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Das Gelübde
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Das Gelübde

Johannes Meier
Ein Beitrag von

Johannes Meier,

Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel
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Ich möchte Ihnen von Tim erzählen. Tim ist ein junger Arzt, ich schätze ihn auf Ende 20, höchstens Anfang 30. Für ein halbes Jahr hat er eine Stelle in einem kleinen Krankenhaus in Westafrika übernommen. Menschen helfen, außergewöhnliche medizinische Erfahrungen sammeln, bestimmt auch etwas Abenteuerlust. Aber keine Romantik. Die Aidsrate im Slum nebenan ist hoch, die Säuglingssterblichkeit ebenso.
Es ist hart für Tim. Viel Arbeit und wenig Schlaf, besonders wenn mal wieder die Klimaanlage ausgefallen ist. Und doch fühlt sich der junge Mann irgendwie besonders lebendig hier. Er wird gebraucht, er kann einen Unterschied machen. Aber es gibt auch Rückschläge, die ihn verzweifeln lassen. Wenn einfach nichts klappt, nichts funktioniert. Wenn der einzige Krankenwagen eine Panne hat. Wenn Patienten sterben, weil das Blutspendezentrum keine Blutkonserven mehr hat. Wenn mitten in einer Operation der Strom ausfällt und der Benzintank vom Notaggregat leer ist.
Abends sitzt er manchmal mit seinem Chef auf der Veranda vor der Krankenstation. Hitze. Grillenzirpen. Und in der Ferne die Lichter einer afrikanischen Großstadt. Der alte und der junge Arzt gönnen sich einen Drink. Und dann fragt der Alte, ein Belgier, auf einmal: ob er denn nicht bleiben wolle? – Was? – Ja, er suche dringend einen Nachfolger! Und Tim würde er das zutrauen, er hätte doch Talent, es sei sicher nicht einfach hier, zugegeben, aber er könnte hineinwachsen. Ganz bestimmt. Er solle sich das doch mal durch den Kopf gehen lassen. – Und Tim verspricht, darüber nachzudenken.

Zwei Tage später kommt Sara zu Besuch. Tims Verlobte. Er hat nachgedacht – und er fragt sie vorsichtig. Aber Sara mag es nicht hier in Afrika. Die Hitze, der Staub, die Spinnen. Schrecklich. Sie ist froh, endlich wieder heimzufliegen. Tim vermisst sie sehr. Na gut, dann eben nicht.
Ein paar Wochen nach Saras Besuch macht sich auch Tim auf den Heimweg. Zurück nach Europa. Afrika würde also nur eine Episode bleiben, eine exotische Station im Lebenslauf. Doch dann fängt plötzlich das Flugzeug an zu ruckeln. Erst nur ein wenig. Ein paar Turbulenzen über dem Mittelmeer eben. Dann aber ruckelt es stärker, immer heftiger. Das Flugzeug stürzt ab. Tim krallt sich in seinem Sitz fest. Schließt die Augen. „Wenn ich das jetzt überlebe“, denkt er. „Wenn ich überlebe, dann...“ – Kurz vor der Notwasserung macht Tim ein Versprechen. Ein Gelübde, wie er später sagen wird. Und Tim überlebt.

Ein Gelübde ist ein feierlich abgelegtes Versprechen, sich an eine Regel zu halten oder einen Vorsatz zu erfüllen“, heißt es auf Wikipedia.
Der junge Arzt Tim hatte sich an seinen durchgerüttelten Flugzeugsitz gekrallt und laut oder leise gedacht: „Wenn ich das hier überlebe, dann gehe ich zurück nach Afrika. Wenn ich hier heil rauskomme, dann mache ich den Job in der Krankenstation, dann bleibe ich da, ganz egal, für immer.“ So oder so ähnlich lautete sein Versprechen.

„Das Gelübde“ – so heißt ein Theaterstück von Dominik Busch, in dem die Geschichte von Tim erzählt wird. Ich habe die Uraufführung bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin gesehen.
Auch Martin Luther hatte einst ein Gelübde abgelegt, das verbindet den Reformator aus Wittenberg mit Tim, dem jungen Arzt aus dem Theaterstück. Auch Luther hatte in Todesnot ein Versprechen gegeben, das sein Leben für immer verändert hat. Er war zu Fuß unterwegs auf freiem Feld und wurde von einem heftigen Gewitter überrascht. Die Blitze schlugen um ihn herum in den Boden ein. Da soll der damalige Jura-Student gefleht haben: „Hilf, du heilige Anna, ich will Mönch werden!“
Es liegen Welten oder Jahrhunderte zwischen Martin und Tim. Für Luther, den gottesfürchtigen Mann des Mittelalters, ist völlig klar, welchem Gegenüber sein in den Gewittersturm geschrienes Gelübde letztlich gilt. Gott natürlich. Ihm fühlt er sich jetzt verpflichtet. – Tim aber ist ein Mann des 21. Jahrhunderts. Er ruft keine Heiligen an und der Glaube an Gott ist für ihn kein Thema. Vielleicht ist er kein Atheist, aber gläubig eben auch nicht. Er weiß es selbst nicht so genau. Vor wem oder was aber hat Tim dann sein Gelübde abgelegt? Hat es überhaupt eine Bedeutung?
„Hör mir zu!“, sagt Tims bester Freund. „Den Pakt, den Du da in Panik geschlossen hast, mit Gott, mit dem Teufel, mit deinem Gewissen, mit dir selbst, whatever, er ist – vom juristischen Standpunkt aus – ungültig.“ – „Ist er nicht“, sagt Tim.

Das Gelübde, das der junge Arzt auf dem verhängnisvollen Rückflug von Afrika abgelegt hat, trifft auf Unverständnis und Widerstand. Nicht nur beim Freund, auch bei seinen Eltern und erst recht bei seiner Verlobten Sara. Sie ist schwanger. „Du hast mir dein Wort gegeben, dass wir uns hier etwas aufbauen“, hält sie ihm entgegen. „Und wem hast du im Flugzeug dein Wort gegeben?“ – „Ich weiß es nicht.“
Martin Luther wusste genau, wem er im Gewitter den Eintritt ins Kloster versprochen hatte. Doch auch sein gottesfürchtiges Gelübde haben seine Freunde und seine Familie zunächst vehement abgelehnt. Luther erzählte später davon: „Nachher reute mich das Gelübde und viele rieten mir davon ab. (...) Auch mein Vater war sehr zornig (...), doch ich beharrte bei meinem Entschluss.“
Gut 500 Jahre später lässt Theaterautor Dominik Busch seine noch unentschlossene Hauptfigur zu einer alten Kirche wandern. Ob Tim in dem Gotteshaus eine Antwort auf dieses quälende „Ich weiß es nicht“ findet?

Die Innenwände der Kirche, zu der Tim gewandert ist, hängen voller kleiner Votiv-Täfelchen. Jedes einzelne erinnert an eine Spende, eine Dankesgabe. „Ex voto“ steht in Latein darauf geschrieben, zu Deutsch: „Wegen eines Gelübdes.“ – Tim atmet tief durch und zieht seine Schuhe aus, um die Füße zu lüften. Er spürt den kühlen Steinboden unter sich, er schließt seine Augen. Hier in dieser besonderen Kirche fühlt er sich und sein Gelübde irgendwie gut aufgehoben, alles scheint einen Sinn zu ergeben – und auf einmal weiß er, was er tun wird.

Im Sommer 1505, nur zwei Wochen nach seinem Gewitter-Gelübde, tritt Luther in das Augustiner-Kloster in Erfurt ein. Die Angst, vor einem strengen Gott im jüngsten Gericht nicht bestehen zu können, treibt ihn an. Eine Frage lässt ihn nicht mehr los: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – Der junge Mönch fängt an, die Bibel zu studieren – und er entdeckt die frohe Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe.
Im Theaterstück „Das Gelübde“ bleibt die Frage nach Gott offen, sie wird nicht einmal explizit gestellt. In der letzten Szene sitzt Tim allein und erschöpft in seinem Büro in der Krankenstation. Zurück in Afrika. Er hat sich also entschieden. Es ist nicht leicht, aber es fühlt sich richtig an.
Doch ist es wirklich richtig, das alte Leben allein aufgrund eines solchen Versprechens hinter sich zu lassen? Muss ein Gelübde denn um jeden Preis erfüllt werden, gilt ein Verlobungsversprechen tatsächlich weniger? – Mit diesen Fragen konfrontiert Theaterautor Dominik Busch sein Publikum.
Beim Bibelstudium in der Klosterzelle hat Martin Luther seine eigene Antwort darauf gefunden: Vor Gott machen nicht die Werke, sondern allein der Glaube gerecht. Später schreibt er über die „Freiheit eines Christenmenschen“ und verlässt das Kloster, heiratet, gründet eine Familie.

Auch Tims Seelenheil hängt nicht davon ab, ob er sein Gelübde hält. Aber vielleicht hilft es ihm dabei, zu erkennen, welchen Weg er in seinem Leben wirklich gehen möchte, welcher Lebensentwurf für ihn der einzig Richtige ist.
Irgendwo in Afrika vibriert Tims Handy. Eine SMS seiner Ex-Verlobten: „Lieber Tim, heute Morgen um 4 Uhr 35 ist Paul auf die Welt gekommen. Er ist super. Wir sind alle sehr glücklich. Sara.“ – Tim steigen die Tränen in die Augen. Und dann folgen die letzten Zeilen von Dominik Buschs Theatertext, die mich tief berühren: „Und du heulst, und bleibst sitzen, du heulst und heulst, und bleibst sitzen, bis du spürst, dass jemand da ist, dass jemand bei dir ist, dich berührt, eine Hand auf deiner Schulter, dich festhält, und dich umarmt, dich ganz fest umarmt, und nicht mehr damit aufhört, und einfach nicht mehr damit aufhört.“

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