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Auf eigenen Füßen stehen
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Auf eigenen Füßen stehen

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von

Claudia Rudolff,

Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
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Unsere Füße brauchen wir zum Gehen, zum Laufen, zum Rennen bei Sport und Spiel. Füße hinterlassen Spuren. Sie zeigen, wo wir hergekommen sind, was wir durchgemacht haben. Früher brauchte man auch die eigenen Füße, um weit zu reisen. Heute nutzen wir dazu Fahrrad, Auto, Bahn und Flieger. Manche unter uns können auch nicht mehr laufen. Dennoch gehört es zu unserem Menschsein dazu, dass wir lernen auf eigenen Füßen zu stehen- sowohl im Leben als auch im Glauben. Auf eigenen Füßen stehen-im wahrsten Sinne des Wortes und auch bildlich.
An meine ersten eigenen Schritte kann ich mich nicht erinnern. Meine Eltern haben sie aber auf einem Super 8 Film festgehalten. Wir haben unsere Kinder auch gefilmt und sogar die ersten Schuhe aufgehoben.
Um auf eigene Füßen zu kommen, benötigten wir die Hilfe von Mama oder Papa. Mit liebevollen und wohlwollenden Blicken haben sie unsere ersten Schritte begleitet. Viele von uns haben das dann auch bei ihren Kindern getan.
Wie gesagt: An meine ersten Schritte kann ich mich nicht erinnern.
Doch ich erinnere mich gut daran, wie meine Großmutter mir geholfen hat, im Glauben auf eigenen Füßen zu stehen.
Ich erinnere mich an Gebete, die sie mit mir gesprochen hat: Zum Beispiel dieses: Müde bin ich, geh' zur Ruh', schließe beide Äuglein zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein“.
Und ich höre noch heute ihre Stimme, wie sie gesungen hat: „Weißt du wie viel Sternlein stehen-weißt du wieviel Kinder frühe stehen aus ihrem Bettchen auf?“ – das wusste ich natürlich nicht, es sind unzählige. Aber dann kam für mich das Tröstliche: Kennt auch dich und hat dich lieb!
Gott kennt auch mich - da war jemand, der Bescheid wusste. Und der mich nicht allein ließ. Ich konnte Gott vertrauen. Das hat mir Mut gemacht, auch im Glauben an Gott immer mehr auf eigenen Füßen zu stehen. 

Musik 1 W.A. Mozart, Klaviersonate No. 1 C-Dur, 2.: Andante

Auf eigenen Füßen stehen:Dieser Wunsch wurde natürlich stärker, als ich älter und größer wurde. Immer weniger wollte ich von Mama, Papa oder der Großmutter begleitet werden. Wie viele Teenager auch, regierte ich nur mit Zorn auf die Ansage der Eltern: „Solange Du Deine Füße unter unseren Tisch stellst, wird gemacht was wir wollen“.
Aber nach einigen Auseinandersetzungen haben es meine Eltern gespürt - so wie ich es dann auch bei meinen Kindern gespürt habe: Füße brauchen einfach Raum. Raum für selbständige Schritte. Sie müssen sich frei bewegen.
Zu dieser Freiheit gehörte dann auch die Abstimmung mit den Füßen. Vor allem in Bezug auf Kirche.
Nach der Konfirmation wollte ich da erstmal nicht wieder hin. Zu viele Fragen, und Zweifel, z. B. ob Jesus Gottes Sohn ist und ob er auferstanden ist?
Besonders diese Frage hat mich beschäftigt: Warum lässt Gott zu, dass guten Menschen Böses widerfährt?
Dann haben mich auch manche Leute in der Gemeinde abgestoßen. In deren Verhalten habe ich nichts wiedergefunden von dem, was sie mir über Gott erzählten. Einer z. B. ging jeden Sonntag zur Kirche, aber zu Hause, dass wusste ich, hat er seine Kinder wegen jeder Kleinigkeit verdroschen.
Doch einige Zeit später hatte ich das Glück, dass mir andere begegneten. Ich denke zum Beispiel an unsere Nachbarin von damals. Ohne großes Aufhebens zu machen, kümmerte sie sich 2 Wochen lang um meine Freundin und ihre Geschwister, als deren Mutter ins Krankenhaus musste. Sie kochte, hat den dreien bei den Hausaufgaben geholfen. Und sie hat nach dem Rechten gesehen bis der Vater von der Arbeit gekommen ist.
Und ich habe in der Gemeinde noch mehr Menschen gefunden, an denen sichtbar wurde, dass dieser Gott in ihrem Leben mitgeht - die mir anschaulich machten, was es heißt als Christ zu leben.
Sie haben sich auch Zeit genommen für meine Fragen.
Solche Begleiter wünsche ich auch den Jugendlichen, die heute in vielen hessischen Gemeinden, am sog. Weißen Sonntag, konfirmiert werden.
Für mich ist es heute noch wichtig, mit Menschen im Gespräch zu sein, die glauben. Der unmittelbare Kontakt, das Verhältnis auf Du und Du mit Gott wird oft anspruchsvoller, wenn man erwachsen wird. Auf die Frage: „Wer hat die Welt gemacht?“ reicht einem dann nicht mehr die Antwort: „Gott“.
Man setzt sich mit den Naturwissenschaften auseinander und fragt, ob sie mit dem Glauben an einen Schöpfer vereinbar sind. Auch im Alltag mit Beruf und Familie bleibt oft wenig Zeit. Man muss funktionieren und so kommt einem der Glaube manchmal einfach abhanden.
Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, dass unsere Füße einen freien Raum brauchen, um eigene Wege zu finden, auch im Glauben.

Und dieser Raum gestaltet sich für viele unterschiedlich: Vielleicht hilft dem einen, sich Zeit zu nehmen und einen Gottesdienst zu besuchen. Ein anderer liest lieber für sich in der Bibel und sucht nach Impulsen für seinen Glauben. Andere suchen im Gebet den Kontakt mit Gott. Wieder andere brauchen in der Kirche Menschen, mit denen sie an sozialen Projekten arbeiten können.
Für sie steht an erster Stelle, dass ihr Glaube sich in Taten widerspiegelt.
Ich glaube diese Freiheit eigene Räume zu betreten, schenkt uns Gott: Jesus hat es mal so in einem Wort ausgedrückt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh14,2).

Musik 2  J.S. Bach, Triosonate e-moll BWV 528, 2.: Andante

Jesus sagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh14,2).
Unter dem einen Dach können wir auf verschiedene Weise unseren Glauben leben und gehören doch zusammen.
Mit diesem Vertrauen im Herzen stehen wir auf eigenen Füßen im Glauben: Ich kann so beten, wie ich will: Gott alles sagen, Freude und Klage. Ich darf zweifeln, in der Bibel lesen, meine eigenen Erfahrungen mit Gott machen.
Mir ein Bild machen, aber ihn in keinem Bild festhalten. Raum geben - um die Bilder zu ergänzen. Es entlastet mich zu wissen: Mein Glaube darf sich immer wieder verändern- Zeiten von Gottvertrauen und Zeiten von Zweifel und innerer Distanz können wechseln. Diese Freiheit sollten wir uns zugestehen.
Auf eigene Füße kommen und auf ihnen stehen. Das ist auch ein Ziel in unserem Alltag. Für manche ist das nicht so einfach. Da sind zu viele Verpflichtungen, denen man gerecht werden soll: Die Pflege der Eltern, die Kinder, das Haus und der Garten.
Manchmal meint man auch, man müsse es jedem recht machen.
Da denkt einer, er müsse den elterlichen Betrieb weiterführen, weil seine Eltern sonst maßlos enttäuscht wären. Dabei würde er lieber Musik studieren. Eine andere möchte wieder arbeiten gehen, nachdem beide Kinder in Schule und Kindergarten sind. Doch ihre Eltern brauchen täglich Unterstützung. Wie soll man sich da verhalten? Muss ich alles allein machen oder darf ich Hilfe von außen dazu holen?
Manch andere sind ständig unzufrieden mit sich selbst. Sie lenken ihren Blick nur auf ihre Defizite. Sie träumen davon, ebenso sportlich zu sein wie der beste Freund oder ebenso schlagfertig und charmant, beliebt und bewundert zu sein wie die Kollegin.
Oftmals wird nicht nur davon geträumt, sondern es wird auch hart daran gearbeitet. Dabei hilft mir, mir immer wieder klar zu machen: Ähnlich wie Fingerabdrücke sind unsere Füße Ausdruck unverwechselbarer Individualität.

Niemand kann wirklich in die Fußstapfen eines anderen treten, denn jede Spur ist unmittelbar abhängig von der Größe, Schrittfolge und Fußstellung eines Menschen. Wer dennoch versucht, in die Fußstapfen eines anderen zu treten, der wird schnell die Balance verlieren oder aus dem Takt geraten.
Es braucht also auch hier Zeit, fest auf eigenen Füßen zu stehen und eigene Spuren zulegen. Dabei geht es nicht um ein rücksichtsloses Verhalten.
Doch ich muss überlegen: Wie kann ich mir Nischen schaffen, um hin und wieder weiten Raum unter meinen Füßen zu spüren? Was kann ich umsetzen an Ideen und Träumen? Da braucht es viel Fantasie, um Wege zu finden, die eigenen Bedürfnisse und Verpflichtungen in eine Balance zu bringen.

Wir müssen erst einmal mit beiden Füßen fest auf der Erde stehen.

Oder wie Eberhard Jüngel, ein evangelischer Theologe es mal so ausgedrückt hat:
„Man muss der Erde treu bleiben, wenn man sich für den Himmel interessiert“.

Musik 3 J.S. Bach, Präludium h-moll (Andante)  BWV 869

„Man muss der Erde treu bleiben, wenn man sich für den Himmel interessiert“.

Wo wir sinnbildlich im Leben und Glauben auf eigenen Füßen stehen, geraten wir in Bewegung.
Vom Herz drängt der Glaube auch in die Füße.
In der Bibel finde ich dazu einen Text, der Wege aufzeigt, die unsere Füße gehen mögen: In Psalm 119 steht: „Ich bedenke meine Wege und lenke meine Füße zu deinen Mahnungen“ (Ps 119,59).
Bei Mahnungen denke ich an die Gebote und vor allem an das der Nächstenliebe. Manchmal lähmt mich dieses Gebot, weil ich zu viele Menschen sehe, die Hilfe brauchen.
Natürlich können meine Füße mich nicht zu allen tragen, die in Not geraten sind.
Aber vielleicht ist das ein erster guter Schritt: Meine Füße tragen mich gezielt zu einem, der in Not geraten ist.
In meiner Gemeinde gibt es z.B. viele Flüchtlinge. Ich habe mich entschieden, mit einem Deutsch zu lernen, ihn in der Schule zu unterstützen.
Viel Hilfe und Beistand sind da, wenn jeder von uns zu einem Menschen geht. Vielleicht um zuzuhören, anzupacken oder mit ihm Wege zu erledigen.
Und ich möchte dazu eine Geschichte erzählen: Rainer Schmidt kam ohne Unterarme und mit einem verkürzten Oberschenkel zur Welt. Als er 14 Jahre alt war, sind seine Eltern mit ihm 1977 in den Urlaub nach Österreich gefahren.
In dem kleinen Ferienort gab es für die Kinder nur eine Tischtennisplatte- keinen Bolzplatz oder anderes.

Rainer stand nur immer an der Tischtennisplatte, um den anderen Kindern zuzuschauen. Seine Arme waren einfach zu kurz, um einen Schläger zu halten. Um nicht völlig ausgeschlossen zu sein, machte Rainer den Schiedsrichter. Das beobachtete ein anderer Urlaubsgast, Herr Lutz. Er fragte Rainer: Willst du denn nicht auch mitspielen?
Er sagte: „Das würde ich gern, aber meine Arme sind zu kurz“. Herr Lutz grübelte nach und sagte: „Ich lass mir was einfallen“. Am nächsten Tag kam er wieder zur Tischtennisplatte. Herr Lutz  hatte Schnüre und Schaumstoff dabei. Eine Lage Schaumstoff wickelte er um den verkürzten Arm von Rainer, dann kam der Schläger, wieder Schaumstoff und dann wurde alles mit Schnüren festgebunden. Lange wurde getüftelt, bis der Schläger richtig saß. Nun konnte er mitspielen. Fortan wurde Rainer ein begeisterter Tischtennisspieler. Über viele Wege ist er zum Behindertensport gekommen und gewann Ende der 90ziger Jahre und 2004 Gold und Silber bei den Paralympics für Deutschland.

Rainer Schmidt fragt sich manchmal: Wie wäre mein Leben verlaufen ohne Herrn Lutz? Wie wäre es verlaufen, wenn Herr Lutz mich beobachtet und nur gedacht hätte: Der arme Junge!

Herr Lutz hat sich anrühren lassen. Sein handwerkliches Können eingebracht, um Rainer zu helfen! 

Musik 4 W.A. Mozart, Klaviersonate No. 13 B-Dur, 2.: Andante cantabile

Nächstenliebe praktiziert mit ganzem Herzen. Das gelingt, wo uns unsere Füße zu einem anderen führen.
Ein zweiter Bibelvers ist mir in diesem Zusammenhang auch wichtig. Es ist ein Vers aus dem neuen Testament und Teil eines Gebetes: Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, bittet Gott: „lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lk, 1.79)
Natürlich möchte ich niemanden auf die Füße treten oder streiten. Es liegt mir dran mit anderen in Frieden zu leben. Aber im Zusammenleben mit Familie, Freunden und Kollegen kommt es immer wieder zu Konflikten.
Einen Konflikt unter den Teppich zu kehren, bringt nichts. Irgendwann kommt alles wieder hoch. Meist hilft es zu reden, einander zuzuhören, Positionen zu klären und einen Weg zu finden, den beide gehen können.
Manchmal aber gelingt es trotz vieler Gespräche nicht, friedlich zusammenzuleben. Da hat einer mein Vertrauen so missbraucht, dass ich keine Chance für einen Neuanfang sehe. Da habe ich jemanden so tief verletzt, dass er meine Entschuldigung einfach nicht annehmen kann. Da nützt es auch nichts, wenn andere sagen: „Ihr seid doch Christen. Ihr müsst doch in Frieden miteinander leben“.

Ich glaube, wir als Christen können auch Frieden mit jemanden halten, indem wir auf Distanz gehen. Uns gegenseitig freigeben.
Meine oder deine Füße können nur frei stehen, wo unsere Räume getrennt sind. Der Streit oder die Verletzung werden nicht unter den Teppich gekehrt, aber wir lassen uns in Frieden ziehen.
Doch mir ist dabei wichtig zu beachten: Wo ich mich für eine friedliche Distanz entscheide, muss ich aufgeben, dem zu schaden, der mich enttäuscht oder verletzt hat. Ich lasse den anderen in Frieden und mache ihn nicht bei anderen schlecht. Das ist schwer genug. Aber es ist ein erster Schritt, auf dem Weg zum Frieden zwischen uns, bevor mein oder sein grollendes Herz friedfertig wird.

Auf eigenen Füßen stehen im Leben und im Glauben. Ein lohnendes Ziel, auch wenn es nicht immer leicht ist.
Ich vertraue darauf: Dass Gott mich hält, auch wenn ich zweifele und wanke.
Und dass mir Menschen zur Seite stehen, wie in jungen Jahren die Eltern oder die Großmutter. Menschen, die mir mit Rat und Tat helfen, meinen Weg zu finden. Ich vertraue darauf: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ (Ps 119,105).

Musik 5 J.S. Bach, Triosonate d-moll BWV 527, 1.: Andante

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