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Verdrossener Prophet hält Jahresrückblick
Peter Ziegler/Pixabay

Verdrossener Prophet hält Jahresrückblick

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt

Jahresrückblick im sonnigen Süden. Einer sitzt im Schatten unter einem Baum und denkt nach, wie sein Jahr so war. Es fing mit einem doofen Auftrag seines Chefs an. Er sollte einer verkorksten Kommune sagen, wie sie wieder in die Puschen kommt. Wie Korruption und Vetternwirtschaft, üble Nachrede und eigennütziges Wirtschaften zu beenden sind. Was für ein verpeilter Anspruch. „Der Mensch an sich ist böse“, denkt der Mann und schaut verdrießlich vor sich hin. Er hat versucht, den Auftrag abzulehnen. Sein Chef hat ihn auf ziemlich spektakuläre Weise aber wieder herbeizitiert. Und dann hat er den Job doch gemacht. Sogar ganz erfolgreich. Die Stadt hatte ein gutes Jahr. Nur er sitzt jetzt in dieser Hitze unterm Baum und schwitzt. Mist.

Gott wollte, dass die Menschen gerecht zusammenleben

Der Mann, von dem ich rede, heißt Jona und ist ein Prophet in der Bibel. Seinen Auftrag hatte er von Gott. Gott wollte, dass die Menschen in der Stadt Ninive in gegenseitigem Respekt und gerecht zusammenleben. Weil sie’s nicht taten, schickte Gott den Propheten. Dessen Job sind klare Ansagen. Aber Jona war von Anfang an überzeugt, dass Reden eh nicht hilft. Darum hat er sich verdrückt. Weit weg übers Meer. Ein Reinfall, die Idee, denn Jona fiel wortwörtlich ins Wasser. Gott bietet mehrere Wunder auf, um Jona zu dem zu bringen, was seine Aufgabe und sein Talent ist. Gott schickt einen dicken Fisch, der Jona birgt. Ein Wunder.  Daraufhin geht Jona nach Ninive. Dort geschieht ein zweites Wunder. Die Leute in der Stadt hören auf ihn. Sie bereuen ihr Tun, bitten einander und bitten Gott um Vergebung. Jona sagt sich: „Das sind alles Gut-Menschen, Naivlinge. Und Gott, billig mit seiner Gnade, ein Gut-Gott. Was soll das? Einen auf die Mütze gehört den Bösen. Einsicht und Umkehr, das ist was für Weicheier oder den Sankt Nimmerleinstag.“ 

Gott ist bei denen, die in die Irre gehen

In seiner Nörgelei merkt Jona nicht, dass der Schatten des Baums im heißen Süden nur für ihn gemacht ist. Nur für ihn ein angenehmer Ort, an dem er aussprechen kann, was er denkt. Gott gibt ihm diesen Raum. Die Freiheit zum eigenen Denken. Gott tut ansonsten das Seine. Ist bei denen, die in die Irre gehen. In Ninive, bei Jona unterm Baum. 

Und bei uns. In Frankfurt oder Fulda, in Laubach oder Herborn und wo auch immer. Wenn wir am Ende des Jahres verdrossen dasitzen, nichts und niemanden gut finden können, dann sagt die Jona-Geschichte: „Hey, wie viele Wunder müssen denn geschehen, damit du siehst, nicht alles ist mies und unveränderlich. Menschen können sich wandeln. Auch du kannst dich ändern. Sogar die Welt ein bisschen verändern. Steh auf, geh deinen Weg. Frei. Und sei gewiss: Gott ist da. Liebt dich. Und wünscht dir, dass du dich lieben kannst. Und deinen Nächsten wie dich selbst.“

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