Ihr Suchbegriff
Gloria Gaynor: I will survive
Bild: Pixabay

Gloria Gaynor: I will survive

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Generalvikariat Mainz

hr1 Sonntagsgedanken-Sommerreihe "Mit Popsongs auf Sinnsuche: Lebenslust"

Gloria Gaynor, I will survive 

At first I was afraid, I was petrified
Kept thinking I could never live without you by my side
But then I spent so many nights thinking how you did me wrong
And I grew strong
And I learned how to get along.

Dieser Song durfte nicht fehlen. Mindestens einmal musste er laufen auf den Partys meiner Schulzeit.  Besonders bei den Feten in der Sommerzeit, wenn wir uns in lauen Nächten in einer Schutzhütte in einem der Dörfer der Umgebung getroffen haben. I will survive! Die Erinnerung daran macht ein wenig wehmütig, weil wir in diesem Sommer eben ganz besondere Bedingungen haben. Partys und Feten wie damals sind momentan noch nicht möglich – aber ich erinnere mich gerne daran zurück. Ein Geburtstag, das Jahrgangstreffen oder ein Polterabend, Anlässe gab es genug. Bier, Wein, Cocktails und vor allem eine gute Anlage waren ein Muss, damit wir uns tanzend und singend diesem Lied hingeben konnten.

Gloria Gaynor, I will survive 

Go on now, go, walk out the door
Just turn around now
'Cause you're not welcome anymore
Weren't you the one who tried to hurt me with goodbye
Do you think I'd crumble
Did you think I'd lay down and die?
Oh no, not I, I will survive

I will survive. Spätestens bei dieser Textzeile konnte dann jeder voller Inbrunst mitsingen, oder ehrlicher gesagt: mitgrölen. Ich werde überleben. Was auch immer jeder und jede Einzelne von uns sich dabei gedacht hat oder in diese Worte hineingelegt hat: Ich werde es überleben – den Liebeskummer, den Schulstress, den Ärger mit den Eltern – die kleinen oder größeren Dramen des Alltags eben.

Der größte Popsong aller Zeiten

I will survive von Gloria Gaynor zählt zu den größten Popsongs aller Zeiten, dabei sollte er zuerst bloß die B-Seite einer Single füllen. Aber er kam an, hat die Menschen in seinen Bann gezogen, druckvoll, mitreißend. I will survive ist 1978 entstanden und wurde seitdem unzählige Male gecovert. Auch für die Künstlerin selbst ist er bis heute ein Song, der ihr enorm wichtig ist, weil da etwas von ihr selbst drinsteckt und zu einem Glaubenszeugnis geworden ist, wie sie selbst sagt.

„Ich sage den Menschen seit 40 Jahren, dass ich überleben werde!“, so hat sie es bei der Veröffentlichung eines Gospelalbums vor zwei Jahren gesagt.

Was uns damals beim Tanzen und Mitsingen nie wirklich bewusst war: Der Song erzählt eine richtig dramatische Geschichte.

Gloria Gaynor, I will survive 

 

Anfangs war ich ängstlich, ich war wie versteinert

Dachte, ich könnte nie ohne dich an meiner Seite leben

Aber dann habe ich so viele Nächte damit verbracht,

mir klar zu machen, wie falsch du mich behandelt hast.

Und ich bin stark geworden

Und ich habe gelernt, damit klar zu kommen.

Und jetzt bist du zurück

Von irgendwo da draußen

Ich kam rein und fand dich hier vor mit diesem traurigen Blick in deinem Gesicht.

Ich hätte das verdammte Türschloss wechseln sollen, ich hätte dafür sorgen sollen, dass du den Schlüssel hierlässt.

Wenn ich nur eine Sekunde daran gedacht hätte, dass du zurück sein wirst, um mich nicht in Frieden zu lassen.

Gloria Gaynor erzählt die Geschichte einer Frau, die es geschafft hat, sich aus einer unguten Beziehung zu befreien. Ein bisschen erzählt sie damit auch die Geschichte ihres Lebens – Missbrauch und die Erfahrung von Abhängigkeit in der Ehe gehören dazu. Viele Menschen, vor allem Frauen, erleben das bis heute, und gerade in Corona-Zeiten ist das ein Problem.

Eine ausweglose Situation

Das „Ich“ im Song hat ganz langsam Mut gefasst und Selbstvertrauen entwickelt. Da ist zuerst die Angst vor dem Alleinsein, das Gefühl, alleine nicht bestehen zu können. Besser ein Mann, der dich wie Dreck behandelt, als gar keinen an deiner Seite. So oder so ähnlich bekommen manche Frauen auch heute noch vermittelt, dass sie wertlos sind. Mitarbeiterinnen in Frauenhäusern kennen solche Geschichten von Frauen, die kleingehalten werden, die immer wieder zurückkehren zu den Männern, die sie schlecht behandeln, Frauen, die sich nicht trauen, den endgültigen Schnitt zu machen, das Schloss auszutauschen, denjenigen der Tür zu verweisen, der die Grenzen nicht achtet. Und wir wissen: Die Corona-Krise hat die Situation für Menschen in solchen ausweglosen Situationen noch zugespitzt. Vertraute Hilfsangebote und Rettungsanker, Kontakte zur Außenwelt waren auf einmal nicht mehr so ohne weiteres vorhanden.

Gloria Gaynor singt von einer, die es trotz aller Schwierigkeiten geschafft hat. 

Gloria Gaynor, I will survive

Oh no, not I, I will survive
Oh, as long as I know how to love, I know I'll stay alive
I've got all my life to live
And I've got all my love to give and I'll survive
I will survive, hey, hey

Oh nein, nicht ich! Ich werde überleben.

Oh, so lange ich noch weiß, wie man liebt, weiß ich, dass ich überleben werde.

Ich habe noch mein ganzes Leben zu leben.

Und ich habe meine ganze Liebe zu geben und ich werde überleben.

Ich werde überleben.

Ich werde überleben! Das kommt so glaubhaft rüber, mit so viel Wucht und Power, man kann sich dem gar nicht entziehen. Mir hilft der Song, er gibt mir Kraft, wenn’s mir mal nicht so gut geht. Wenn ich mich unsicher oder klein fühle, solche Momente gibt es ja auch ohne große Dramen. Und dieser Song hilft mir auch durchzuhalten, wenn ich mich - wie alle anderen auch - damit abfinden muss, dass unser Leben gerade durch ein Virus fremdbestimmt wird.

"Ich kann alles schaffen"

Der Song vermittelt ein Lebensgefühl, das sagt: Ich kann alles schaffen! Mich wird nichts unterkriegen. Er steht für alle Menschen, Männer wie Frauen, unabhängig von ihrem Lebensalter, die rauswollen aus einer Situation, in der sie klein gemacht werden, benachteiligt und ausgegrenzt werden. Rausgehen und sich befreien, das ist zuerst einmal eine innere Bewegung, etwas, das in mir passieren muss.

Gloria Gaynor, I will survive 

Only the Lord could give me strength I had not to fall apart
Kept trying hard to mend the pieces of my broken heart
And I spent oh-so many nights just feeling sorry for myself
I used to cry
But now I hold my head up high and you see me
Somebody new
I'm not that chained-up little person and still in love with you
And so you felt like dropping in and just expect me to be free
Well, now I'm saving all my lovin' for someone who's loving me
Go on now, go, walk out the door
Just turn around now
'Cause you're not welcome anymore
Weren't you the one who tried to crush me with goodbye

Do you think I'd crumble
Did you think I'd lay down and die?
Oh no, not I, I will survive

Nur Gott kann mir die Stärke geben, dass ich nicht auseinanderfalle.

Ich habe es mühsam versucht, die Teile meines gebrochenen Herzens wieder zu reparieren.

Und ich habe so viele Nächte damit verbracht, mich selbst zu bemitleiden.

Ich habe geweint.

Aber jetzt halte ich meinen Kopf hoch und du siehst mich als jemand Neuen.

Ich bin nicht mehr die angekettete kleine Person, die dich immer noch liebt.

Und du dachtest dir, du könntest hier so reinspazieren und erwarten, dass ich noch frei bin?

Nun, jetzt bewahre ich meine Liebe auf für jemanden, der mich auch liebt.

Geh jetzt, geh, verschwinde aus der Tür.

Dreh dich einfach um, denn du bist hier nicht mehr willkommen.

Warst du nicht der, der versucht hat, mich mit dem Abschied zu verletzen?

Dachtest du, ich zerfalle?

Dachtest du, ich lege mich nieder und sterbe?

Oh nein, nicht ich! Ich werde überleben!

Nur Gott kann mir die Stärke geben, dass ich nicht auseinanderfalle, dass ich nicht kaputtgehe. Davon ist die Sängerin zutiefst überzeugt. Aber diese erste Textzeile der zweiten Strophe hat Gloria Gaynor tatsächlich verändert. Ursprünglich stand da mal – und so hat sie es damals zu meiner Schulzeit auch gesungen: „Es hat mich alle Kraft gekostet, die ich hatte, nicht auseinanderzubrechen.“ Da hat sich etwas verändert bei der Künstlerin. Kurze Zeit nach ihrem Welterfolg mit „I will survive“ hat sie einen Unfall, der sie zur Ruhe zwingt, und sie findet zum christlichen Glauben. Die Bibel wird zu ihrer täglichen Quelle, und das bringt sie dazu, über ihre Songtexte nochmal nachzudenken.

Gott gab ihr die Kraft

Ihr ist wichtig, in ihren Songs zu vermitteln: Wir vermögen nichts alleine aus eigener Kraft. Ich weiß mich in meinem Leben von Gott getragen. Gloria Gaynor ist überzeugt: Sie hat nur überlebt und alle Tiefschläge in ihrem Leben bis heute überstanden, weil Gott ihr die Kraft dazu gibt.

Ich kann das gut nachvollziehen. Auch ich glaube daran: Ich werde mit dem, was ich bin, was mich ausmacht, durch alle Tiefschläge des Lebens hindurch von Gott gehalten und bewahrt. Du bist gehalten! Du bist geliebt! Ich wünsche diese Erfahrungen allen Menschen und gerade auch denen, die in ihrem Leben kleingehalten, unterdrückt und missbraucht wurden.

Ich hoffe und bete, dass Gott Menschen in schrecklichen Situationen die Kraft gibt, sich zu befreien. Er ist ja ein Gott, der den Menschen beisteht, die unterdrückt werden, der ihre Befreiung will. Mich berührt in diesem Zusammenhang immer wieder die Exodusgeschichte aus dem Alten Testament: Sie erzählt in starken Bildern von Gott, der sein Volk aus der Sklaverei, durch das Meer und durch die Wüste zu neuem Leben führt.

Als Theologiestudentin bin ich mal einer jungen Frau begegnet, die gerade ihre Schwester durch Brustkrebs verloren hatte. Ihre Schwester, hat sie mir erzählt, hat diesen Song geliebt. Sie hat ihn gerade in ihrer letzten Lebensphase immer wieder gehört und ihn sich sogar für ihre Beerdigung gewünscht: I will survive! Ich werde überleben. Das war ihre feste Überzeugung, ein mutiges und trotziges Bekenntnis auch im Angesicht ihres Todes.

Der jungen Frau, die um ihre Schwester furchtbar getrauert hat, hat das geholfen, ihr war es ein Trost, glauben zu dürfen: Sie hat überlebt. Sie hat es so formuliert: Ich weiß, dass sie das überlebt hat. Sie lebt jetzt bei Gott, der ganze Kampf ist überwunden. Ich war beeindruckt von der Zuversicht und der Hoffnung dieser jungen Frau – von ihrem starken Glauben.

„Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“ Ein schönes und altes Wort aus der Bibel ist das, hinter dem genau diese Zuversicht und Hoffnung stecken. Es ist eingebettet in ein Gebet, in einen Psalm. Gott ist es, der das Schicksal der Menschen wendet, Gott ist es, der handelt und diejenigen, die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.

Trotz Einschränkungen ein freier Mensch!

Ich wünsche mir diese Zuversicht und Hoffnung und auch die Kraft und den Mut, das zu glauben. Ich hoffe, es gelingt mir immer wieder, auch in den Einschränkungen, die mir in meinem Leben manchmal vorgegeben sind, als freier Mensch zu leben. Mich frei zu machen, von dem, was mich ängstigt, was mich klein macht, was mich kaputt macht. Und ich hoffe, dass ich in all dem nie die Fähigkeit verliere zu lieben.

Gloria Gaynor, I will survive 

Oh no, not I, I will survive
Oh, as long as I know how to love, I know I'll stay alive
I've got all my life to live
And I've got all my love to give and I'll survive
I will survive

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren