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Tabor-Erlebnisse im Alltag
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Tabor-Erlebnisse im Alltag

Marcus Vogler
Ein Beitrag von

Marcus Vogler,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei St. Johannes der Täufer & Leiter des Bildungshaus, Amöneburg
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Ich erinnere mich noch gut an diesen besonderen Morgen im Heiligen Land. Mit 43 Pilgern durfte ich dort für 10 Tage unterwegs sein. Es war an einem Sonntag. Die Sonne ging langsam auf über dem See Genezareth und tauchte das Wasser in ein herrliches Farbenspiel. Mehrstimmer Vogelgesang begrüßte den neuen Tag.

In einiger Entfernung konnte ich Fischer beobachten, die behutsam die ersten Netze ins Boot zogen. Mit meiner Pilgergruppe machte ich mich an diesem herrlichen Tag auf den Weg zu unserem Tagesziel, dem Berg Tabor, der circa 50 Kilometer westlich vom See Genezareth entfernt ist. Knapp eine Stunde Busfahrt lag vor uns. Schon von weitem waren an diesem klaren Sonntagmorgen die Konturen des Berg Tabors zu erkennen. Inmitten der Jesreel-Ebene erhebt sich dieser freistehende Berg, der aufgrund seines markanten Äußeren auffällt. Dieser Berg, der von Ferne beinahe einem halben Ei gleicht, überrascht außerdem durch seine Höhe von 588 Metern. Sein kegelförmiges Aussehen lässt auf einen ehemaligen Vulkan schließen. An seinen Seiten weist er eine recht außergewöhnliche Vegetation auf, die aus Steineichen, wilden Pistazien und anderen Bergpflanzen besteht. Im Frühling wachsen dort verschiedene Liliensorten. Auf den Berg Tabor führt nur eine kleine schmale Straße, die sich in engen Serpentinen Kurve für Kurve emporschlängelt. Für große Busse ein schier unüberwindbares Hindernis. Aus diesem Grund müssen alle Pilger in kleine Taxen umsteigen. So auch unserer Pilgergruppe. Die Taxifahrer haben sichtlich Freude daran, die von der Enge der Straße beeindruckten Menschen auf den Gipfel zu chauffieren. Eine unvergessliche Fahrt, die einfach zum Berg Tabor dazu gehört. Das Gipfelplateau, ist reich an herrlichen Zypressen, die spitz in den stahlblauen Himmel hineinragen. Ein wunderschöner Ausblick in alle Himmelsrichtungen macht diesen Ort so besonders. Ich möchte Sie heute Morgen mit hinaufnehmen auf den Berg Tabor. Denn hier spielt sich die Szene ab, die heute am 2. Sonntag in der Fastenzeit traditionell in allen katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird.

Musik:Johann Sebastian Bach Suiten 5/6; Silvestro Ganssi Recerchade - Recerchar segundo

Jesus und die Jünger sind auf dem Berg Tabor. Der Evangelist Matthäus beschreibt die Szene mit folgenden Worten: „In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus antwortete und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erscholl aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und fürchteten sich sehr. Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! Und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist! (Mt 17, 1-9) Soweit die Worte aus der Bibel.

Mich persönlich fasziniert diese Erzählung immer wieder aufs Neue. Gerne wäre ich auch dabei gewesen. Aber mir bleibt nur der Besuch mit meiner Pilgergruppe über 2000 Jahre später, für den ich aber bis heute sehr dankbar bin.

Was haben die Jünger damals hier oben erlebt? Ich versuche mich in ihre Situation hineinzuversetzen: Petrus, Jakobus und Johannes sind schon seit einiger Zeit mit Jesus auf dem Weg. Sie haben schon viel mit Jesus erlebt, aber wahrscheinlich hatten sie in Jesus Gott noch gar nicht wirklich entdeckt. Jesus weiß, dass er nicht mehr lange mit seinen Jüngern zusammen ist. Deshalb nimmt er diese drei Jünger beiseite. Jesus führte sie aus ihrem gewöhnlichen Umfeld ihrer täglichen Erfahrungen und Arbeiten heraus. Und plötzlich oben auf dem Berg gehen ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Augen und die Ohren auf. Sie sehen Jesus in einem anderen Licht: Sie haben auf einmal eine Ahnung, dass sich in diesem Jesus der Himmel öffnet und der Sohn Gottes vor ihnen steht. Wie ein Geistesblitz kommt es ihnen in den Sinn, dass ihr Meister wie Elija und Mose in einem ist: Elija, der Prophet schlechthin, und Mose, der Überbringer der Gebote Gottes. In Jesus, so die Erkenntnis der drei, baut Gott sein Haus unter den Menschen, ist Gott mitten unter ihnen.

Diese außergewöhnliche Gotteserfahrung erfüllt Petrus, Jakobus und Johannes mit einer so tiefen inneren Freude und Zufriedenheit, dass der mir sehr sympathische Petrus die Gefühle der Jünger wieder einmal auf den Punkt bringt: "Lasst uns drei Hütten bauen", was so viel bedeutet wie: Lasst uns diesen Moment festhalten. Er soll nicht vorübergehen. Seit dieser Zeit sprechen Menschen bis heute von sogenannten Taborerlebnissen und meinen damit wunderbare Erfahrungen und Erlebnisse, die schön sind und Kraft geben. Geschenkte Erfahrungen und Momente, in denen sie Gottes Nähe verspürt haben.

Musik: Johann Sebastian Bach - Alte Musik – Von der Gregorianik bis zum Barock - Präludium a-moll BWV 569 

Vom Berg Tabor in unsere Zeit. Sind solche wunderbaren Erfahrungen, die die Jünger damals auf dem Berg Tabor gemacht haben, auch heute möglich? Scher, und ich habe sie auch schon erlebt: ein berührender Gottesdienst in einer ästhetisch geschmückten Kirche mit wunderbarem Orgelspiel und Gesang. Weihrauchduft, der das Gotteshaus durchzieht. Hier spüre ich: Gott ist mir nahe. Ein tiefgehendes Gespräch, das mir neue Einsichten vermittelt und mir das Wirken Gottes in meinem Leben erschließt. Das unvermittelte Auftauchen einer helfenden Hand in einer schwierigen Zeit, die mich erfahren lässt: Ich bin nicht allein. Gott ist bei mir. Ein stiller Augenblick auf dem Gipfel eines Berges mit einer atemberaubenden Fernsicht, der mir deutlich vor Augen führt: Hier begegne ich meinem Schöpfer. Es gibt sie, die Situationen, in denen ich den Eindruck habe, dass sich auf einmal der Himmel öffnet und ich Gott ganz nah bei mir spüre. Es sind echte "Highlights", die mich Jesus und meinen Glauben wieder in einem anderen Licht sehen lassen.

Solche Glaubenserfahrungen sind Geschenke Gottes und nicht erzwingbar. Und doch kann ich das Meine dazutun, damit Taborerlebnisse an mir geschehen können. Es braucht das Bewusstsein und den Glauben, dass Jesus mein Leben mit mir teilt. Er sozusagen mit mir – wie mit den Jüngern damals – auf dem Weg ist, auch und besonders bei den steilen und anstrengenden Anstiegen des Lebens. Darüber hinaus ist mein aktives Mitwirken gefragt, indem ich Orte der Stille aufsuche, an denen Gott mir begegnen kann. Es hat einmal jemand den schönen Satz geprägt: Die Stille ist der Arbeitsplatz Gottes.Die Zeit, in der nicht ich nicht dauernd rede, sondern in der ich auch einmal hinhöre und zuhöre, was Gott mir vielleicht sagen möchte. Wenn ich also offen bin für die Begegnung mit Jesus und seine Weggemeinschaft oder noch besser: wenn ich voller Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Jesus bin, dann können sie geschehen, die Taborerlebnisse – im wahrsten Sinne des Wortes: Aus "heiterem Himmel".

Musik:Mendelssohn Bartholdy "Elias" - Mendelssohn Bartholdy "Elias" 

Taborerlebnisse in meinem Leben, tiefe Erfahrungen der Nähe Gottes. Gerne möchte ich sie festhalten. Sie sollen bleiben und nicht wieder weggehen. Selbst Petrus und seine Freunde verspüren diesen Wunsch auf dem Berg Tabor, im Norden Israels. Sie möchten drei Hütten bauen und den Moment nicht mehr vergehen lassen. Doch auch Petrus, Jakobus und Johannes müssen erkennen: Das funktioniert nicht. Sie müssen den Berg wieder verlassen. Sie müssen wieder in ihr Leben, in ihren Alltag hinabsteigen. Aber sie tun dies als veränderte und verwandelte Menschen. Denn die Jünger haben tief in ihrem Herzen Gott erfahren. Diese Gotteserfahrung tragen sie in sich und sie tragen sie in ihr alltägliches Leben hinein. Und nicht nur das: Jesus ist ab sofort noch einmal auf ganz intensive Weise bei ihnen. Er geht mit ihnen hinein in ihren Alltag. So bekommen die Jünger Kraft, die sie sehr nötig haben werden. Denn ihr Lebensweg wird steinig und letztlich auch zum Tod führen. Aber mit ihren Taborerlebnissen, also mit Gott zusammen können sie ihren Lebensweg meistern.

Darin steckt für mich eine wichtige Botschaft: Wenn ich im Hamsterrad meines Alltags mal wieder feststecke und keinen Ausweg sehe, dann sagt Gott: Ich gehe mit dir. Ich bin bei dir. Wenn Krankheit in mein Leben tritt und meine Kräfte am Ende sind, dann sagt Gott: Ich gehe mit dir. Ich bin bei dir. Wenn mir die wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie vielleicht den Boden unter den Füßen wegreißen, dann sagt Gott: Ich gehe mit dir. Ich bin bei dir. Du hast mich, deinen Gott in besonderen Momenten deines Lebens gespürt. Nimm diese Taborerlebnisse mit hinunter vom Berg hinein in dein Leben und vertraue, dass ich auch dort dir immer nahe bin.

Die Erfahrung der Nähe Gottes in allen Lebenssituation bringt für mich eine wunderbare Meditation von Paul Weismantel1 zum Ausdruck, die ich Ihnen heute schenken möchte:

In das Dunkel deiner Vergangenheit und
in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Helfens und
in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.

In das Spiel deiner Gefühle und
in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens und
in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.

In die Fülle deiner Aufgaben und
in die Leere deiner Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und
in die Grenzen deiner Begabung
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.

In das Gelingen deiner Gespräche und
in die Langeweile deines Betens,
in die Freude deines Erfolges und
in den Schmerz deines Versagens
lege ich meine Zusage:
Ich bin da.

In die Enge deines Alltags und
in die Weite deiner Träume,
in die Schwäche deines Verstandes und
in die Kräfte deines Herzens
lege ich meine Zusage:
Ich bin da. 

1Paul Weismantel In der Stille der Nacht. Gedanken und Gebete zu Advent und Weihnachten, Donauwörth, Verlag Ludwig Auer, 1991, S. 60 f.

Musik:Mendelssohn Bartholdy "Elias" – Sonata; Mendelssohn Bartholdy „Elias“ – Jesus meine Freude 

Musikauswahl: Regionalkantor Christopher Löbens, Hünfeld

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