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Die kleine Geschichte einer gelben Tulpe
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Die kleine Geschichte einer gelben Tulpe

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sie ist klein; kaum größer als der Einkaufswagen, den sie durch den Supermarkt schiebt. Vor den Regalen überlegt sie nicht lange, kennt sich gut aus. Etwa Siebzig mag sie sein. Und ist bald an der Kasse wie ich. Sie legt ihre Waren aufs Band; ich stehe weit hinter ihr und sehe, wie sorgsam sie alles macht. Langsam, aber klar. Ihr Geld hat sie fast passend.

Eine gelbe Tulpe als Antwort

Als alles abgewickelt ist, greift der Kassierer noch hinter sich und schenkt der Dame eine Tulpe. In leuchtendem Gelb. Die ist für Sie, sagt der Kassierer und leuchtet fast wie die Tulpe. Oh, vielen Dank, sagt die kleine Dame, die habe ich doch gar nicht verdient. Doch, sagt der junge Mann an der Kasse. Als sie vorhin in den Markt gekommen sind, haben Sie ‚Guten Tag‘ gesagt, aber niemand hat Ihnen geantwortet. Das ist jetzt meine Antwort. Die Dame schaut verblüfft. Sie dankt nochmal und geht davon.

Achtsam sein ist wichtig

Ich zahle meine Sachen und gehe heim. Die Zwei gehen mir nicht aus dem Kopf. Beide so achtsam. Die Dame, die ‚Guten Tag‘ sagt; der Mann an der Kasse - und zwischen ihnen die gelbe Tulpe, Zeichen ihrer Nähe in den Tagen des Abstands. Sie haben einander erfühlt, die beiden; sie haben nicht nur ein Geschäft abgewickelt. Das tut gut zu sehen. Dass wir in Augen schauen, auf Hände; dabei vielleicht Sorgen erkennen. Dass wir Fremde grüßen und ihre Grüße beantworten - alles Kleinigkeiten der Menschlichkeit. Sie bringen uns Nähe. Und wo Menschen einander nahe kommen, ist Gott nicht fern.         

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