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Mit dir rede ich nicht, oder doch?
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Mit dir rede ich nicht, oder doch?

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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„Mit dir rede ich nicht!“, sagt er und dreht sich von ihr weg. Er geht zu seinen Freunden. Was jetzt? Sie ist zu ihm gekommen, weil sie Hilfe braucht. Ihre Tochter ist krank. Schwerkrank. Sie hat schon vieles versucht. War bei Ärzten, Heilern. Nichts hat geholfen. Dieser Mann, von dem alle reden, ist ihre letzte Hoffnung. Aber er will nicht einmal mit ihr sprechen.
Sie ist verzweifelt. Fleht ihn an. Schreit. Bettelt. Lässt nicht locker. Sie geht ihm richtig auf die Nerven.
Doch er will nichts mit ihr zu tun haben. Er sagt: Du bist eine Fremde für mich. Du gehörst nicht zu meinen Leuten. Du glaubst anders, du lebst anders, du denkst anders. Ich habe nichts mit dir gemeinsam. Du bist es mir nicht wert. Wortwörtlich sagt er: „Es ist nicht richtig, den Kindern meines Volkes das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“

Diese Geschichte steht in der Bibel (Matthäus 15,21-28; Markus 7,24-30). Und der Mann, von dem hier die Rede ist, ist Jesus. So kennt man ihn nicht. So kenne ich ihn nicht.
Jesus will dieser Frau nicht helfen, er will nicht mal mit ihr sprechen. Er sagt: Die Unterschiede zwischen uns sind zu groß. Da ist eine Kluft, die uns trennt. Gott hat mich zu den Kranken meines Volkes geschickt. Für die bin ich da. Nicht für dich und auch nicht für deine Tochter. Für mich bist du nicht wichtiger als ein Hund.

Ich finde, das ist eine seltsame Geschichte. Irgendwie verstörend. Sie ist aber auch erstaunlich aktuell. Normalerweise redet Jesus ja mit allen. Geht keinem Gespräch aus dem Weg. Hat immer ein offenes Ohr, selbst für die, denen kein anderer zuhören will. Aber hier ist es anders. Er ist übellaunig und voller Vorurteile. Er benimmt sich so gar nicht wie Gottes Sohn. Eher wie manchmal der Nachbar von nebenan. Oder wie ich selber, hin und wieder. Denn offen gesagt: Es gibt durchaus Menschen, mit denen auch ich nicht über alles reden möchte.

Es gibt Menschen, mit denen mag ich nicht reden. Ihre Art, die Welt zu sehen, ist so anders als meine. Es fällt mir schwer, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Also schweige ich lieber oder umschiffe die heiklen Themen. Obwohl ich weiß, das bringt mich nicht weiter und mir diese Menschen nicht näher. Eigentlich hilft nur Reden. Das ist gut und erweitert den Horizont. Aber bei eingefleischten Bayernfans, heranwachsenden Teenagern oder Freunden der Schlagermusik hören mein Einfühlungsvermögen und mein Verständnis schnell auf. Oder etwa nicht?

Wie weit Einfühlungsvermögen und Verständnis gehen kann, das hat vor einigen Wochen die Aktion „Deutschland spricht“ ausprobiert. Tausende Menschen wurden für einen Sonntagnachmittag zum Reden gebracht. Immer zu zweit. Die Gesprächspaare verabredeten sich zu Hause auf dem Balkon oder in der Eckkneipe. Zum Spazierengehen im Wald oder zum Boulespiel im Park. Dabei haben die Macher der Aktion darauf geachtet, dass sich Leute treffen, die möglichst unterschiedliche und umstrittene Ansichten haben. Zum Beispiel zu Themen wie: „Sollen deutsche Innenstädte autofrei werden?“, „Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren?" oder „Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren?“
Fast alle Gesprächspartner machten erstaunlich gute Erfahrungen. Sie stellten fest: „Uns war schnell klar, dass wir mehr, viel mehr gemein hatten, als uns trennte.“

Diese Aktion macht Mut. Gerade in einer Zeit, in der viele behaupten, dass die Menschen in unserem Land nicht mehr genug miteinander reden. Sondern sich immer weiter auseinander entwickeln. So weit, dass – laut einer Umfrage – drei von vier Deutschen den gesellschaftlichen Zusammenhalt für gefährdet halten. Die Bundekanzlerin sagte sogar einmal, es ginge ein Riss durch das Land.

Wenn das stimmt, dass dieser Riss durch unser Land geht, dann geht er auch durch unsere Familien und Freundeskreise. Dann tut sich die Kluft bei Tante Liselottes Geburtstagsfeier genauso auf wie bei der Arbeit oder im Sportverein.

Bei mir ist es so. Im Großen wie im Kleinen. Ich würde nicht gleich von einem Riss reden. Aber es gibt in meiner Familie und in meinem näheren, aber auch weiteren Freundeskreis Menschen, mit denen ich über bestimmte Themen nicht diskutieren möchte.
Das hat unterschiedliche Gründe.
Zum einen, weil ich finde, dass es sich nicht lohnt. Fußball zum Beispiel. Bayern oder BVB – Eintracht oder 1. FC Köln, das ist mir, auch wenn ich Spaß daran habe, eigentlich egal.
Auch die tägliche Auseinandersetzung zum Thema Aufräumen, Helfen im Haushalt und Bettgehzeiten mit meinen heranwachsenden Kindern würde ich mir lieber sparen. Die Regeln sind doch klar.
Und über Musikgeschmack lässt sich sowieso nicht streiten.

Und dann gibt es ja noch die großen Themen. Wenn es um die Zukunft meiner Kinder geht. Um Naturschutz und Klimawandel. Wenn es darum geht, in was für einem Land ich leben möchte. Und wie dieses Land mit Menschen umgeht, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Weil sie arm sind oder krank oder verfolgt werden. Da habe ich einen ganz klaren Standpunkt. Der ist eigentlich nicht verhandelbar.
Aber ich weiß auch, es gibt Menschen in meinem Leben, die sehen das völlig anders als ich.

Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ich kann mich wie Jesus einfach wegdrehen und sagen: „Mit dir rede ich über dieses Thema nicht. Die Unterschiede zwischen uns sind einfach zu groß. Da ist nichts, was uns verbindet.“
Mache ich manchmal auch. Ist einfach bequemer. Und man hat weniger Ärger. Reden ist schließlich nur Silber, Schweigen aber ist Gold.
Trotzdem: Richtig finde ich das nicht. Richtig wäre es, meinen Standpunkt klar zu machen, und dennoch offen zu bleiben für die Argumente des Gegenübers. Zuhören und versuchen zu verstehen.
Aber ich finde das gar nicht so leicht. Wie macht man das?

Wie macht man das? Wie kommt man mit Menschen, mit denen man nicht oder nur schwer reden kann, ins Gespräch?
Experten sagen: Ein erster Schritt ist es, miteinander und nicht übereinander zu reden. So wie die Teilnehmer von der Aktion „Deutschland spricht“. Sie trafen sich freiwillig. Sie wollten miteinander sprechen. Auch über umstrittene Themen. Das braucht Mut. Aber jeder wusste, was ihn oder sie erwartet, und brachte von vornherein Gesprächsbereitschaft mit.

Einen anderen Weg wählt die Frau in der Geschichte mit Jesus. Sie wendet zwei Regeln an, die auch Experten für Gesprächsführung empfehlen. Nämlich: „Gehen Sie mal davon aus, der andere könnte recht haben.“ Und: „Trennen Sie Menschen und Meinungen.“
Die Frau hatte Jesus um Hilfe gebeten, aber Jesus hatte abgelehnt. Er sagte: „Es ist nicht richtig, den Kindern meines Volkes das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ In anderen Worten: Es ist nicht richtig, wenn ich dir helfe. Du bist nicht wie ich. Es ist so wie bei einer Familie mit Hund. Die Familie sitzt am Tisch und isst. Der Hund sitzt am Boden und bekommt nichts.
Harte Worte, hier könnte das Gespräch der beiden zu Ende sein. Ist es aber nicht. Die Geschichte geht weiter. Die Frau bleibt dran. Sie lässt sich nicht provozieren. Sie hört Jesus zu. Lässt sich auf die Geschichte von der Familie und dem Hund ein. Folgt den Argumenten und denkt weiter. Ja, antwortet sie ihm, du hast recht. Das stimmt. So ist das mit Familien und Hunden. Aber: Manchmal fällt etwas vom Essen auf den Boden. Dann hat der Hund auch etwas. Also hilf mir. Ich weiß, dass du das kannst. Ich glaube daran.

Das ist der Moment, in dem sich etwas im Gespräch der beiden ändert. Plötzlich ist Jesus wieder der, den ich kenne. Er wendet sich der Frau zu, staunt, freut sich sogar. Darüber, dass die Frau so klug ist. Sie gibt nicht auf und glaubt fest daran, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie trennt.
Ich lerne daraus: Entscheidend ist bei einem Gespräch nicht, was uns trennt, entscheidend ist, was uns verbindet. Keine Kluft, kein Riss ist so groß, dass man nicht wenigsten versuchen kann, darüber zu reden. Oder um es mit einem Satz aus der Bibel zu sagen: Kein Ding ist unmöglich dem, der glaubt. Dran bleiben. Daran glauben, dass Verstehen möglich ist. Das klappt vielleicht nicht immer, aber beim nächsten Familientreffen kann man das auf jeden Fall mal ausprobieren.

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