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Fahrräder sind das neue Klopapier
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Fahrräder sind das neue Klopapier

Ein Beitrag von

Stefanie Sehr,

Katholische Pastoralreferentin, Darmstadt
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Ich arbeite in einer Fachschule für angehende Erzieherinnen und Erzieher und bin jetzt sehr froh, Sommerferien zu haben. Wie bestimmt die Studierenden aus der Fachschule auch. Die letzten Monate seit März waren doch sehr anstrengend, weil Schule bei uns in Deutschland normalerweise ein Massenbetrieb ist und dementsprechend Abstandsregelungen und Hygienevorschriften nur sehr schwer umzusetzen sind. Also wurden nicht nur die Abschlussprüfungen in kleineren Gruppen organisiert, sondern auch danach der Unterricht für die übrigen Klassen, als überhaupt wieder Unterricht in der Schule stattfinden durfte. Die Monate im Homeschooling wurden dabei auch von den Studierenden sehr unterschiedlich erlebt: die eine nannte es „Corona-Urlaub“ mit ungewohnt viel Zeit in der Familie, für die andere war es ein riesen Spagat, das eigene Homeschooling mit dem der eigenen Kinder und dem Homeoffice des Mannes unter einen Hut zu bekommen. Und eine Studentin hat auch gesagt: „Ich habe mir ein neues Fahrrad gekauft. Fahrräder sind jetzt das neue Klopapier.“ Ich musste grinsen bei diesem Satz – wahrscheinlich hat jeder von uns in den letzten Monaten etwas für sich entdeckt, was einen neuen Wert bekommen hat. Erstmal waren es Klopapier und Nudeln, dann um Ostern herum Hefe, und bei einigen dann das Fahrrad, mit dem ich mich abstandskonform von A nach B bewegen kann und keine Maske tragen muss wie in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Solidarität oder Hamsterkäufe

Fahrräder sind das neue Klopapier. Es hat mich doch auch bis in die Ferien hinein zum Nachdenken gebracht, was die Einschränkungen der letzten Monate für Nachwirkungen haben. Vor allem bei meinem Konsumverhalten, wenn etwas nicht mehr wie gewohnt zu bekommen ist. Vielleicht hatten manche noch im März und April die Befürchtung, dass es nicht nur zu Engpässen bei bestimmten Gütern kommt, sondern sogar zu Ausverkäufen. Dass dann regelrechte Schlachten entstehen, wie wir es sonst nur aus dem Fernsehen aus anderen Ländern mit dauerhaften Engpässen kennen. Es ist nicht so gekommen, wir sind weiterhin mit allem Nötigen gut versorgt. Gleichzeitig macht mir das deutlich: wie schnell kann die Angst, dass wir bestimmte Güter nicht mehr bekommen, auch unser Verhalten ungewohnt beeinflussen. Nicht immer ist dann noch Solidarität zu spüren. Und mit etwas Abstand frage ich mich schon, wieso ausgerechnet Klopapier so unabkömmlich schien. Wie in anderen Krisensituationen auch, haben wir Menschen ja durchaus die Kraft, kreative Lösungen zu finden. Im Falle des Klopapiers hätte es vielleicht das gute alte Zeitungspapier getan, das dann eben nicht in der Toilette, sondern im Müll entsorgt wird.

Ruhe bewahren

Bei der Frage, was die Studierenden denn aus dieser ungewöhnlichen Zeit für sich mitnehmen, hat einer geantwortet: Ruhe bewahren. Das hat er tatsächlich lernen müssen, weil er sich sonst eher schnell über alles Mögliche aufgeregt hat. Spätestens mit einem Hautausschlag hat er aber gemerkt, dass ihm das gar nicht gut tut und auch nicht viel weitergeholfen hat. Ruhe bewahren meint dann genau das: mal Abstand nehmen in der Krise, in Ruhe schauen, was eigentlich los ist und dann handeln. Leichter gesagt als getan. Jetzt in den Ferien habe ich eine geschenkte Zeit dafür: kein Unterricht, dafür in Ruhe schauen, was die letzten Monate eigentlich mit mir gemacht haben. Ich werde sicher auch endlich mal wieder mit mehr Ruhe meditieren und beten, auch das ist mir als Christin wichtig. Ich halte dabei Gott all das hin, was mich erschöpft und ohnmächtig macht. Denn für mich ist immer noch eine lebendige Beziehung zu Gott wie das neue Klopapier: vielseitig einsetzbar.

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