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Frisch und munter sein für Weihnachten
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Frisch und munter sein für Weihnachten

Sebastian Pilz
Ein Beitrag von

Sebastian Pilz,

Referatsleiter Diakonische Pastoral/Seelsorge in besonderen gesellschaftlichen Herausforderungen
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Es ist abends kurz nach 22 Uhr. Erschöpft vom Tag gehe ich ins Bett. Auf der Bettkante sitzend überlege ich, wann ich am nächsten Tag aufstehen muss. Mein erster Termin im Büro ist erst um 10 Uhr. Kühn fasse ich deshalb den Entschluss, meinen Wecker gar nicht zu stellen. Ich stehe einfach auf, wenn ich wach werde, denke ich mir. Aber falsch gedacht. Den ersten Teil der Nacht schlafe ich noch ganz hervorragend. Doch im zweiten Teil schleicht sich eine gewisse Unruhe ein. Hoffentlich verschlafe ich doch nicht, denn der Wecker ist ja nicht gestellt. Weitere Grübeleien gehen los: Die Tage sind so grau und dunkel. Es wird doch kaum hell. Wie soll ich dann wach werden? Es ist eine unsinnige Frage, denn um kurz nach fünf Uhr stehe ich genervt auf. Im Auto auf dem Weg zur Arbeit denke ich mir: Hätte ich mir doch bloß den Wecker gestellt.

Beim Umgang mit dem Wecker gibt es ganz unterschiedliche Phänomene. Einige davon beobachte ich bei meinen Kindern. Mein jüngster Sohn steht beim ersten Piepen des technischen Muntermachers einfach auf. Das fällt ihm leicht und ist für uns Eltern unkompliziert. Josefine dagegen nutzt gern auch mal die Alarm-Abstelltaste. Meine Älteste döst dann noch mal kurz ein, drückt beim erneuten Piepen wieder die Schlummer-Taste und steht dann irgendwann auf. Meistens zumindest. Bei wichtigen Terminen stellen wir Eltern uns zur Sicherheit noch einen Wecker und erinnern sie ans Aufstehen. Der größte Tiefschläfer ist mein mittlerer Sohn Matthäus. Er bekommt es beim Wecker-Piepen fertig, einfach tief und fest weiterzuschlafen. Der Wecker eskaliert, Matthäus schläft und irgendwann sind alle andern aus der Familie wach, nur er nicht. Das Wecker-Drama geht so lange, bis eine oder einer von uns bei ihm im Zimmer steht, den Wecker von seinem Marathon erlöst und Matthäus aus seinem Tiefschlaf rüttelt.

Ein Wecker ganz anderer Art steht ab heute in vielen Haushalten. Ich meine den Adventskranz. Er ist in der traditionellen Form mit grünen Tannenzweigen gestaltet und mit vier großen Kerzen verziert. Jeden Sonntag wird eine von ihnen angezündet. Wenn dann die vierte Kerze brennt, ist in der darauffolgenden Woche Weihnachten. Der Adventskranz ist also kein akustischer, sondern ein mit Licht funktionierender Wecker hin auf das Fest der Geburt von Jesus Christus. Je heller der Adventskranz leuchtet, desto näher ist das Weihnachtsfest.

Wach und munter machen auch die Texte, die am heutigen Sonntag im katholischen Gottesdienst aus der Bibel vorgetragen werden. Besonders der TextI aus dem Lukasevangelium rüttelt mich auf: Da ist vom Toben des Meeres und von gewaltigen Zeichen am Himmeln zu hören. Weltuntergangsszenarien werden beschrieben, die die Menschen in Angst versetzen. Wie aber bitte gehen diese Bilder mit dem Advent zusammen, der doch eine eher beschauliche Zeit sein will?

Musik

Um mit einer Antwort weiterzukommen, ziehe ich einen NeutestamentlerII zurate, der sich auf wissenschaftlicher Ebene intensiv mit dem Lukasevangelium beschäftigt hat. In seinem Buch erfahre ich, dass Lukas wohl in der Bibelstelle das historische Ereignis der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus vor Augen hat. Die Römer belagerten damals die Stadt, marschierten ein und zerstörten dabei auch den Tempel. Für die damalige jüdische Welt war das ein absolut erschütterndes, ja bis dato nie vorstellbares Szenario. Der Tempel war das religiöse Zentrum, ja der Ort der Gottesbegegnung. Nun ist er zerstört und die Gläubigen von damals können es nicht fassen. Der Evangelist Lukas greift diese beklemmend dramatische Stimmung in seinem Text auf und verschärft sie sogar noch. Er weitet nämlich das Schreckensszenario nun auf die ganze Welt aus, indem er Himmelszeichen, Erde, Meere, gewaltige Kräfte erwähnt. Er will mit seinen drastischen Bildern sagen, dass es noch schlimmer kommen kann als "nur" die Zerstörung Jerusalems und des Tempels.

Doch "die apokalyptische Sprache liebt drastische Übertreibungen, die hier nicht wörtlich verstanden werden wollen"III, erklärt der Theologie-Professor Josef Ernst in seinem Buch zum Lukasevangelium. Die Bilder seien vielmehr ein sprachliches Vorspiel. Das Wesentliche im Bibeltext sei stattdessen das Erscheinen des Menschensohnes. Darauf wolle der Evangelist Lukas aufmerksam machen. Im Bibeltext kommt nämlich der Menschensohn auf einer Wolke daher, was damals immer ein Hinweis auf die Macht und die Anwesenheit Gottes war. Zudem spricht Lukas von Erlösung und davon, dass die Menschen ihre Häupter erheben können.

Mir wird klar, die apokalyptischen Bilder sind ein Stilmittel, um aufzurütteln. Sie sind quasi ein Wecker, der mit sprachlicher Übertreibung funktioniert. Wichtig ist aber, nicht bei den gewaltigen Bildern stehen zu bleiben. So ist es mir nämlich beim ersten Lesen gegangen. Da heißt es in der Bibelstelle wörtlich: "Die Völker werden bestürzt und ratlos sein."IV Bei diesem Satz blieb ich sofort hängen und dachte an meine neue Arbeitsstelle, die ich seit Sommer habe, und die mich manchmal ratlos nach dem nächsten Schritt suchen lässt. Zudem sind da die Herausforderungen in der Familie, die angesichts von Corona derzeit wieder beklemmend zunehmen.

Doch der Bibeltext will eben nicht auf die dramatischen Bilder oder Sorgen des Alltags lenken, sondern er will ermutigen. Wesentlich ist doch: Trotz der beschriebenen kosmischen Eskalation kommt Gott selbst mitten in die Welt. Und das nicht durch einen Propheten, sondern er schickt den Menschensohn, also sein eigenes Fleisch und Blut. Gott liebt die Menschen so sehr, dass er ihnen in all dem Chaos nahe sein will. Er will sie aufrichten und ermutigen und ihnen helfen, in allen noch so dramatischen Dingen einen klaren Kopfv zu behalten. Da scheint also am heutigen ersten Advent schon ganz deutlich die erlösende Botschaft von Weihnachten auf.  

Musik

Wecker wollen frisch und munter machen, auch wenn, wie bei meinen Kindern und mir es ganz unterschiedliche Umgangsformen damit gibt. Ziel ist immer nicht zu verschlafen. Auch mancher Bibeltext wie der heutige von Lukas, weckt durch sprachliche Übertreibung auf. Der Adventskranz tut das mit Licht, heißt doch der Kinderreim bekanntlich: "Advent, Advent ein Lichtlein brennt.  Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür. Und wenn die fünfte Kerze brennt, dann hast du Weihnachten verpennt." Was mache ich, damit ich Weihnachten nicht verschlafe?

Akustische Wecker holen Körper und Geist aus dem Schlaf. Für das körperliche Munterwerden im Advent nehme ich mir vor, weniger zu essen. Historisch gesehen ist der Advent ja auch die Fastenzeit auf Weihnachten hin. Dabei dient Fasten nicht nur dazu, dass der Festtagsbraten mundet. Es geht vielmehr um ein bewussteres Leben. Sich zum Beispiel klar zu machen, wer in diesen Tagen gar nichts zu essen hat. Oder zu lernen, wann ich zufrieden bin, ohne immer gleich nach noch mehr Essen oder anderen Dingen zu schielen.

Um mich mit Herz und Verstand in den Advent zu begeben, nehme ich die heutige Bibelstelle zum Anlass. Ich will nicht, wie beim ersten Lesen des Textes, bei den dramatischen Bilder stehen bleiben. Das heißt im Alltag eben nicht nur auf die beklemmenden Nachrichten dieser Welt zu achten, sondern einen wachen Blick für die kleinen Gesten zu haben, die mir liebe Menschen schenken. Ich möchte mehr solche unscheinbaren Momente der Ermutigung in meinen Alltag aufspüren. Die helfen nämlich, sich angesichts der derzeitigen Situation nicht hängen zu lassen oder zu resignieren.

Und ein drittes nehme ich mit in den Advent, das am Ende der heutigen Bibellesung folgt vorgetragen wird: "Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!"VI Neben der Aufforderung, wachsam für die kleinen Gesten zu sein, entdecke ich hier auch eine Einladung zum regelmäßigen Gebet. So gelingt es vielleicht, dass ich aus der Beklemmung in die Besinnung komme. Das habe ich schon ein paar Mal beim Beten erfahren dürfen. Dann gelingt es, dass die aktuellen Sorgen für einen kurzen Moment in den Hintergrund treten und Gott Raum bekommt. Danach waren meine Gedanken wieder klarer und ich hatte neue Kraft für den Tag. Es kling reizvoll, dem im Advent mehr Platz und Zeit zu geben.

So hoffe ich, dass ich Weihnachten nicht im Tiefschlaf des Trubels und in den Wirren dieser Welt verpenne, sondern den besinnlichen und zugleich unscheinbaren Weg zur Krippe im Stall finde. Denn Gott will aus Liebe mittendrin drin sein und Erlösung schenken. Welche eine schöne Zuversicht für den Advent.

 

I Lukasevangelium 21,25-28.34-36.

II Josef Ernst, Das Evangelium nach Lukas, St. Benno-Verlag Leipzig, 1983.

III Ebd., S. 382.

IV Lukasevangelium, 21,25.

V Josef Ernst, Das Evangelium nach Lukas, St. Benno-Verlag Leipzig, 1983, S. 385.

VI Lukasevangelium 21,36.

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