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Die Frau mit dem Kopftuch
Bild: Pixabay

Die Frau mit dem Kopftuch

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Die junge Frau steht in der Schlange beim Bäcker. Sie trägt Kopftuch. Hinter ihr im Kinderwagen ein Junge, der behindert ist. Das sehe ich ihm an. Seine Augen sind verdreht. Aus dem Mund läuft Spucke. Vielleicht lacht er mich an, das weiß ich nicht. Ich beuge mich zu ihm. Seine Mütze ist ihm aus der Hand gefallen. Sie liegt auf dem Boden. Ich hebe sie auf und gebe sie dem Jungen. Die Mutter dreht sich um, weil der Junge ein Geräusch macht. Ich sage ihr, dass ich die Mütze aufgehoben habe. Sie bedankt sich und lächelt. Nein, sie lächelt halb. Nur mit dem Mund, nicht mit den Augen. Die bleiben traurig. Wie eingegraben ist die Trauer um ihre Augen. Bestimmt seit Jahren schon. Bestimmt noch viele Jahre.

Trauer kennt keine Religion und keine Nation. Sie ist immer gleich. Seit Anbeginn der Menschheit. Da können wir erfinden, was wir wollen. Immer höher, weiter, schneller. Meinetwegen. Immer mehr Technik und Schnickschnack. Immer mehr Lustigkeit und Unterhaltung und Ablenkung, wenn’s sein muss. Die Trauer kriegen wir nicht in den Griff, mit nichts. Die junge Mutter mit dem Kopftuch trauert. Weil ihr Sohn krank ist, weil sie die eine Sorge mit sich schleppt, wie alles werden wird mit dem Kind. Sie liebt ihn. Und er ist krank. Sein Leben lang. Sorge kriegen wir nie in den Griff. Mit nichts.

Doch, mit einem vielleicht: dass wir sie sehen. Und die Mutter nicht sich selbst überlassen. Mit ihr sprechen, wenn es sich ergibt. Sorge braucht Worte. Und Zuhörer. Dann geht sie nicht weg, wird aber kleiner. Man will doch mal lachen, richtig lachen trotz all der Sorgen. Da können wir helfen. Manchmal. Die Sorge nicht wegreden. Des andern Last wahrnehmen. Verständnisvoll sein. Trauer kennt keine Religion. Gott auch nicht. Er will, dass ich traurige Augen heller mache.

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