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Laut lesen
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Laut lesen

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Eine Kindergartenfreundin meiner Tochter konnte mit 5 Jahren noch kein Wort sprechen. Sie war ein fröhliches und freundliches Kind. Auch wenn ihre Mutter vor lauter Sorge mit ihr ein ganz schönes Pensum an Heilbehandlungen absolvierte: Logopädie, Maltherapie, Reiten. Wenn das Geld gereicht hätte, wären Mutter und Kind sicher auch ans Rote Meer gefahren, wo man mit Delphinen schwimmen und von deren Sprechfähigkeiten lernen kann.

Ich kann das verstehen. Es ist nicht leicht zu ertragen, wenn ein Kind sich nicht so entwickelt wie alle anderen. Ich hätte es wahrscheinlich auch so gemacht. Mit 6 Jahren kommt das Mädchen in eine Schule für Sprachbehinderte. Dort lernt sie wie alle anderen Kinder das Alphabet. Jeden Buchstaben einzeln. Mit dem Schreiben jedes einzelnen Buchstabens, lernt das Mädchen, diese auch auszusprechen. Nach einer Weile kann sie laut lesen. Und eine kurze Zeit später auch frei sprechen, ohne dass sie die Buchstaben vor Augen haben muss.

Durch das laut Lesen hat das Mädchen sprechen gelernt. Einfach so. Ich hätte das nicht mehr für möglich gehalten. Mittlerweile ist sie eine junge Frau. Wenn sie anruft, quatscht sie mir das Ohr ab. Vielleicht muss sie ja alles nachholen, was sie in den ersten 6 Jahren nicht gesprochen hat. Die körperliche Erfahrung des lauten Lesens muss etwas freigesetzt haben – in ihrem Gehirn und in ihrer Seele.

Viele Menschen machen diese Erfahrung: Es ist etwas ganz Anderes, etwas laut zu lesen, statt nur mit den Augen die Buchstaben zu verfolgen. Der deutsche Schriftsteller Patrick Roth erklärt es: „Das laut Gelesene schiebt sich, …, in eine Region unseres Hirns, die sonst nur „wirklich Erlebtem“ vorbehalten ist, drängt sich hinein – unser Verstand unterscheidet es kaum mehr -, findet dort Platz.“ Soweit Patrick Roth. Wenn ich also etwas laut lese, dann bin ich so tief drin in der Geschichte oder in dem Gedicht, dass ich fast meine, die Handlung selbst zu erleben.

Ich habe das selbst mal ausprobiert. Das ganze Markusevangelium habe ich laut gelesen. Auf einmal war ich selbst Jünger und mit Jesus in Galiläa unterwegs. Als ich am Ende die Bibel zur Seite legte, musste ich mich erst mal schütteln, um mich ins Hier und Jetzt zurückzubringen. Lautlesen geht natürlich nicht überall und zu jeder Zeit. Manchmal gelingt es mir aber, einen geeigneten Ort und eine gute Zeit dafür zu finden. Irgendwann stellt sich das Erlebnis dann ein: es ist, als steckte ich in dem Text mit drin.

Früher wurde viel laut gelesen, weil gar nicht so viele Menschen selbst lesen konnten. Die Bibel ist eigentlich ein Vorlesebuch oder zumindest ein Lautlesebuch. Sie ist fürs Erklingen gemacht. Dann ist sie nicht abgehoben und aus fernen Zeiten und Welten, sondern wird persönlich. Das lateinische Wort „personare“ heißt „erklingen“. Wenn ich einem Text meine Stimme gebe, dann verbinden sich Text, mein persönlicher Rhythmus und Klang. Auch wenn Sie jetzt keine Bibel zur Hand haben und auch keinen Gedichtband: Probieren Sie es aus – gleich heute Abend!

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