in Deutschland etwas wirklich gefährlich ist, dann ist es die Angst vor dieser Vielfalt. Manche halten sie nicht aus. Das ist ja auch anspruchsvoll: Nie kann man sich seiner Sache ganz sicher sein. Denn immer ist zu sehen: Es gibt auch andere. Und die stellen das Eigene in Frage. Vielfalt macht manchen Angst. Wie kann man damit umgehen?

Ein Weg wäre, die anderen loswerden zu wollen. Aber davon träumen nur die, die sich selbst für schwach halten. Solche gibt es unter Christen, Muslimen und Atheisten. Leider haben sie die Idee unseres offenen Gesellschaftssystems noch nicht verstanden. Oder sie wollen es nicht.

Diese Grundidee des pluralistischen Staates fordert von allen: Achtet die Grundwerte der Demokratie, sie haben Vorrang vor religiösen Bräuchen. Ich kenne viele Muslime, die das gut hinbekommen. Mehr noch: Viele leben gerade deshalb gerne hier, weil das hier so ist. Aber es gibt auch die Muslime, die sich damit schwer tun.

Allerdings: Auch dem Christentum ist diese Einsicht nicht in die Wiege gelegt. Sie musste über Jahrhunderte mühsam gelernt werden. Ich möchte meine christliche Überzeugung nicht durchsetzen, indem ich andere verdränge. Ich möchte sie überzeugend leben. Das können und sollen die anderen auch tun. Dann kämpfen nicht Schwache gegeneinander, sondern Starke wetteifern miteinander. Wer sich darauf einlässt, lässt selbstbewusst die anderen anders sein. Das gelingt natürlich nur, wenn ich von meinem Glauben wirklich überzeugt bin.

Erstens davon, wie schön es ist, in Gott jemanden an meiner Seite zu wissen. Wer sonst könnte immer zu mir halten, in Freud und Leid?!

Zweitens, wie gut es tut, von Jesus Christus das Verzeihen zu lernen. Wie sonst sollte die Gewalt jemals überwunden werden als durch Gottes Erbarmen?!

Und drittens, wieviel Kraft mir der Heilige Geist gibt. Woher sollte ich sonst die Hoffnung nehmen, dass Gott die Welt zum Besseren wenden wird?! Damit kann ich gut Christ sein. Inmitten von anderen, die andere Überzeugungen haben.

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