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Jenseits der Kirche

Jenseits der Kirche

Patricia Nell
Ein Beitrag von Patricia Nell, Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Dorothea ist aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Jetzt geht sie dafür sonntags in den Wald. Mit ihrem Mann. Sie sagt, er sei der größte Schatz ihres Lebens. Markus hatte mit Kirche nie etwas am Hut. Aber er ist immer mit in den Gottesdienst gegangen. Dorothea zuliebe. Ihr Glaube bedeutet ihr viel. Drei Jahre lang war sie in Brasilien. Damals, nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Hat Straßenkinder betreut und Frauen. In den Elendsvierteln. Dabei ist sie mit der kirchlichen Obrigkeit in Konflikt geraten. Weil sie den völlig ausgemergelten, erschöpften Müttern Verhütungsmittel besorgte. Das hat den Frauen ein bisschen Ruhe verschafft. Und linderte Not. Schon damals war ihr klar: Ihre Kirche wird in vielem den Menschen nicht gerecht. Und somit dem lieben Gott auch nicht. Nach ihrer Rückkehr hat sie dann Psychologie studiert. Weil sie ihr einfach am Herzen liegen, jene, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Als Therapeutin arbeitet sie bis heute mit traumatisierten Frauen. Dorothea geht auf in ihrer Arbeit. Irgendwann hat sie Markus kennen gelernt. Zufällig. Im Supermarkt. Am Kühlregal. Als ihr nach einem langen Arbeitstag ein Joghurtglas aus der Hand fällt, ihm vor die Füße, lächelt er und wischt die Scherben samt Inhalt weg.

Dorothea erzählt die Szene gern und sagt, sie sei symbolhaft für ihre Beziehung. Sie heiraten. Und wünschen sich Kinder. Aber sie bekommen keine. Dorothea nimmt eine Auszeit. Vertraut sich einem geistlichen Begleiter an. Der meint, sie habe nicht genug Gottvertrauen. Sie solle mehr beten. Auch für ihren ungläubigen Partner. Dorothea zweifelt. Aber nicht an ihrem Gottvertrauen. Sondern an diesem Kirchenmann. Der wohl irgendwie überfordert ist mit dem, was sie ihm erzählt. Es gibt aber schlimmere Schicksale, denkt Dorothea. Und glaubt an die Liebe. Und an den kleinen Bibelvers: „Wer in der Liebe ist, der ist in Gott“ (1 Johannes 4,16b). Dieser eine Satz war ihr immer schon genug. Damals in Brasilien und all‘ die Jahre hindurch. Bis heute. Aus ihm schöpft sie immer wieder Kraft. Und sie erfährt diese Liebe auf nie gekannte Weise durch Markus, ihren Mann.

In den Gottesdienst  gehen sie kaum noch. Der neue Priester ist nun zwei Jahre in ihrer Pfarrei. Irgendwie ein netter Kerl. Aber er tut sich schwer und erreicht die Menschen nicht wirklich. Seine Predigt über den Katechismus und über den angeblichen Glaubensschwund der Gesellschaft baut wenig auf. Und strengt an. Dorothea ist klar: Diese Kirche braucht sie nicht mehr. Sie geht sonntags lieber mit Markus in den Wald. Immer öfter. Weil das der Seele gut tut. Sie gehen und schweigen gemeinsam. Immer bis die kleine Lichtung kommt. Dort setzen sie sich auf die Bank, lehnen sich aneinander und halten ihr Gesicht ins Helle. Sie spüren die Wärme auf ihrer Haut. Das tut gut. Und entspannt. Markus würde ihr zuliebe weiter sonntags mit in die Kirche gehen. Aber das mag sie einfach nicht mehr. Ihr Glaube bedeutet der jungen Frau viel. Die Menschen, denen sie täglich hilft, liegen ihr am Herzen. Für sie braucht sie ihre Kraft. Und die findet Dorothea auf der kleinen Lichtung und - in dem Vers, den sie im Herzen trägt: Wer in der Liebe ist, der ist in Gott.  

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