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Gott sieht mich
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Gott sieht mich

Karl Waldeck
Ein Beitrag von Karl Waldeck, Direktor Evangelische Akademie, Hofgeismar

Die Antwort des Menschen darauf heißt Liebe und Hoffnung

„Du siehst mich“. Das ist das Motto des diesjährigen 36. Deutschen Evangelischen Kirchen­tags. Am heutigen Samstag klingt er in Berlin aus. Morgen am Sonntag wird er mit einem großen Festgottesdienst abgeschlossen − in Wittenberg, dem Ort, an dem vor 500 Jahren die Reformation ihren Anfang nahm.
„Du siehst mich.“ Aus diesem Satz spricht das Glück und Vertrauen einer Frau, der Gott in einer Lebenskrise, in einer aktuellen Notlage geholfen hat. So berichtet es die Bibel. Gott sieht auf den Menschen; der Mensch ist Gott nicht gleichgültig – im Gegenteil. Das ist das große Ja, das große Plus, das als Vorzeichen vor dieser Welt und der Menschheit steht – bereits jetzt. „Du siehst mich“ ist zugleich ein Appell an den Menschen, sich seinem Mit­menschen zuzuwenden: „Sehen“, „Hinsehen“ stiftet Beziehungen. Beides steht am Anfang des Weges, an dessen Ziel der Mensch dem Menschen ein Helfer sein wird.
Noch ist dieses Ziel nicht erreicht; noch ist die Menschheit keine Gemeinschaft – weder der Helfer, noch eine Gemeinschaft der Sehenden: Mit Blick auf den Mitmenschen und auf Gott. Der Apostel Paulus beschreibt das so: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

Jetzt und dann: Unser Wissen ist Stückwerk, das Wissen von und über Gott, aber auch, was wir über den Gang dieser Welt, über unseren Mitmenschen und über uns selber sagen können. Noch sehen wir, folgt man Paulus, durch einen Spiegel, das heißt: Das Bild ist spie­gelverkehrt; wir sehen in einem dunklen Bild. Wer und was wir sind und sein werden, ist noch nicht klar erkennbar.
Das kann, das soll und das wird sich ändern, so lautet die christliche Hoffnung. Das Datum, der Zeitpunkt hierfür stehen noch nicht fest. Alle Religionen, Parteien und soziale Bewe­gungen, die behaupten, sie hätten bereits jetzt den genauen Durchblick, wie es um Gott, diese Welt und die Menschheit bestellt ist, oder sie hätten das Paradies auf Erden ge­schaffen, sind deshalb mit ihrem Anspruch grandios gescheitert − im glücklichen Fall ohne Blutvergießen.

„Du siehst mich.“ Der christliche Glaube vertraut auf einen Gott, der sich dem Menschen zuwendet, dem diese Welt nicht gleichgültig ist. Wer auf diesen Gott vertraut, verzichtet zugleich darauf, absolute Wahrheitsansprüche in Abgrenzung zu anderen formulieren und durchsetzen zu wollen. Christlicher Glaube ist an der Liebe erkennbar – zu Gott und den Mitmenschen − und an der Hoffnung, dass diese Welt, dass Gott und Mensch für immer in Liebe verbunden sein werden.

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