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Veränderung
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Veränderung

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Meine Großmutter liebte es, einmal im Jahr die Möbel zu verrücken und in der Wohnung in eine neue Ordnung zu bringen. Schmunzelnd nahmen das alle zur Kenntnis. Wirklich begeistert aber war niemand davon. Kann nicht alles bleiben, wie es ist? Es war doch gut so. Veränderungen machen unsicher. Sie erfordern, dass wir uns neu orientieren, uns in Frage stellen lassen, sie nehmen uns Sicherheit. Nicht jede Veränderung ist Verbesserung. Manchmal fand Großmutter selbst nicht mehr alles wieder, wenn das große Umräumen im Frühjahr beendet war. Kein Wunder, dass Menschen Veränderungen von Natur aus skeptisch gegenüber stehen. Dabei lehrte schon der antike Philosoph Heraklit 500 Jahre vor Christi Geburt, dass in der Natur alles beständig im Werden und Wandel begriffen ist. „Pantha rei“ – „alles fließt“ fasste man seine Philosophie früh zusammen. Nichts bleibt, wie es ist; nichts kann bleiben, wie es ist. Die Weisheit des Sufismus formuliert die Lehre von der notwendigen Veränderung als anschauliche und ermutigende Erzählung.
„Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer“, beginnt sie. „Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte: ‚Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.‘ ‚Aber wie sollte das zugehen?‘ ‚Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.‘ ‚Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?‘ ‚In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist‘, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. ‚Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.‘ Und der Fluss, so endet die Geschichte, ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.“
Veränderungen gehören zum Leben, ganz notwendig. Alles Menschliche ist unbeständig. Im Grunde ist das nichts, was uns ängstigen müsste. Die Erzählung vom Fluss kann Mut machen. Trotzdem ist da in uns eine Sehnsucht, die auf Beständigkeit zielt. Vielleicht ist unsere Erfahrung von dauernder Veränderung der Grund, weshalb wir Gott mit solchem Nachdruck Eigenschaften wie Ewigkeit, Treue und Unveränderlichkeit zuschreiben.
„Groß sind die Werke des Herrn, kostbar allen, die sich an ihnen freuen. / Er waltet in Hoheit und Pracht, / seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer. / Die Werke seiner Hände sind gerecht und beständig, / all seine Gebote sind verlässlich. / Sie stehen fest für immer und ewig, / geschaffen in Treue und Redlichkeit. / Er bestimmte seinen Bund für ewige Zeiten.“
Wenn Gott uns trägt, dann haben wir Bestand in aller Unbeständigkeit auch des kommenden Tages.

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