Von der Kunst, das Leben als Fest zu sehen
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Von der Kunst, das Leben als Fest zu sehen

Dr. Fabian Vogt
Ein Beitrag von

Dr. Fabian Vogt,

Evangelischer Pfarrer in der Öffentlichkeitsarbeit, Darmstadt

Musikkonzeption: Kantor Uwe Krause

Der griechische Philosoph Demokrit hat mal übermütig geschrieben: „Ein Leben ohne Feste ist wie eine Wanderung ohne Einkehr.“ Recht hat er. Man kann nicht immer nur unterwegs sein. Man muss auch mal innehalten, zu Atem kommen, das Erreichte feiern und für die nächste Etappe Kraft tanken. Deshalb ganz klar: „Ein Leben ohne Feste ist wie eine Wanderung ohne Einkehr.“
Feste sind die kostbaren Momente, in denen ich einen Schritt aus dem Alltag heraustrete, es mir zusammen mit anderen gut gehen lasse – und den Fluss des Gewohnten durchbreche. Kein Wunder, dass die Menschen schon immer gerne gefeiert haben … zu allen Zeiten, in allen Kulturen und zu ziemlich unterschiedlichen Anlässen.
Das Schöne dabei ist: Wenn Menschen feiern, dann geht es ganz oft um das pralle Leben: Geburt, Hochzeit, Sommeranfang, Beförderung, Erntedank, Jubiläum oder Konfirmation … ja, wir reden erstaunlicherweise sogar von „Trauer-Feiern“, vielleicht, weil wir es da genauso mit existentiellen Fragen zu tun bekommen.
Einige dieser großen Feste kommen inzwischen als Feiertage jedes Jahr wieder – so wie Erntedank, das ist ein besonderer Tag im Jahr, um zu überlegen und zu feiern, wofür ich eigentlich dankbar bin.
Ich glaube: In unseren Festen und Feiertagen bündelt sich das Leben in wie einem Brennglas. Sie sind so etwas wie verdichtete Zeit, in denen wir die wesentlichen Herausforderungen des Daseins in eine festliche Form bringen. Das heißt: Wir machen uns in den Festen die großen Wendepunkte des Jahres und eines Lebenslaufs immer neu bewusst. Und wenn das stimmt, dann lohnt es sich, der Lust am Feiern mal nachzuspüren, weil mir das dann ja hilft, bewusster und intensiver zu leben.
Mir persönlich helfen auch und ganz besonders die christlichen Feste und die kirchlichen Feiertage. Warum das so ist: Dem gehe ich heute mal nach.

Warum feiern wir eigentlich so gerne? Und was steckt hinter den christlichen Feiertagen? Eines ist klar: Ein Mensch, der weiß, was er feiert, wird einem Fest oder Feiertag deutlich mehr abgewinnen als jemand, der einfach nur einen drauf machen oder einen arbeitsfreien Tag erleben möchte.
Allerdings scheint es ja mit dem Wissen um die Feiertage nicht überall zum Besten bestellt zu sein. Jedenfalls machen Radiosender des Öfteren Interviews, bei denen Passanten nach der Bedeutung bestimmter Feste gefragt werden. Und die Ergebnisse sind ab und an erschütternd: Warum feiern wir Ostern? Antwort: „Keine Ahnung. War da nicht irgendwas mit einem heiligen Hasen? – Oder ist da nicht dieser Jesus auf einer Lotusblüte gen Mekka gefahren? – Nein, es ging, glaube ich, um Eier!“ Viele können offensichtlich nur wenig damit anfangen, dass Christen an Ostern feiern, dass Jesus vom Tod zu neuem Leben auferstanden ist.
Ich frage mich natürlich: Warum ist denn die Bedeutung vieler christlicher Feiertage im Lauf der Zeit verloren gegangen? Ich habe verschiedene Antworten gefunden: Zum einen hat das vermutlich damit zu tun, dass inzwischen weniger Menschen kirchlich eingebunden sind als früher. Vor allem aber gilt: Wir sind gerade in den westlichen Kulturen immer mehr aus den natürlichen Zyklen des Lebens ausgestiegen.
Mal ein Beispiel: Früher lebten die Menschen sehr intensiv mit dem Jahreszyklus. Sie hofften im Frühjahr auf eine gute Ernte und beteten im Herbst, dass die Vorräte auch reichen, um den Winter heil zu überstehen. In der dunklen Jahreszeit ging man früh ins Bett, weil man ja kein künstliches Licht hatte – und im Sommer hat man den ganzen Tag gearbeitet, um mit der Feldarbeit auf jeden Fall fertig zu werden. Außerdem war es im Winter wegen der Kälte meist unmöglich, auch nur bis ins Nachbardorf zu reisen.
Heute haben wir in den meisten Kulturen zu jeder Jahreszeit Licht, Wärme, Mobilität und Essen. Und das führt logischerweise dazu, dass der Jahreszyklus zunehmend an Bedeutung verliert. Mit deutlichen Konsequenzen: Jahrtausende lang standen die Bauern im Herbst stolz vor dem Ertrag ihrer Felder, freuten sich über die vollen Scheunen und jubelten: „Kommt, wir feiern ein Fest. Kommt, wir feiern unsere Ernte!“ Heute bekommen die meisten Menschen einmal im Monat ihr Gehalt überwiesen. Wann soll man da eigentlich „Ernte“ feiern?
Trotzdem ahnen wir natürlich, dass es jedem Menschen gut tut, für das, was ihm im Leben gelingt und was ihm geschenkt wird, dankbar zu sein. Man kann sogar sagen: Eigentlich brauchen wir nicht weniger, wir brauchen viel mehr „Erntedank-Momente“. Augenblicke, in denen wir uns bewusst machen, was alles geglückt ist. In denen wir das Gelingen feiern.
Und das gilt für viele andere Feiertage genau so: Natürlich ist es klug und sinnvoll, sich auch mindestens einmal im Jahr darüber Gedanken zu machen, was im eigenen Leben in den vergangenen Monaten vielleicht falsch gelaufen ist. Dafür gibt es den Buß- und Bettag. Oder: Am Ostersonntag wurde mit der Auferstehung Jesu schon immer auch die Möglichkeit eines persönlichen Neuanfangs gefeiert. Und am Ewigkeitssonntag hat man sich im November seit vielen, vielen Generationen mit der eigenen Sterblichkeit und der Hoffnung auf den Himmel auseinandergesetzt. Das waren und sind alles Feiertage, die anregen, sich regelmäßig den wesentlichen Fragen des Daseins zu stellen.
Ja, mehr noch, man kann sogar sagen: Eigentlich wird in den christlichen Feiertagen im Lauf eines Jahres einmal das gesamte Leben durchgefeiert: Von der Geburt und der Menschwerdung an Weihnachten über das Neuerwachen des Lebens an Ostern und die Kraft der Gemeinschaft an Pfingsten bis hin zu der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit im Herbst.
Wer die christlichen Feiertage bewusst begeht, der begegnet im Lauf eines Jahres einmal allen zentralen Herausforderungen des Menschseins und lernt, mit ihnen umzugehen. Eine Riesenchance.

Es ist eine Kunst, das Leben zu feiern. Und die christlichen Feiertage sind ein idealer Ausgangspunkt, um das Feiern zu lernen und sich mit ihrer Hilfe der großen Lebensfragen immer wieder bewusst zu werden.
Allerdings: Erfunden haben die Christinnen und Christen die Feiertage nicht. Das Feiern lag den Menschen schon immer Blut. Und als die Kulturen noch viel stärker als heute vom Jahreszyklus abhängig waren, wurden natürlich besonders gerne die Wendepunkte im Sonnenjahr gefeiert. Zum Beispiel die Wintersonnenwende, wenn man wusste: Heute ist die längste Nacht des Jahres. Sprich: Ab jetzt gibt es jeden Tag wieder ein bisschen mehr Licht – und demnächst wird dann auch der Frühling kommen.
Und weil man im römischen Reich dachte, die Wintersonnenwende fände am 25. Dezember statt, wurde dieser Tag im Jahr 274 kurzerhand zum Festtag des römischen Sonnengottes Sol ernannt: „Heute wird die Sonne neu geboren. Lasst uns feiern. Und zwar ein Riesenfest.“
Tja – und als dann das Christentum im Lauf des 4. Jahrhunderts dann nach und nach zur Staatsreligion wurde, fragten sich die Glaubenden natürlich: „Was machen wir denn jetzt mit diesem bedeutenden römischen Feiertag, den alle so gerne zelebrieren? Der ist zwar total heidnisch, aber die Wintersonnenwende ist ja tatsächlich wichtig – und es wäre doch äußerst schade, dieses beliebte Fest zu verlieren.“
Da fiel irgendwelchen klugen Köpfen plötzlich ein: Moment mal! Hat nicht Jesus von sich selbst gesagt, er sei das Licht der Welt? Und steht nicht bei einem Propheten in der Bibel der schöne Satz: „Den Glaubenden soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit“? (Maleachi) Natürlich! Versteht ihr nicht: Jesus ist quasi die Sonne. Ja, mehr noch: Er ist die wahre Sonne. Er macht das Leben hell. Und das heißt: Es gibt überhaupt keinen Grund, die Wintersonnenwende nicht mehr zu feiern. Im Gegenteil: Die Wintersonnenwende ist eigentlich ein christliches Fest. Das hat nur bislang keiner gewusst.
Und so wurde fortan am 25. Dezember nicht mehr die Geburt des Sonnengottes Sol, sondern die Geburt von Jesus Christus gefeiert. Der Feiertag wurde quasi adoptiert. War das unlauter? Ich finde nicht. Erstens kannte damals niemand das offizielle Geburtsdatum Jesu – und zweitens zeigt diese Entwicklung, dass es den Christinnen und Christen von Anfang an darauf ankam, ihre Feste mit den Lebensthemen zu verbinden, die die Menschen ohnehin beschäftigt haben. Insofern stecken in unserem Weihnachtsfest letztlich Jahrtausende alte Traditionen, Sehnsüchte und Hoffnungen – und die alles entscheidende Frage: Was lässt mein Leben hell werden?
So ging es dann auch fröhlich weiter: Weil Johannes der Täufer genau 6 Monate vor Jesus geboren sein soll, wurde die Sommersonnenwende zum Johannesfest. Und weil die römischen Frauen immer am 14. Februar zu Ehren der Göttin Juno Blumen geschenkt bekamen, erinnerte man sich an den Bischof Valentin, der ja die Menschen auch so gerne mit Blumen beschenkt hatte. Schwupps … war der Valentinstag geboren.
Das mag irritieren, vor allem aber heißt es: Weil in vielen christlichen Feiertagen ein Stück Erbe der Menschheit ruht, ermöglichen sie bis heute ein Eintauchen in die zeitlosen Themen des Daseins.

Wenn Menschen zusammen feiern, dann steckt darin eine besondere Kraft. Ja, Festzeiten sind besondere Zeiten, die über die Einzelne und den Einzelnen hinausweisen, weil sie den Menschen einladen, sich mit dem eigenen Leben auseinander zu setzen.
Lange haben Ethnologen darüber nachgedacht und geforscht, was beim Feiern eigentlich genau passiert – und sind dabei auf einige äußerst prägnante Kennzeichen echter Feiertage gekommen.
Zum Beispiel weisen sie darauf hin, dass sich ein echter Feiertag eindeutig vom Alltag unterscheiden sollte. Also: Wenn feiern, dann bitte richtig! Wer am Feiertag doch noch schnell seine Mails checkt oder den tropfenden Wasserhahn repariert, hat nach Meinung der Experten das Wesentliche nicht verstanden.
Wichtig ist nämlich: Bei aller Freude an der Festivität selbst dienen Feiertage vor allem der persönlichen Verankerung und der Vergewisserung: Wer bin ich? Was beschäftigt mich? Was hat mich in letzter Zeit geprägt? Und: Wo habe ich meine Wurzeln? Gerade die christlichen Feiertage laden ein, das eigene Leben immer neu unter bestimmten Fragestellungen sorgfältig zu betrachten.
Deshalb gehört zu einem gelungenen Feiertag immer auch der Blick nach vorne: Wer sich der eigenen Identität versichert, der fragt sich ja zugleich: Welche Entwicklungen wünsche ich mir? Wohin wird meine Reise gehen? Ein gutes Fest nimmt uns mit hinein in die zentralen Menschheitsfragen und macht uns Lust, uns neu zu verorten und auszurichten.
Vor allem aber helfen Feiertage, den Blick über den Tellerrand hinauszuwerfen und sich klar zu machen, in welche größeren Zusammenhänge wir eingebunden sind – und welche Rolle der Glaube dabei spielt. Deshalb war es für die Bauern der vergangenen Jahrhunderte auch selbstverständlich, sich an Erntedank nicht nur über die gute Ernte zu freuen, sondern auch zum Ausdruck zu bringen, dass der Himmel seinen Teil zu dieser Ernte beigetragen hat – und dass es richtig ist, Gott dafür zu danken.
Außerdem stiften Feiertage Gemeinschaft. Wen ich einlade, mit wem ich feiere, das drückt aus: Wir gehören zusammen. Das trägt dazu bei, eine soziale Identität zu entwickeln. Da, wo gut gefeiert wird, entwickelt sich ein starkes Miteinander. Studien belegen sogar: Wer keine Feste mehr feiert, der neigt viel eher zum Extremismus als einer, der seine Festtagstradition lebendig hält.
Kein Wunder: Wer bewusst feiert und die christlichen Feiertage aufmerksam begeht, der reflektiert ja immer wieder das eigene Dasein und setzt sich dabei auch mit den eigenen Ängsten und Sehnsüchten konstruktiv auseinander.

„Ein Leben ohne Feste ist wie eine Wanderung ohne Einkehr“, hat der griechische Philosoph Demokrit geschrieben. Und die christlichen Feiertage sind wie eine „Kleine Lebensschule“, weil in ihnen im Lauf eines Jahres alle zentralen Lebensthemen abgebildet werden.
Vielleicht ist deshalb die Erschaffung des Feiertags die allererste soziale Idee Gottes. Ja, noch bevor sich Gott über all die ethischen Herausforderungen menschlicher Taten Gedanken macht oder die berühmten 10 Gebote in Stein meißelt, ruft er den Feiertag ins Leben. Zumindest, wenn man der biblischen Schöpfungsgeschichte trauen mag.
Ja, Gott schafft noch während der Schöpfung einen speziellen Tag, an dem das Leben gefeiert werden soll. Und zwar einen Tag pro Woche. Mindestens. Und diesem Feiertag spricht Gott einen eigenen Segen zu. Sprich: Von Anfang gehört zum Leben das Feiern dazu. Und dieses Feiern ist gesegnet.
Dahinter steckt eine grundsätzliche Erkenntnis: Das menschliche Leben ist nur dann im Gleichgewicht, wenn es neben dem arbeitsreichen, vollen und anstrengenden Alltag auch Feiertage gibt. Und das sind eben nicht einfach nur freie Tage, sondern Tage, an denen ich Gott und das Leben feiere. Deshalb heißen sie ja „Feiertage“. Diesem echten Feiern sollten wir wieder auf die Spur kommen.
Der Dichter Jean Paul hat schon im frühen 19. Jahrhundert bemerkt: „In nichts offenbart sich die herzlose Maschinenhaftigkeit der Neueren mehr als in der Dürre ihrer Feste.“ Nein, dürr sollten unsere Feste nicht sein. Wenn man weiß, wie man Feiertage angemessen und lebensstiftend zelebrieren kann, dann lernt man auch, das Leben an sich zu feiern.
Kann man beim nächsten Feiertag ja einfach mal ausprobieren: Eintauchen in das jeweilige Thema und neugierig entdecken: Das hat ja was mit mir zu tun! Oder ich kann aus einem ganz normalen Sonntag wieder mal einen echten Feiertag machen, einen Tag, an dem ich mir selbst und Gott ein Stück näherkomme … zum Beispiel, indem ich mich zwischen Kaffeetrinken und Tatort mal ganz entspannt in den Garten oder auf den Balkon setze und mir in Ruhe durch den Kopf gehen lasse, was mir in der vergangenen Wochen so richtig gut getan und was mir das Leben schwer gemacht hat. Denn das meint ursprünglich „Feiern“: Sich Zeit nehmen und sich mit den wichtigen Fragen des Daseins beschäftigen.
Ich hab das mit dem Garten neulich ausprobiert. Und was soll ich sagen: Das war nicht nur sehr anregend, das war wie ein Fest. Funktioniert übrigens nicht nur im Garten, sondern auch in der Kirche. Denn ein Gottesdienst hat auch die Qualität: Ich mache etwas Besonderes. Ich feiere Gottesdienst und damit das, was das Leben ausmacht und den, von dem alles Leben kommt. Gott.

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