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Erinnerung - ein Paradies?
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Erinnerung - ein Paradies?

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Je älter du wirst, desto mehr lebst du von der Erinnerung. Diesen Satz hat mir mein Nachbar Karl gesagt, der noch ein paar Jahre älter ist als ich mit meinen vierundsiebzig Jahren. Er sprach aus Erfahrung wie er sagte. Vielleicht wollte er mich damit in meinem eigenen Älterwerden stärken oder trösten.

Seine Erfahrung kenne ich auch. Mir fällt häufig etwas ein, was früher einmal war und jetzt nicht mehr ist. In einer Seniorenrunde, die ich einmal in der Woche leite, ist diese Erfahrung ganz lebendig. Die alten Menschen erzählen von ihrer Jugend, sie singen Lieder von damals, erinnern sich an Menschen, die einmal zu ihnen gehört haben.

„Manchmal wird die Erinnerung zu einem Paradies, aus dem uns niemand vertreiben kann“, sagte mein Nachbar. Diesen Satz hat vor über zweihundert Jahren der Dichter Jean Paul niedergeschrieben.

Nicht jede Erinnerung ist paradiesisch. Es gibt auch Erinnerungen an schwere Tage oder böses Geschick. Dann fällt das Erinnern schwer und tut auch weh. Je nachdem, was man von seinem Leben erinnert und an welche Menschen man zurückdenkt ist die Erinnerung verschieden, mal paradiesisch, mal schwer.

Doch in jedem Fall bewahrt sie etwas auf, was zwar der Vergangenheit angehört, aber nicht einfach weg ist, als hätte es das niemals gegeben. Das Wort Erinnerung drückt das bildhaft aus. Wir nehmen in unser Inneres, in Seele und Gedächtnis auf, was äußerlich nicht mehr da ist.

Das kann die Erinnerung an glückliche Tage mit fröhlichem Lachen und guten Menschen sein oder auch die an schwere Zeiten, in denen man manches verloren hat – Glück, Gesundheit, Freunde.

In meinem Beruf als Pfarrer ist mir das immer bewusst, wenn ich jemanden beerdigt habe. Die Situation des Abschieds ist ganz besonders von Erinnerung erfüllt. Da denkt man über den Lebensweg eines Menschen noch einmal nach; ehrende Nachworte werden gesagt. Das kann nur geschehen, weil wir Menschen diese Fähigkeit der Erinnerung haben, eben etwas im Gedächtnis zu behalten, was einmal war und nicht mehr ist.

Und je älter du wirst, desto mehr lebst du von der Erinnerung. So hat es mir mein Nachbar Karl gesagt. Und dann hat er mich an eine Stelle in der Bibel erinnert, die ich in Gottesdiensten und auch bei Beerdigungen öfter zitiert hätte. Man kann man sie im Buch des Predigers, drittes Kapitel nachlesen.

Alles im Leben hat seine Zeit,
geboren werden hat seine Zeit
und sterben hat seine Zeit,
das Leben begrüßen und
von ihm Abschied nehmen müssen.
Säen hat seine Zeit
und ernten hat seine Zeit,
pflanzen hat seine Zeit,
lieben und streiten,
klagen und tanzen,
Hohes und Tiefes,
Glück und Leid.


Alles im Leben hat seine Zeit, doch Gott hält alle Zeit in seiner Hand. Und so habe ich erkannt, dass es für uns nichts Besseres gibt, als sich an das Gute im eignen Leben zu erinnern und gut zueinander zu bleiben, solange wir sind.

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