Ihr Suchbegriff
Ostern stellt die Welt auf den Kopf
Bildquelle Pixabay

Ostern stellt die Welt auf den Kopf

Prof. Dr. Martin Hein
Ein Beitrag von Prof. Dr. Martin Hein, Bischof em. Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

Es ist Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu, das Fest des Lebens! Christus ist auferstanden! Unerhört, was sich da abgespielt hat. Und unerhört, was das für uns bedeutet, könnten wir das glauben!

Aber noch sind unsere Herzen gebannt von den Mächten des Todes. Noch sehen wir das unendliche Leid, das der Krieg im Nahen Osten verursacht. Wir sehen die Menschen, die zu uns kommen wollen. Sie versprechen sich bei uns ein Leben ohne ständige Gefährdung. Dabei spüren die Flüchtenden, wie Ablehnung und Ausgrenzung ihnen gegenüber zunehmen. Osterfreude will sich so nicht einstellen. Das Lied vom Sieg des Lebens will uns nicht über die Lippen gehen. Angst bleibt Angst, und Hass bleibt Hass, denken wir. Nichts scheint im Leben sicherer zu sein als der Tod. Ihn haben wir auf der Rechnung. Und die Welt, in der wir leben, kennt offensichtlich nichts anderes.

Doch hören wir, was Matthäus in seinem Evangelium an Undenkbarem, an schier Unfassbarem berichtet:

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.

4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;

7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen. (Matthäus 28,1-10)

Musik:   G. F Händel, La Resurrezione, Sinfonia

Unglaubliche Worte am Ostersonntag! Gegen alle Erfahrungen – gerade in diesem Jahr. Vom Erdbeben erzählt der Evangelist Matthäus, von einer Engelsgestalt, die wie ein Blitz aussieht, und von einem Ereignis, das überhaupt nicht in die Denkvorstellungen unserer Welt hineinpasst: „Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden.“

Jenen beiden Frauen am Morgen des Ostertages muss dieser Satz völlig widersinnig erschienen sein, und so ist es bis heute geblieben: Wir tun uns schwer mit diesem entscheidenden Datum, dem sich das Christentum verdankt. Wir tun uns schwer mit Ostern. Wir würden wir ja die Auferstehung Jesu Christi, den Sieg des Lebens über alle Mächte des Todes, gern als Wahrheit annehmen – allein, uns fehlt allzu oft der Glaube.

Erscheinungen der Gegenwart Gottes in dieser Welt, so berichtet es die Bibel, sind oft mit Bewegungen in der Schöpfung verbunden. Manchmal kündigt sich Gottes Nähe nur leise im Flirren der Luft, in einem stillen, sanften Sausen an. Manchmal aber scheint es, als würde die Erde aus den Fugen geraten, als würden die Berge zerspringen. Da gibt es kein Halten mehr!

Hier wird das Umwerfendste gesagt, das nach menschlichem Ermessen überhaupt gesagt werden kann. Die alles beherrschende Gewalt des Todes ist aufgehoben. Deshalb geht es nicht anders: da muss die Erde beben – und wir mit ihr. Denn das stellt unser Denken vollständig auf den Kopf – und die Vorstellung, die wir uns vom Leben machen. Da beginnt alles zu wackeln, auf das wir uns verlassen konnten. Es gibt etwas, das uns sicherer ist als der Tod!

Musik:  G. F. Händel, La Resurrezione, Sinfonia

„Er ist nicht hier; er ist auferstanden.“ Seien wir ehrlich: Das Allergewisseste, auf das wir uns tagtäglich verlassen, ist der Tod. Wenigstens der scheint festzustehen. Und mit ihm ist dann auch das Ende da. Unsere Erfahrung bestätigt diese Voraussetzung immer wieder: Wir müssen von Menschen Abschied nehmen, die wir liebten oder die uns etwas bedeutet haben. Wir erleiden es als bittere Niederlage, wenn die Verstrebungen, mit denen wir unser Leben absichern wollten, plötzlich wegbrechen und Beziehungen auseinandergehen. Wir werden von Krankheiten überfallen, obwohl es uns wenige Tage zuvor noch gut ging. Und die Bilder vom Sterben in der Welt, in Syrien, im Irak, in Somalia oder Äthiopien lassen sich nicht mehr verdrängen. All das setzt uns zu – aber ist es wirklich überraschend?

Wir rechnen nicht dauernd mit dem Tod, schon gar nicht mit dem eigenen, gewiss. Das würde uns depressiv machen. Doch es lässt sich einfach nicht verdrängen: Eines im Leben ist uns allemal sicher, ganz gleich, wer wir sind: der Tod! Und diese Aussicht macht uns Angst – oder sie macht uns zu großen Zynikern.

Und jetzt wird uns das absolute Gegenteil von dem verkündigt, was uns menschliche Vernunft und menschliche Erfahrung sagen: Es ist Ostern! „Er ist nicht hier; er ist auferstanden.“ Mit rechten Dingen kann das nicht zugehen, oder? Es sprengt den Rahmen, in den wir unsere Welt eingepasst haben, um uns darin zurechtfinden zu können. Soll das alles mit einem Mal nicht mehr gelten, soll auf einmal tot nicht mehr gleich tot sein?

Genau so ist es! Mit nichts Geringerem hat es der Osterglaube zu tun – und nichts Geringeres bringt er zum Ausdruck: Er ist der Widerspruch gegen unsere Anpassung in den Lauf der Welt! Er ist der Ruf ins Leben! Die Bewegung, mit der Gott das Leben aus dem Tod entfesselt und befreit. Sie reicht nicht nur in die Weite: Sie reicht in die Tiefe – dorthin, wo wir verankert sind. Deshalb muss die Erde beben. Es kehrt sich um, was bisher unumstößlich galt. Diesmal, dies eine Mal, kommt das Leben nicht auf leichten Flügeln daher, sondern es bricht auf, es bricht hervor: gewaltig und unwiderstehlich.

Musik:  J.S. Bach, Der Himmel lacht, die Erde jubilieret, Sonata

An der Bewegung aus der Tiefe hängt alles! Sie entzieht sich unseren Vorhersagen und unseren Versuchen, das Leben selbst im Griff zu haben. Die Bewegung aus der Tiefe – so versteht es unser Evangelium – ist die Rührung Gottes. Wenn Gottes Himmel die Erde berührt und die Bedingungen, unter denen wir leben, aufhebt, dann gibt es kein Halten mehr. Dann wird alles auf den Kopf gestellt. Dann fängt neues Leben an. Dann gewinnen wir eine ungeahnte Freiheit und eine unendliche Hoffnung.

Mit dem Tod auf der Rechnung, sagt die Vernunft, lässt es sich einfacher leben. Darauf zu vertrauen, dass an Ostern Gottes Macht den Tod besiegt hat, ist weitaus schwieriger. Denn ganz offensichtlich wird weiter gelitten und weiter gestorben – bei uns und überall in der Welt. Ist der entscheidende Satz, den das Christentum zu verkündigen hat – ist der Satz: „Er ist auferstanden“ doch nur reine Fantasie? Und ist die Vorstellung vom heilvollen Erbeben der Welt angesichts der Auferstehung Christi bloß frommes, naives Wunschdenken?

Wer sich diesen so vernünftig daherkommenden Gedankengängen und Einwänden hingibt, bei dem hat der Tod wieder die Oberhand. Ich will es gar nicht bestreiten: Man kann auch ohne Osterglauben, ohne die Hoffnung auf Gottes große Tat leben. Nur wie, fragt sich. Mancher gibt sich den Einwänden gegen Ostern, die so vernünftig daher kommen, einfach hin. Doch dann hat der Tod schon wieder gewonnen. Wie viel Trostlosigkeit gibt es, nur weil wir uns längst damit abgefunden haben, dass alles so bleibt, wie es nun einmal ist! Von Hoffnung, von Aufbruch, von Lebensmut keine Spur!

An Ostern fordert uns Gott heraus: Er will auch uns erschüttern. Wir sollen spüren, wie unser Vertrauen in die Auferstehung Jesu Christi unsere Verknöcherungen lockert. Auch die Verhärtungen werden weich und wir beginnen weiter zu schauen, als wir mit unseren Augen sehen oder mit unserem Verstand berechnen können. Wir entdecken jenen Überschuss des Lebens, den Gott für uns bereithält: mitten in dieser Welt die herrliche Freiheit der Kinder Gottes.

Musik:  J.S. Bach, Osteroratorium, Adagio

Für Matthäus und sein Evangelium steht außer Frage: Ohne Auferstehung Jesu Christi bleibt alles beim Alten. Da gibt es keine Hoffnung, weder jetzt noch später. Da nimmt die Welt einen schlimmen Lauf. Aber im Glauben an die Tat Gottes, der Christus in ein neues Leben ruft, ist uns die wichtigste Perspektive geschenkt, die unsere Mutlosigkeit, unsere Hoffnungslosigkeit und Trauer überwindet.

Es geht also letztlich, wie eigentlich immer, auch im Blick auf Ostern um unseren Glauben: um das Vertrauen darauf, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erden, stärker ist als alle Mächte, die uns Angst machen oder denen wir uns sang- und klanglos ergeben haben. So erleben wir, dass wir frei werden und unabhängig von Dingen, die uns gefangen nehmen. Unser Leben erhält eine neue Orientierung.

Wie so oft hat das Martin Luther auf den Punkt gebracht. Er schreibt: „Ich wollte niemals einen anderen Gedanken haben als den: die Auferstehung ist für mich geschehen.“

Musik:  J. S. Bach, Sinfonia zu „Ich habe meine Zuversicht“  

Die Erde bebt, das Grab bricht auf. Das verändert unser Denken, ja mehr noch: Es verändert unser ganzes Leben. Der Tod und seine mannigfachen Gehilfen bestimmen uns nicht mehr, auch wenn sie noch da sind. Sie haben keinen endgültigen Anspruch an uns. Das letzte Wort haben sie verloren.

Das Leben beginnt, wo Gott uns anrührt. Jene Frauen am Ostermorgen haben das als erste erlebt. Und sie haben daraus keinen Hehl gemacht, sondern es weitererzählt – gegen alle Vernunft und ohne es schon in seiner ganzen Tragweite abschätzen zu können – in dieser Spannung von „Furcht und großer Freude“. Gottes Möglichkeiten reichen weiter als unser eigenes Wissen und Wollen. Der Glaube an seine Macht beschwingt uns und nimmt uns die Erdenschwere. Wir haben allen Grund, mitten in allem, was uns an Sorgen und Ängsten bewegt, fröhlich zu sein, und wir haben eine Hoffnung, die uns schon jetzt über die Grenze des Todes trägt.

Und das alles, weil dieser eine Satz gilt: „Er ist auferstanden.“ Gott sei Dank. 

Musik: J.S. Bach, Osteroratorium, Sinfonia

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren