Radikal weil ohne Wurzeln?
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Radikal weil ohne Wurzeln?

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Heute Morgen denke ich einmal an alle Lehrerinnen und Lehrer, die an unseren Schulen Religion unterrichten. Christliche, muslimische und jüdische. Sie alle sind mit ihren Schülerinnen und Schülern auf dem Weg, ihre religiösen Wurzeln kennenzulernen und sie zu stärken.

Manchmal lernen sie gemeinsam über Religion, informieren sich also über religiöse Traditionen, auch die der anderen. In Religionsunterricht lernt man auch von Religion: Wenn es gut geht, lernt man eine Haltung, die über das hinausgeht, was vor Augen ist. Und man kann dem begegnen, was die ReligionslehrerInnen und -lehrer persönlich hält und stützt. Das hilft Jugendlichen in einer immer bunter werdenden Welt auch in religiösen Dingen zurecht zu kommen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Eine Menge christlicher Schülerinnen und Schüler bringen wenig religiöse Wurzeln mit in die Schule. Auch sie brauchen sie. Im Moment aber noch mehr viele junge Muslime.

Das hat mir Herr Tajjiou erzählt. Er arbeitet ehrenamtlich als Imam und gleichzeitig in einem Netzwerk des hessischen Innenministeriums. Diese meist muslimischen Männer und Frauen informieren, bilden und begleiten junge Muslime, die in der Gefahr stehen, radikalisiert zu werden. Auch aus Hessen ziehen junge Menschen nach Syrien in den Krieg.

Ihnen fehlen Wurzeln, erklärt mir Herr Tajjiou; Sie haben keine gemeinsame Sprache mit ihren Eltern. Die sprechen vielleicht arabisch oder türkisch, sie selbst darmstädterisch. Ihnen fehlt eine Heimat. Sicher, sie haben einen deutschen Pass, aber ihre Freunde sagen oft, sie sind Ausländer. Was ihnen auch fehlt, ist religiöse Bildung. Immer noch sprechen viele Imame in den Moscheegemeinden kein Deutsch. Sie verstehen die Welt der Jugendlichen kaum und können so nur schwer hilfreiche Ansprechpartner für sie sein. Viele Jugendliche sind orientierungslos und auf der Suche.

YouTube ist meist ihre erste Informationsquelle. Auf der Internetplattform begegnen sie dann den Salafisten, die dort sehr aktiv sind. Diese radikal-islamistische Gruppierung ist extrem konservativ und propagiert: „Nur wir Salafisten sind die wahren Muslime. Ihr müsst den Koran befolgen, so wie wir euch das sagen.

Die Jugendlichen können sich kein eigenes Urteil bilden. Da ist kein Wissen, das sie schützt, keine Tradition, die sie hält. Sie könnten radikalisiert werden. Darum ist es besonders wichtig, was Religionslehrerinnen und -lehrer leisten. Eigene Wurzeln schützen vor der Radikalisierung. Sie geben Halt.

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