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Segen oder Fluch
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Segen oder Fluch

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von

Claudia Rudolff,

Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
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Geflucht wird oft in unseren Tagen. Zum Beispiel beim Streiten. Manchmal bin ich so wütend, weil der andere mir keinen Schritt entgegenkommt. Da verliere ich schon mal die Beherrschung und fluche: Ach, fahr zur Hölle oder „Ich wünsch Dir die Pest an den Hals“.
Meist tut es mir danach leid. Ich bin zu weit gegangen. Ich will dem anderen ja keinen Schaden zufügen.
Geflucht wird nicht nur in unseren Tagen. In der Bibel gibt es eine Geschichte, da soll sogar ein ganzes Volk verflucht werden. Für uns moderne Menschen nur schwer verständlich: Einen Fluch über ein ganzes Volk aussprechen?
Nach damaliger Vorstellung sind damit nicht jene hässlichen Worte gemeint, zu denen ich mich in der Wut habe hinreißen lasse.
Nein, einen Fluch über andere Menschen auszusprechen, bedeutet, ihnen bleibenden Schaden zufügen- durch den Gebrauch von Worten. Ja, sie letztlich zu vernichten. Das gesprochene Wort hat Macht. Kann Heil oder Unheil bewirken.

Die Geschichte geht so: Bileam, ein Bote des Königs, wird von seinem König losgeschickt. Er soll mit einem Fluch ein Volk aus dem Land vertreiben.
Bileam sattelt seine Eselin, reitet los. „Da entbrannte Gottes Zorn“, heißt es in der Geschichte. Gott will nicht, dass dieses Volk verflucht wird.
Zunächst verläuft Bileams Reise ohne besondere Vorkommnisse. Aber dann geschieht etwas Unerwartetes: Ohne ersichtlichen Grund wird das Reittier plötzlich störrisch. Die Eselin verlässt den Weg - so als ob sie einem Hindernis ausweichen will. Bileam versteht nicht, was da vor sich geht. Ja, er wird wütend und schlägt das Tier, damit es ihm wieder gehorcht.
Er reitet auf einem schmalen Pfad, der links und rechts von Mauern umgeben ist. Da drängt sich die Eselin plötzlich an eine der Mauern. Sie klemmt Bileams Fuß ein. Jetzt reißt ihm der Geduldsfaden - er schlägt noch heftiger zu. –

Kurze Zeit später nimmt der Ritt dann ein jähes Ende. Es scheint, als sei die Eselin in eine Sackgasse geraten. Sie kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Schließlich stürzt sie unter Bileam zu Boden.
Bileam denkt nicht darüber nach, warum die Eselin sich so verhält. Und dann wird es märchenhaft: Die Eselin redet wie ein Mensch. Sie beklagt sich über Bileams unbeherrschtes Verhalten.
Aber er hört die Warnsignale nicht. Er ist blind vor Wut und schlägt rücksichtslos auf die Eselin ein.

Und jetzt kommt der entscheidende Moment dieser Szene: Der vor Wut- blinde Bileam begreift auf einmal, was da gerade passiert. Da heißt es:
31 Da öffnete Gott dem Bileam die Augen, dass er den Engel Gottes auf dem Wege stehen sah mit einem bloßen Schwert in seiner Hand, und er neigte sich und fiel nieder auf sein Angesicht.
32 Und der Engel des HERRN sprach zu ihm: »Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich habe mich aufgemacht, um dir zu widerstehen; denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.
Und die Eselin hat mich gesehen und ist mir dreimal ausgewichen. (1.Mose4, 21,31-339 )

„Dein Weg ist verkehrt in meinen Augen“- das ist die entscheidende Botschaft, die der »Engel Gottes zu Bileam sagt.
Manchmal wünsche ich mir das auch. Dass mich jemand in die Enge treibt, wenn ich auf einem falschen Weg bin. Oftmals spüre ich selbst genau was zu tun oder was zu lassen wäre. Ich nehme Warnsignale wahr. Ich achte aber nicht genau auf sie. Und gleichzeitig kämpfe ich so wütend und so aggressiv gegen diese »bessere Einsicht« an, wie Bileam es getan hat. Manchmal reichen eben Warnsignale nicht.

Manchmal braucht man eben jemanden, der einfach »Halt!« sagt. Einen Engel, der sich heilvoll in den Weg stellt. Eben Gottes Boten in Menschengestalt, die sehen, wo etwas schief läuft.
Die den Mut haben, zu sagen, was sie wahrnehmen, auch wenn es unangenehm ist.

Da treibt zum Beispiel einer Raubbau mit seiner Gesundheit. Er meint, er müsse rund um die Uhr arbeiten. Er gönnt sich keine Ruhe und Erholung. Die Gesundheit leidet. Warnsignale werden ignoriert, wie häufige Müdigkeit oder hoher Blutdruck. Wie schön wäre es da, wenn mal ein Freund mit ihm Klartext redet.
Oder eine Frau kann sich aus ihrer zerbrochenen Beziehung nicht lösen. Schon lange hat ihr Mann klar gesagt, dass er die Partnerschaft nicht mehr will. Aber sie akzeptiert es nicht. Sie hat Angst vor der Leere.
Die Frau sucht immer wieder Kontakt. Sie erinnert an alte Zeiten. Sagt ihm, wie sehr sie ihn liebt. Jedes Mal muss er deutlicher werden und sagen: „Du, ja, das ist alles richtig. Aber ich liebe dich nicht mehr und will auch unsere Beziehung nicht mehr“.
Je deutlicher er wird, um so mehr ist sie verletzt.
Schon nach dem 3. Gespräch hätte sie spüren müssen, dass jede Begegnung mit weiteren Verletzungen endet. Sie nimmt die Warnsignale nicht wahr. Da wäre eine Freundin gut, die in den Weg tritt und sagt: „Stopp, nimm deine Energie um Abschied zu nehmen. Du musst jeden Kontakt zu ihm abbrechen. Nur so kommst Du weiter. Nur so bist offen für Neues“.

„Dein Weg ist verkehrt in meinen Augen“. Bileam hat es nach einiger Zeit begriffen und die Botschaft des Engels angenommen.

Würde ich auf den Boten Gottes hören? Ich frage mich, was hat es Bileam ermöglicht auf den Engel Gottes zu hören?
In der Geschichte heißt: „Gott hat ihm die Augen aufgetan“, nachdem er alles Warnsignale in den Wind geschlagen hat.

Es hört sich wie ein Wunder an.
In dieser Geschichte fallen mir zwei Dinge auf, die dieses Wunder erst möglich machen.
Als der Engel Gottes sich Bileam in den Weg stellt, sind die Beiden allein.
Niemand außer der Eselin ist Zeuge ihrer Begegnung,heißt es. „Dein Weg ist verkehrt in meinen Augen“. Diese klare Botschaft wird nicht vor anderen gesagt - sondern von Angesicht zu Angesicht.

Der Engel stellt Bileam nicht bloß, macht ihn vor anderen nicht klein.
Das wäre auch für mich wichtig: Die klare Botschaft in einem geschützten Raum hören.
Und auch ich möchte das beherzigen. Zum Beispiel, wenn ich jemanden anspreche, weil ich sehe: Er macht einen Riesenfehler und schadet sich. Er beachtet alle Warnsignale nicht und kommt allein nicht weiter.

Und noch etwas ist mir wichtig: Der Engel sagt nur: Dein Weg ist verkehrt in meinen Augen. Mehr nicht. Er vertraut darauf, dass Bileam selbst erkennt, was nötig ist. Er gibt keine Ratschläge. Auch keine gutgemeinten. Die Situation ist offen. Hier gibt es kein Gespräch. Bileam hat keine Fragen, aber Raum wäre dazu da. Er könnte von selbst um weitere Hilfe bitten, aber die ist hier nicht nötig. Der Engel tritt klar auf, aber nicht als notorischer Besserwisser.

Solch ein Bote würde mir auch helfen. Es tut gut, wenn der andere mich nicht mit Worten erschlägt.
Auch das will ich bedenken, wenn ich meine, mich anderen in den Weg stellen zu müssen.
Die Geschichte von Bileam ermutigt mich, offen zu bleiben für Engel in Menschengestalt. Für Boten, die mir nicht nur nach Mund reden und zu allem Ja und Amen sagen. Die sich mir auch mal in den Weg stellen. Das ist nämlich ein großartiger Freundschaftserweis.
Und die ein Gespür dafür haben, Kritik so formulieren, dass ich sie annehmen kann. Kritik so sagen, dass sie mir zum Segen wird.

Die Geschichte mit Bileam geht gut aus: Er lässt von seinem Vorhaben ab und verflucht das Volk nicht. Er segnet es sogar. Und rettet damit auch sein Leben. Es hört sich wie ein Wunder an. Und ich finde: das ist es doch auch bei uns, wenn wir plötzlich klar erkennen, dass ein Weg falsch ist. Wenn wir die Kraft haben, umzukehren.

So wünsche ich uns allen offen zu sein, für Engel, die uns warnen. Mögen uns ihre Worte zum Segen werden. Und darin erkennen wir vielleicht auch Gott, der es gut mit uns meint.

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