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Tatort Bibel - Kain und Abel
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Tatort Bibel - Kain und Abel

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von

Claudia Rudolff,

Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
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Heute Abend um 20:15 Uhr ist es wieder soweit. Die nächste Folge eines Tatorts kommt im Ersten. Für viele ist das eine Art Heilige Zeit, in der niemand anrufen oder stören darf. Manchmal versammeln sich noch ganze Familien, um gemeinsam zu verfolgen, wie die verschiedenen Kommissare aus allen Teilen der Republik auf Verbrecherjagd gehen und Morde aufklären.
Auch gleich zu Anfang der Bibel gibt es eine Art „Tatort“: Kain erschlägt Abel. Laut Bibel ist es der erste Mord der Menschheitsgeschichte. Ein Kurzkrimi der üblen Art - schließlich tötet Kain seinen eigenen Bruder. Er ist eifersüchtig auf Abel. Ein Mord aus Missgunst.
Einige kennen die Geschichte schon aus Kindertagen: Adam und Eva haben zwei Söhne. Der eine heißt Kain und ist ein Bauer. Der andere heißt Abel und ist Schäfer. So wie es damals üblich ist, bringen beide Brüder Gott ein Opfer: Abel von den Erstlingen seiner Herde und Kain von den Früchten seines Feldes. Aber Gott behandelt die beiden nicht gleich. Nur die Arbeit und Mühe von Abel bringt den gewünschten Erfolg und Gott sieht das Opfer gnädig an. Die Arbeit und Mühe von Kain beachtet Gott hingegen nicht.
Das frustriert Kain und er ist eifersüchtig auf Abel. Warum sieht Gott das Opfer von Kain nicht auch gnädig an? Die biblische Erzählung nennt dafür keinen Grund. Es fällt kein Wort darüber, dass Abel im Vergleich zu seinem Bruder besonders fromm war oder reinen Herzens! Oder dass er ein größeres Opfer gebracht hätte.
Nach Ansicht einiger alttestamentlicher Ausleger ist davon auszugehen, dass Abel in seiner Arbeit erfolgreich war, weil er eine gesunde Herde mit vielen Jungtieren besaß. Kain hingegen musste eine Missernte hinnehmen. Ein Umstand, für den Kain nicht verantwortlich ist. Ich kann seine Wut und seinen Neid verstehen.
Was hier als Konflikt zwischen 2 Brüdern geschildert wird, ist eine Erfahrung, die einige von uns auch kennen: Dem Erfolg des einen steht der Misserfolg des anderen gegenüber, ohne dass dafür ein ersichtlicher Grund auszumachen wäre!
Deshalb stellt sich auch für uns die Frage: Wie gehen wir mit dem Erfolg des anderen um, obwohl wir uns ebenso bemüht haben, dafür aber keine Anerkennung erhalten?
Beispiele finden sich in unserem Alltag leicht: Zwei arbeiten und versuchen, gewissenhaft ihre Arbeit zu machen und den Anforderungen gerecht zu werden. Die eine erhält öfters ein Lob von der Chefin, als der andere. Warum? Oft ist es nicht zu erklären. So erzählen es auch schon Kinder: Mehrere Schüler einer Klasse machen gern im Unterricht mit, aber nur der eine wird dafür ständig von der Lehrerin gelobt, die anderen nicht. Die Reihe der Beispiele könnte ich leicht fortsetzen.  

Kain ist aus verständlichen Gründen wütend und eifersüchtig. Er senkt finster seinen Blick und sieht Abel nicht mehr an. Gott bemerkt das und spricht zu ihm: „Warum senkst Du so zornig deinen Blick?“ Doch Kain antwortet nicht, sondern spricht zu Abel: „Lass uns auf mein Feld gehen.“ Als sie dort sind, erschlägt er ihn. Eine schreckliche Reaktion auf eine ungerechte Behandlung.

Warum lässt Kain seine Wut an seinem Bruder aus? Warumfängt Kain nicht an mit Gott zu diskutieren? Er sollte ihm sagen, dass er sich ungerecht und willkürlich behandelt fühlt. Logisch wäre es, sich direkt an den zu wenden, der der Grund für seinen Zorn ist. Aber Kain beseitigt lieber den Rivalen, anstatt mit Gott zu streiten, der sie erst zu Rivalen gemacht hat.
Vielleicht hat er keinen Mut, hat Angst sich mit Gott anzulegen und vergreift sich deshalb an seinem Bruder, der ihm schwächer als Gott erscheint.
Bestimmt hat er auch gedacht: Wenn Abel nicht mehr lebt, wird Gott nur Augen für mich haben und mich wertschätzen.
Wenn auch nicht mit diesen Konsequenzen, erkenne ich Kains Verhalten ansatzweise in meinem wieder: Wenn ich das Gefühl hatte, dass meine Eltern meine Schwester bevorzugten, richtete sich mein Unmut gegen meine Schwester, nicht gegen meine Eltern. Aus Eifersucht habe ich sie dann geärgert oder sie bei anderen schlecht gemacht. Ebenso werden immer wieder Kollegen, die beim Chef einen Stein im Brett haben, oft hinten herum von anderen als „Schleimer“ bezeichnet. Beim Chef wird sich nicht beschwert, wenn man sich im Vergleich zu anderen ungerecht behandelt fühlt.
Und so bleibt die Frage: Wie gehen wir mit dem Erfolg des anderen um, obwohl wir uns ebenso bemüht haben, dafür aber keine Anerkennung erhalten?
Für mich liegt ein möglicher Weg darin, mein Selbstwertgefühl nicht nur davon abhängig zu machen, ob mein Tun und Wirken Erfolg hat, auch wenn es leichter gesagt als getan ist. Das gelingt nur da, wo ich mich ernsthaft prüfe, ob ich redlich gehandelt oder gearbeitet habe.
Fühle ich mich dann ohne ersichtlichen Grund ungerecht behandelt, möchte ich den Mut finden, die Personen anzusprechen, die mir die Anerkennung verweigern und nicht mehr die niederzumachen, denen sie zuteil wird.
Ich möchte meinen Blick erheben und dem anderen ins Gesicht schauen und mich nicht auf Dauer von Eifersucht und Neid bestimmen lassen. Beide zerstören Beziehungen oder wie hier sogar ein Menschenleben.
Die Bluttat Kains bleibt nicht unentdeckt. Das Blut des Opfers schreit zum Himmel, heißt es in der biblischen Erzählung und ruft Gott selbst auf den Plan.

 „Wo ist dein Bruder Abel?“, fragt Gott. Kain zeigt keine Reue und antwortet nur frech: „Ich weiß nicht. Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Da fragt Gott: „Kain, was hast du getan?“
Auch wenn Gottes Verhalten zu Beginn der Geschichte undurchsichtig erscheint, so gibt er nun Kain die Gelegenheit, sein Schuld zu gestehen und um Vergebung zu bitten. Aber Kain erklärt sich nicht, er fängt nicht an nicht an, sich zu rechtfertigen oder gar Gott eine Mitschuld an dem Brudermord zu geben. Und er bittet schon gar nicht um Vergebung. Und Gott vergibt ihm auch nicht. Weil er es gar nicht kann. Denn: Wie soll man einem vergeben, der keine Reue zeigt, sondern der glaubt, mit einer Lüge davon zukommen?
Gott kann Kain so nicht vergeben. Als Strafe für den Brudermord verliert Kain deshalb den Schutz seiner Mitmenschen und muss fortan ein ruheloses und mühevolles Leben führen.
Wie so viele Mörder nach ihm klagt Kain über die Schwere seiner Strafe: „Ich habe keinen Acker und keine Heimat mehr. Ich muss fliehen und jeder darf mich totschlagen“. Gott kann Kain nicht vergeben. Aber er lässt bei den Folgen der Strafe mit sich reden. Er macht ein Zeichen an Kain, damit niemand ihn töte. Wer dies tut, soll siebenfach gerächt werden. Im Schutz dieses Zeichen flieht Kain in den Osten und muss dort in der Fremde leben. Nur seine Schuld nimmt er mit sich.
Obwohl Gott ihm ein Schutzzeichen gibt, hat die Geschichte für mich kein gutes Ende, denn Kain bleibt in seiner Schuld gefangen. Ohne Reue und Anerkenntnis von Schuld gibt es keinen Weg zurück ins Leben. Kain kann zwar seinen toten Bruder Abel nicht um Vergebung bitten. Aber er kann Verantwortung für sein Tun übernehmen, die Schuld gestehen und Gott um Vergebung bitten.
Damit ist das Böse ist nicht weggewischt. Aber dem Bösen ist die Macht genommen, das weitere Leben zu bestimmen.
Die Geschichte von Kain und Abel erinnert mich immer wieder dran: Ohne Schuldgeständnis und Vergebung gibt es keinen Neuanfang.
Ich weiß: Ich kann Vergebung bei niemandem einfordern und schon gar nicht erzwingen. Aber ich kann das meine dazu tun, dass Vergebung möglich wird, indem ich zu meiner Schuld stehe, sie bereue und um Verzeihung bitte.
Es ist ein schwerer Schritt, aber da, wo ich Vergebung erfahre oder gewähre, gibt es eine Zukunft.

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