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Gibt es Schutzengel?
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Gibt es Schutzengel?

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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„Da hat Ihr Schutzengel aber ganze Arbeit geleistet.“ Ich hatte vor ein paar Jahren einen Unfall. Und das war damals das erste, was der Arzt in der Notaufnahme zu mir gesagt hat. „Da hat Ihr Schutzengel aber ganze Arbeit geleistet.“ Der Arzt hatte Recht: Der Unfall hätte wirklich schlimm ausgehen können. Ich hatte Glück im Unglück. Ob ich das einem Engel zu verdanken hatte? Da bin ich mir nicht so sicher. Aber eine schöne Vorstellung ist es schon. Dass da jemand auf mich aufgepasst hat. So eine Art höheres Wesen, das schützend vor mir stand. Ein Engel eben.

Etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland glaubt an Schutzengel

Es gibt eine Menge Leute, die an Schutzengel glauben. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2016 tut das ungefähr die Hälfte der Menschen in Deutschland. Es ist also kein Wunder, dass man Engel fast überall findet: Sie hängen am Autoschlüssel. Sie stehen zur Deko auf dem Regal oder werden als Bild gepostet. Manchmal sind sie klein und pummelig und niedlich. Manchmal groß und schlank. Oft haben sie Flügel.

Der Renner unter den Taufsprüchen

Engel sind beliebt. Auch bei Taufeltern. Es gibt einen absoluten Renner unter den Taufsprüchen. Er stammt aus einem alten Gebet in der Bibel. Dort steht: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Eltern wünschen sich einen Schutzengel für Ihr Kind

Ich kann verstehen, dass dieser Bibelvers gut ankommt. Als Mutter, als Vater wünscht man sich einen solchen Engel für das eigene Kind. Einen, der auf mein Kind aufpasst. Der mitgeht. Damit nichts Schlimmes passiert. Es gibt so vieles, was wir als Eltern nicht in der Hand haben. Wo wir uns ohnmächtig fühlen. Und auch sind.

Engel sind kein magischer Schutz

Aber: Auch mit einem Schutzengel an der Seite werden unsere Kinder stolpern und stürzen. Nicht nur über Steine. Sie werden sich das Knie auf- und den Zahn ausschlagen. Sie werden Bauchweh und Fieber haben. Sie werden eine Fünf in der Mathearbeit nach Hause bringen. Und irgendwann werden sie unter dem ersten Liebeskummer leiden. Nichts und niemand kann sie davor bewahren. Träume platzen und Beziehungen zerbrechen. Nichts und niemand kann uns davor bewahren. Auch Engel nicht. Sie sind kein magischer Schutz.

Wo sind die Engel bei all den anderen Menschen auf der Welt?

Und überhaupt: Es geht ja nicht nur um meine Kinder. Oder um mich. Was ist denn mit all den anderen Menschen auf dieser Welt? Wo sind die Schutzengel, wenn Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ertrinken? Wo sind die Engel, wenn Menschen verhungern, wenn sie wegen ihres Glaubens oder ihres Aussehens verfolgt und ermordet werden? Wo sind sie dann, die Engel?

Ich merke: So einfach ist es nicht. Gibt es Engel und, wenn ja, wozu sind sie dann gut? Wo finde ich sie?

Michaelistag: der Gedenktag aller Engel

Gibt es Engel und wozu sind Engel gut? Eine Antwort auf diese Fragen gibt der Michaelistag. Der Gedenktag des Erzengels Michael und aller Engel. Er wird übermorgen, am Dienstag, den 29. September gefeiert.

Die Boten Gottes

An diesem Tag geht es um die Engel aus der Bibel. Die Geschichten über sie sind vielfältig: In der Bibel überbringen Engel wichtige Nachrichten und flüstern diese jungen Frauen ins Ohr. Sie verkünden den Hirten die Geburt Jesu. Sie bewachen den Zugang zum Paradies. Und am Ostermorgen bewachen sie das leere Grab, nachdem Jesus vom Tod auferstanden ist. Engel können Gefängnismauern sprengen, und sie stellen sich Menschen in den Weg, wenn die in die Irre gehen. Egal, was Engel tun, sie sind im Auftrag Gottes unterwegs. Sie sind Gottes Boten.

Engel in der Bibel sind kein bisschen niedlich

Dabei sehen sie in der Bibel ganz unterschiedlich aus. Mal werden sie als Lichtgestalt mit Flügeln beschrieben, mal mit flammendem Schwert in der Hand, mal als Wesen, die wie normale Menschen wirken. Eines aber haben alle Engel in der Bibel gemeinsam: Sie sind kein bisschen niedlich. Sie sind eindrucksvolle, starke Gestalten.

Der Anführer der Engel

Am wenigstens niedlich ist wahrscheinlich ihr Anführer: der Erzengel Michael. Von ihm wird im letzten Buch der Bibel erzählt. In der Offenbarung des Sehers Johannes.

Michael ist ein Kämpfer. Er besiegt das Böse in Gestalt eines Drachen und er wirft es aus dem Himmel. Das Böse ist damit nicht aus der Welt, der Kampf geht weiter. Aber Gott hat die Macht des Bösen gebrochen. Ein für alle Mal.

Der Erzengel Michael ein Superheld?

Dieser kämpfende Engel Michael ist ein beliebtes Motiv in der Kunst. So wie er traditionell dargestellt wird, passt er heutzutage gut in die Reihe moderner Superhelden. Mich erinnert er ein bisschen an Captain America von den Avengers oder an Wolverine von den X-Men. Zwei Superhelden aus dem Marvel-Universum. Sie sind übermenschlich stark, ausdauernd und superschnell. Sie gehören zu den Guten. Ihre Aufgabe ist es, die Welt zu retten. Immer wieder.

„Mi-cha-el“ bedeutet soviel wie „Wer ist wie Gott?“

Aber im Gegensatz zu ihnen ist der Erzengel Michael nicht der eigentliche Held seiner Geschichte. Das ist ein anderer. Das zeigt schon sein Name. „Mi-cha-el“ – das ist Hebräisch und bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie: „Wer ist wie Gott?“

Das ist eine gute Frage, und sie klingt uns bis heute im Ohr. Jeden Tag, wenn wir den Michaels und Michaelas, den Mikes, Mikahs und Michis dieser Welt begegnen. Dann hören wir in ihrem Namen den Erzengel Michael, wie er sagt: Wer ist wie Gott? Antwort: Kein Mensch! Darum: Schaut nicht auf mich. Den Engel. Ich bin nur der Bote. Schaut auf den, der hinter mir steht. Für den ich kämpfe. Schaut auf Gott. Und fragt euch: Wer ist wie Gott? Und: Wer wollt ihr sein?

„Wer einen Engel zum Freund hat, braucht die ganze Welt nicht mehr zu fürchten.“

Ich gebe zu, die kämpferische Gestalt des Erzengels Michael ist bestimmt nicht die erste, die mir einfällt, wenn ich an einen Schutzengel denke. Er hat so gar nichts Liebevolles, Sanftes und Behütendes an sich. Andererseits: Manchmal braucht man einen wirklich starken Engel. Ich kann mir vorstellen, dass Michael genau die Art von Engel ist, die Martin Luther als Schutzengel vorschwebte. Luther soll nämlich gesagt haben: „Wer einen Engel zum Freund hat, braucht die ganze Welt nicht mehr zu fürchten.“

Ein Engel wie Michael kann den Blick verändern

Wer einen Engel zum Freund hat, der oder die braucht die Welt nicht zu fürchten. Der Erzengel Michael, so wie er in der Bibel beschrieben ist, scheint mir ein guter Freund zu sein. Und das nicht, weil er kräftig genug wäre, jeden von uns auf Händen zu tragen. Über Steine oder Schlimmeres. Die Gefahren des Lebens kann auch ein Michael nicht aus der Welt schaffen. Aber ein Engel wie Michael kann meinen Blick verändern. Mit Gottes Hilfe. Wenn mir Steine im Weg liegen, kann der Gedanke an ihn meine Zuversicht stärken: Irgendwie wirst du diese Steine wegräumen. Du wirst an ihnen vorbeikommen. Geh nicht in die Knie! Gib nicht auf! Mit einem Engel wie Michael an der Seite kann ich mich dem Leben stellen. Kann ich kämpfen, wenn es nötig ist.

Es gibt keinen Engellieferservice

Die Frage ist nur, wo finde ich einen solchen Engel? Die Engelsfiguren im Regal oder am Schlüsselbund erinnern daran: Es gibt diese beschützende Kraft Gottes. Aber ansonsten flattern Engel nicht durch meinen Alltag. Ich kann sie mir auch nicht beim Engellieferservice bestellen.

Engel müssen nicht immer Flügel haben

Aber hin und wieder, glaube ich, begegnet man ihnen. Unverhofft. Es müssen nämlich nicht immer Männer mit Flügeln sein. Manchmal ist es die beste Freundin. Zur rechten Zeit ruft sie an und fragt, ob sie vorbeikommen kann. Mal ist es der Arbeitskollege. Er schiebt einen Kaffee und ein Stück Kuchen über den Tisch und sagt: Mach mal Pause. Und dann denke ich: Danke, dich schickt der Himmel.

Es gibt die Spuren von Engeln im Alltag

Hin und wieder merkt man die Spuren von Engeln erst im Nachhinein. So wie ich damals bei meinem Unfall, der schlimm hätte ausgehen können. Den hatte kein Engel verhindert, aber ich war trotzdem nicht allein. Der Notarzt stand mir zur Seite. Mit einer Engelsgeduld hat er sich um mich gekümmert. Er hat meine Verletzungen behandelt, mir Mut zugesprochen, meine Angst gelindert. Flügel hatte er nicht. Zumindest konnte ich unter seinem OP-Kittel keine erkennen. Aber eins weiß ich genau: Er hat ganze Arbeit geleistet. Vielleicht hieß er ja Michael?

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