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Innere Freiheit
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Innere Freiheit

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Durch Zufall habe ich den Korbiniansapfel entdeckt. Ich habe  den Apfel auf einer Postkarte gesehen. „Benannt wurde er nach Korbinian Aigner. Diesen Mann bewundere ich nicht nur wegen seiner Apfelzucht, sondern wegen seines Umgangs mit schwierigen, ja scheinbar ausweglosen Situationen.
Korbinian Aigner ist aus Überzeugung Pfarrer geworden. Aus Leidenschaft züchtete er nebenbei Äpfel und malte sie. Ich kann mir vorstellen, dass die Konzentration auf diese Aufgabe ihm immer wieder Kraft und Hoffnung gegeben hat. Die jedenfalls hatte er bitter nötig, denn Korbinian Aigner saß während der Nazi-Zeit jahrelang im Konzentrationslager.
Wenn man von einem Apfel die Kerne in den Boden legt, braucht es viel Zeit, um das Ergebnis der Zucht zu schmecken. Ja, Korbinian Aigner muss viel Geduld gehabt haben.
Korbinian Aigner war nicht unbedingt ein bequemer Pfarrer. Das wurde besonders in der Zeit des Nationalsozialismus deutlich. 1936 weigerte er sich zum „Friedensappell des Führers“ die Glocken zu läuten. Er wollte „kein stummer Hund“ sein. Deshalb hielt er sich mit seiner Einschätzung der SA nicht zurück. 
Im November 1939 kommentierte er im Religionsunterricht Georg Elsers gescheitertes Attentat auf Adolf Hitler so: „Ich weiß nicht, ob es Sünde ist, was der Attentäter im Sinne hatte. Dann wäre halt vielleicht eine Million Menschen gerettet worden.“ Wenige Tage später wurde er abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Die Nazis brachten ihn erst ins KZ Sachsenhausen und 1941 nach Dachau.
Er ließ sich Äpfel ins Lager schmuggeln und zog aus den Kernen heimlich Pflanzen. Letztlich hat er im KZ vier neue Sorten gezüchtet, die er KZ1-4 nannte.
Die Sorte KZ 3 züchtete Korbinian Aigner im Jahr 1944 im Konzentrationslager Dachau zwischen den Baracken. Diese Sorte wurde zu Aigners 100. Geburtstag zu seinen Ehren in Korbiniansapfel umbenannt.
Mich beeindruckt, wie er seiner Leidenschaft, der Apfelzucht nachgegangen ist, während sein Leben im KZ so aussichtslos schien. Das muss man sich einmal vorstellen: Da sitzt ein Mensch unter unwürdigsten Umständen im KZ. Um ihn herum leiden und sterben die Menschen in Massen. Der Weltkrieg tobt. Niemand weiß, wie lange er noch lebt. Und inmitten dieses Wahns züchtet ein Mensch neue Apfelsorten – zwischen den Baracken eines KZs! Offenbar war Korbinian Aigner  innerlich frei und konnte sich auf seine Stärken konzentrieren, zu denen sicherlich neben Geduld auch ein tiefes Gottvertrauen gehörte. Ein gutes Zeichen, dass er überlebt hat.

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